Zufriedenheit am Arbeitsplatz sieht anders aus

Mindener Tageblatt

Hohe Krankenstände und steigende psychische Belastung lassen Zweifel an Studie aufkommen

VON MATTHIAS WIESEL

Minden (mt). Neun von zehn Arbeitnehmern sind mit ihrem Job vollauf zufrieden, vermeldet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Doch blickt man auf die Zahl der Krankenstände werden Zweifel daran wach. Der Mindener Arbeitsmediziner Dr. Wolfgang Sieke beobachtet einen Zuwachs an Stress und Überforderung - Zufriedenheit sieht anders aus.

Mit Statistiken sei das immer so eine Sache, sagt Wolfgang Sieke. Dass hierzulande 88 Prozent der Beschäftigten mit ihrer Arbeit zufrieden sein sollen, "das halte ich für sehr optimistisch", sagt er.

Tatsächlich ist es nicht gerade eine leichte Disziplin, die Zufriedenheit am Arbeitsplatz statistisch zu erfassen. Art der Tätigkeit, Arbeitszeiten, Bezahlung und Arbeitsklima sind nur einige Faktoren, die Aufschluss über die Qualität der Arbeit geben können. Und so bleibt auch der Versuch, die Statistik mit Blick auf arbeitsbedingte Erkrankungen und Fehlzeiten zu beurteilen, nur eine Annäherung.

Krankenstand im Kreis liegt über Landesschnitt

Wie es um die Zufriedenheit der Arbeitnehmer in Minden und Umgebung steht, darüber können die örtlichen Krankenkassen keine Aussage treffen. Aber sie führen Statistiken über Fehlzeiten und haben diese nach Krankheitsarten aufgegliedert. Zahlen der DAK-Versicherten von 2011 zeigen: Nicht nur in NRW sondern auch im Kreis Minden-Lübbecke hat sich der Krankenstand im Vergleich zum Vorjahr erhöht, von 3,5 auf 3,7 Prozent. Damit liegt der Kreis knapp über dem Landesschnitt (3,5 Prozent). Auch die BKK Melitta Plus und die Barmer GEK vermelden einen Anstieg der Krankenstände.

Einen höheren Krankenstand für den Kreis Minden-Lübbecke als in NRW stellt auch die Techniker Krankenkasse fest. In Nordrhein-Westfalen sei jeder Erwerbstätige in 2012 durchschnittlich 14,49 Tage krankgeschrieben gewesen. "Der Kreis Minden-Lübbecke liegt mit 15,48 Tagen deutlich über diesem Wert."

Was die Krankheitsarten betrifft, hebt Beate Hanak, Sprecherin der Techniker Krankenkasse in NRW, hervor: "Rückenschmerzen, Psychische Probleme sowie akute Infekte der oberen Atemwege waren auch 2012 als Einzeldiagnosen wieder für die meisten Fehlzeiten verantwortlich." Näheren Aufschluss geben die Daten der DAK-Versicherten von 2011: Demnach machten psychische Erkrankungen 12,8 Prozent der Erkrankungen aus und stehen damit inzwischen an dritter Stelle.

Mit 170 Arbeitsunfähigkeitstagen pro Hundert DAK-Versicherten liegt der Kreis bei den psychischen Erkrankungen zwar unter dem Landeswert (194), doch die Zahl wächst. Auch Holger Kuhlmann von der BKK Melitta Plus stellt fest, dass psychische Erkrankungen zunehmend eine Rolle spielen: Sie nähmen kontinuierlich zu und hätten sich von 1976 (0,46 Tage je Mitglied) bis 2011 (2,31 Tage) verfünffacht.

Eine Beobachtung, die Arbeitsmediziner Wolfgang Sieke teilt. "Ich höre bei meinen Patienten immer wieder von wachsendem Stress und teilweise Überforderung auf der Arbeit." Während die rein physischen Tätigkeiten im Beruf abnähmen, steige die Zahl der psychisch belastenden Tätigkeiten. Besonders betroffen seien Arbeitnehmer mit Kontrolltätigkeiten und Arbeitnehmer im Gesundheitswesen, insbesondere in der Alterspflege. Grund sei, dass immer weniger Leute dieselbe Arbeit machen müssten.

Positiver und negativer Stress

Auf die Arbeitszufriedenheit wirken sich Zeitdruck und Stress laut der IW-Umfrage hierzulande kaum aus. 85 Prozent der Beschäftigten, die in hohem Tempo arbeiten müssen und zugleich Stress empfinden, seien dennoch mit ihrer Arbeit zufrieden. Wolfgang Sieke erklärt das so: "Man muss klar zwischen positivem und negativem Stress unterscheiden." Die Grenze sei fließend und verlaufe bei jedem Mitarbeiter unterschiedlich. Im Gegensatz zum positiven Stress führe negativer Stress zur Überlastung und trete häufig infolge vieler Überstunden auf oder wenn sich Arbeit und Freizeit vermischen. Siekes Lösungsvorschlag: Um Krankenstände zu senken und für Zufriedenheit am Arbeitsplatz zu sorgen, muss der Personalabbau gestoppt werden.

Copyright: Mindener Tageblatt, 02.07.13

 
 
 
 

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