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Unklare körperliche Beschwerden (funktionelle Körperbeschwerden)

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    Viele Menschen haben anhaltende körperliche Beschwerden, für die sich keine medizinische Ursache finden lässt. Um besser mit unklaren Schmerzen, Verdauungsproblemen oder Kreislaufstörungen zurechtzukommen, ist es wichtig, aktiv zu bleiben und den Umgang mit Belastungen und Konflikten zu überdenken.

    Einleitung

    Jeder kennt Beschwerden wie Kopfschmerzen, Durchfall oder Schwindel. Sie können unangenehm sein, verschwinden aber meist nach kurzer Zeit wieder. Wenn sie anhalten, gibt es oft eine bestimmte Ursache für die Beschwerden. Manchmal finden Ärztinnen oder Ärzte aber auch keine eindeutige Erklärung. Dann kann es sich um sogenannte funktionelle Körperbeschwerden handeln. Davon spricht man, wenn körperliche Beschwerden bestehen, ohne dass sich eine körperliche Ursache wie beispielsweise eine Entzündung oder eine Verletzung feststellen lässt.

    Beschwerden, deren Auslöser unbekannt sind, können verunsichern – oft verschwinden sie aber innerhalb weniger Wochen von selbst wieder oder lassen sich lindern. Zunächst ist es wichtig, im Alltag aktiv zu bleiben und Wege zu finden, mit den Beschwerden umzugehen.

    Wenn die Beschwerden lange andauern und sehr belastend werden, können weitergehende Hilfen infrage kommen – beispielsweise eine psychotherapeutische Unterstützung. Medikamente helfen auf Dauer, wenn überhaupt, nur sehr begrenzt. Es kann frustrierend sein, wenn man anhaltende Beschwerden hat, die Ärztin oder der Arzt aber keine Ursache findet. Das bedeutet jedoch nicht, dass man sich nur etwas einbildet oder nichts tun kann.

    In diesem Text geht es in erster Linie um Erwachsene. Bei Kindern unterscheiden sich Ursachen, Symptome und Behandlungen teilweise.

    Symptome

    Häufige Beschwerden ohne klare Ursache sind:

    • Schmerzen, vor allem Kopf-, Bauch-, Rücken- und Muskelschmerzen,
    • Magen- und Darmprobleme wie Übelkeit, Erbrechen, Blähungen, Durchfall und Verstopfung
    • Kreislaufstörungen wie Benommenheit, Herzrasen und Beklemmungsgefühle
    • Erschöpfung, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen
    • Schwindel
    • Atemnot und panikartige Anfälle, bei denen sich die Atmung stark beschleunigt und vertieft (Hyperventilation)
    • Verkrampfungen und Muskelverspannungen
    • Empfindungsstörungen wie Juckreiz, Kribbeln und Taubheitsgefühle
    • Blasenbeschwerden wie starker Harndrang und schmerzhaftes Wasserlassen

    Ängste und depressive Gefühle können hinzukommen. Manche Menschen haben auch ein starkes Fremdkörpergefühl oder ertasten immer wieder etwas vermeintlich Auffälliges.

    Eine Fibromyalgie oder ein Reizdarmsyndrom können ebenfalls Symptome verursachen, die belastend sind, sich zunächst aber nur schwer erklären lassen. Deshalb gibt es bei diesen Krankheitsbildern viele Überschneidungen zu funktionellen Körperbeschwerden.

    Ursachen

    Dass keine körperliche Ursache gefunden wird, heißt nicht, dass es keine Gründe für die Beschwerden gibt. Wahrscheinlich treffen oft körperliche Faktoren und psychische Einflüsse zusammen: zum Beispiel Überforderung, frühere Erkrankungen, eine familiäre Veranlagung, schwierige Lebensumstände oder zwischenmenschliche Konflikte.

    Wie intensiv körperliche Beschwerden erlebt werden und wie mit ihnen umgegangen wird, ist unterschiedlich: Der eine erlebt sie als sehr stark und einschränkend, während ein anderer ihnen nur wenig Beachtung schenkt. Es spielt auch eine Rolle, wie jemand mit Belastungen umgeht.

    Zudem kann es sein, dass ein Organ zwar gesund ist, aber nicht mehr richtig funktioniert. Deshalb spricht man auch von „funktionellen Körperbeschwerden“. Ein Beispiel ist der Darm: Vielleicht ist er weder verletzt noch entzündet oder bösartig verändert – und doch macht die Verdauung Probleme. Die Darmfunktion kann beispielsweise durch Stress gestört werden. Dann kommt es zu Durchfall, Blähungen oder Verstopfung.

    Häufigkeit

    Es wird geschätzt, dass etwa 10 % der Bevölkerung Beschwerden haben, für die keine eindeutige Erklärung gefunden wird. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Dabei können biologische Gründe eine Rolle spielen: Wie Schmerz empfunden wird, kann zum Beispiel von den Hormonen abhängen. Dies hat vermutlich auch soziale und kulturelle Ursachen – zum Beispiel unterschiedliche Rollenerwartungen und Lebenserfahrungen. Zudem suchen Frauen eher ärztliche Hilfe als Männer.

    Folgen

    Funktionelle Beschwerden sind in der Regel ungefährlich. Häufig sind sie leicht und vorübergehend, manchmal aber auch sehr belastend und lange anhaltend. Sie können sowohl körperlich als auch psychisch einschränken. Die Beschwerden können das Familien- und Arbeitsleben erschweren und es manchmal sogar unmöglich machen, den bisherigen Beruf weiter auszuüben.

    Vielen Menschen fällt es schwer, bei anhaltenden Beschwerden aktiv zu bleiben oder sie glauben, sie müssten sich schonen. Dadurch kann ein Teufelskreis entstehen, denn bestimmte Probleme wie etwa Muskel- und Gelenkschmerzen verstärken sich durch Schonung oft noch.

    Anhaltende Beschwerden können psychisch stark belasten und Stress verursachen. Etwa die Hälfte der Menschen mit funktionellen Körperbeschwerden entwickeln depressive Symptome oder eine Angststörung. Anderen gelingt es, trotz ihrer Beschwerden gelassen zu bleiben. Dies fällt oft leichter, wenn man die Erfahrung macht, dass sich die Symptome verändern und mal stärker und mal schwächer sind. Optimistisch zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass die Beschwerden auch wieder nachlassen, kann den Umgang mit ihnen ebenfalls erleichtern.

    Menschen mit funktionellen Körperbeschwerden suchen häufig ärztlichen Rat und wechseln oft die Arztpraxis. Dies liegt manchmal daran, dass sie sich nicht ernst genommen und allein gelassen fühlen. Oder sie denken, dass sie noch nicht gründlich genug untersucht wurden. Oft bekommen Menschen mit funktionellen Körperbeschwerden von verschiedenen Ärztinnen und Ärzten auch ganz unterschiedliche Erklärungen für ihre Probleme.

    Funktionelle Körperbeschwerden können die Lebensqualität erheblich einschränken. Die Lebenserwartung beeinflussen sie jedoch in der Regel nicht: Menschen mit unerklärten Beschwerden leben im Durchschnitt genauso lange wie andere.

    Diagnose

    Am Anfang der Untersuchung steht ein Gespräch. Dann folgt eine körperliche Untersuchung, um die Beschwerden genauer zu bestimmen. Eine Blutabnahme oder Ultraschalluntersuchung können sich anschließen. Danach lässt sich oft schon einschätzen, ob eine eindeutige Ursache wahrscheinlich ist und eine Behandlung erforderlich. Ärztinnen und Ärzte suchen zunächst nach häufigen Ursachen für die Beschwerden. Zudem achten sie auf Hinweise für ernste Erkrankungen.

    Ob weitere Untersuchungen oder eine Überweisung in eine fachärztliche Praxis nötig sind, hängt unter anderem von der Schwere der Beschwerden ab und davon, wie sie sich entwickeln. Da sich funktionelle Beschwerden oft nach wenigen Wochen wieder bessern, werden nicht sofort alle Untersuchungen gemacht, die möglich wären. Erst wenn belastende Beschwerden länger anhalten oder sich verschlechtern, können weitere Untersuchungen infrage kommen. Dass später doch noch eine organische Ursache oder eine Erkrankung festgestellt wird, ist eher selten.

    Wichtig: Nicht jede Untersuchung, die möglich ist, ist auch sinnvoll. Manche Untersuchungen sind mit gesundheitlichen Risiken verbunden. Außerdem steigt mit der Zahl der Untersuchungen das Risiko, dass es zu falschen Verdachtsbefunden kommt. Damit ist gemeint, dass bei einer Untersuchung scheinbar etwas entdeckt wird, was sich aber später als harmlos herausstellt. Solche Befunde können aber Sorge bereiten und sinnlose weitere Untersuchungen nach sich ziehen.

    Wenn die Beschwerden andauern, ist es wichtig, mit der Ärztin oder dem Arzt im Gespräch zu bleiben. Auch wenn nicht die eine Ursache gefunden wird, lässt sich gemeinsam besprechen, was zu den Beschwerden beitragen oder sie verstärken könnte. Wichtig ist aber auch, was hilft, sie leichter oder erträglicher zu machen. Ziel ist es, eine vorläufige Erklärung zu finden, zu überlegen, wie sie sich behandeln lassen und wie es gelingen kann, besser mit ihnen umzugehen. Diese Ansätze können dann beim nächsten Arztbesuch überprüft und wenn nötig angepasst werden. Es kann auch passieren, dass man sich bei einem weiteren Gespräch auf einen anderen Erklärungsansatz oder eine andere Vorgehensweise verständigt. Zusammen mit der Ärztin oder dem Arzt nach Erklärungen und sinnvollen Maßnahmen zu suchen, ist häufig der beste Weg.

     

    Grafik: Abbildung Checkliste zur Vorbereitung auf das Arztgespräch Checkliste zur Vorbereitung auf das Arztgespräch (Vorlage)

     

    Halten belastende Beschwerden länger an, kann ein Gespräch in einer psychosomatischen oder psychotherapeutischen Praxis oder Klinik sinnvoll sein. Psychosomatische Einrichtungen sind meist auf die Behandlung funktioneller Körperbeschwerden spezialisiert.

    Behandlung

    Oft bessern sich die Beschwerden auch ohne Behandlung innerhalb weniger Wochen. Deshalb halten sich Ärztinnen und Ärzte zunächst mit Behandlungen zurück. Bei leichteren Beschwerden geben sie zunächst oft nur Tipps, wie die Betroffenen mit den Beschwerden im Alltag umgehen können.

    Empfohlen wird,

    • körperlich aktiv zu sein,
    • weiter am sozialen Leben teilzunehmen, Freunde zu treffen und Hobbys zu pflegen,
    • Überlastung zu erkennen und möglichst zu vermeiden, Konflikte zu klären und den Umgang mit Belastungen zu überdenken,
    • zu beobachten, was dabei hilft, Beschwerden zu lindern,
    • auf einen gesunden Lebensstil zu achten und zum Beispiel genug zu schlafen.

    In bestimmten Situationen können auch Medikamente eine Möglichkeit sein. Sie kommen beispielsweise bei Schmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden infrage – meist aber nur für kurze Zeit.

    Manchmal dauern die Beschwerden länger an oder betreffen mehrere Organe und werden zu einer starken Belastung. Dann kann eine psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein. In bestimmten Situationen sind auch andere Ansätze möglich. Dazu gehören zum Beispiel Krankengymnastik, Ernährungsberatung und Ergotherapie. Es gibt auch die Möglichkeit, Entspannungsverfahren oder ein Achtsamkeitstraining auszuprobieren, um mit Belastungen besser zurechtzukommen.

    Grundsätzlich gilt: Selbst aktiv zu werden, ist hilfreicher, als sich auf „passive“ Maßnahmen zu konzentrieren. Zu letzteren gehören zum Beispiel Massagen: Sie werden, wenn überhaupt, nur vorübergehend und ergänzend zu anderen Methoden empfohlen. Sinnvoller ist es, sich Aktivitäten zu suchen, die nachhaltiger wirken. Dies lässt sich zum Beispiel mit mehr Bewegung und Stressbewältigung erreichen. Vielleicht ist dazu erst einmal Überwindung und etwas Geduld nötig, doch viele gewöhnen sich schnell daran und fühlen sich dadurch besser. Sportliche Aktivitäten sollten nicht überfordern, sondern vor allem Spaß machen und positive Erfahrungen bieten.

    Vor allem bei hartnäckigen und belastenden Beschwerden braucht man häufig Geduld. Deshalb ist es oft besser, sich kleine Ziele zu setzen. Es kann sinnvoll sein, vor allem darauf hinzuarbeiten, trotz Beschwerden ein aktives Leben zu führen – das heißt, aktiv zu bleiben, sich abzulenken und zunächst nur zu erwarten, dass die Beschwerden etwas nachlassen.

    Hauptansprechpartner zur Behandlung funktioneller Körperbeschwerden sind Hausärztinnen und -ärzte. Viele haben die Zusatzqualifikation „Psychosomatische Grundversorgung“. Diese Zusatzqualifikation schult für den Umgang mit Patientinnen und Patienten mit anhaltenden Beschwerden. Wenn es nötig ist, stimmen sie die Behandlung mit fachärztlichen Praxen oder Kliniken ab.

    Rehabilitation

    Nur wenige Menschen mit funktionellen Beschwerden benötigen eine Rehabilitation. Sie kann beispielsweise sinnvoll sein, wenn jemand nicht mehr arbeitsfähig ist. Die Reha kann dann dabei helfen, die Erwerbsfähigkeit wiederherzustellen. Ziel einer Reha kann es auch sein, einem Fortschreiten der Beschwerden vorzubeugen, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu fördern und die Erwerbsfähigkeit zu erhalten. Eine Reha kann je nach Situation unterschiedliche Schwerpunkte haben. Jede Reha beinhaltet körperliche und psychologische Behandlungen.

    Je nach Art und Stärke der gesundheitlichen Probleme ist eine ambulante oder stationäre Behandlung sinnvoll. Zuständig für die medizinische Rehabilitation ist vor allem die Deutsche Rentenversicherung, manchmal aber auch die Krankenkasse oder die gesetzliche Unfallversicherung.

    Weitere Informationen

    Menschen mit unklaren Beschwerden nutzen oft eine Vielzahl von Informationsquellen, auch im Internet. Dabei sollte man skeptisch sein und auf die Qualität der Angebote achten. Wer unzufrieden mit seinen Ärztinnen und Ärzten ist, gerät leicht an Scharlatane und falsche Versprechungen. Checklisten helfen da bei der Beurteilung eines Informationsangebots.

    Auch an Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen kann man sich wenden. Die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung bietet auf ihrer Internetseite eine Suche nach Psychotherapeutinnen und -therapeuten an. Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vermitteln Termine in Praxen.

    Die Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE) informiert über seltene Erkrankungen.

    Quellen

    Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM), Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). S3 Leitlinie: Funktionelle Körperbeschwerden. AWMF-Registernr.: 051-001. 18.07.2018.

    Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM), Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen, Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (BAG). Patientenleitlinie „Funktionelle Körperbeschwerden“ (S3-Leitlinie). AWMF-Registernr.: 051-001. 01.2020.

    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
    Unsere Informationen beruhen auf den Ergebnissen hochwertiger Studien. Sie sind von einem Autoren-Team aus Medizin, Wissenschaft und Redaktion erstellt und von Expertinnen und Experten außerhalb des IQWiG begutachtet. Wie wir unsere Texte erarbeiten und aktuell halten, beschreiben wir ausführlich in unseren Methoden.

    Autoren/Herausgeber: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

    Mehr Wissen: Was kann bei funktionellen Körperbeschwerden helfen?

    Auch wenn sich keine eindeutige Ursache für anhaltende Beschwerden findet: Es gibt Möglichkeiten, besser mit ihnen zurechtzukommen. Oft ist es hilfreich, sich regelmäßig zu bewegen und den Umgang mit Belastungen zu überdenken. In erster Linie auf Medikamente oder andere medizinische Behandlungen zu setzen, ist dagegen nicht sinnvoll.

    Von funktionellen Körperbeschwerden spricht man, wenn keine eindeutige Erklärung für körperliche Beschwerden gefunden werden kann. Meist sind sie nur leichter Natur und lassen nach kurzer Zeit von selbst nach. Manchmal halten sie aber auch länger an und sind sehr belastend.

    Dann ist es zunächst wichtig, gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt über mögliche Auslöser zu sprechen und zu überlegen, welche Maßnahmen sinnvoll sein können. Bei leichten Beschwerden reichen oft wenige kleine Änderungen im Alltag und etwas Geduld aus. Wichtig ist es, aktiv zu bleiben.

    Bei anhaltenden und belastenden Problemen können weitergehende Hilfen sinnvoll sein. Dann ist es wichtig, persönlich passende und im Alltag umsetzbare Mittel und Wege zu finden, um mit den Beschwerden besser zurechtzukommen. Zur Unterstützung reicht meist die ambulante Begleitung durch eine Haus- oder Facharztpraxis aus. Auch psychosomatische oder psychotherapeutische Praxen sind mögliche Ansprechpartner. Bei dauerhaften und sehr belastenden Beschwerden ist auch ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik möglich.

    Auch wenn sich keine eindeutige Ursache für anhaltende Beschwerden findet: Es gibt Möglichkeiten, besser mit ihnen zurechtzukommen. Oft ist es hilfreich, sich regelmäßig zu bewegen und den Umgang mit Belastungen zu überdenken. In erster Linie auf Medikamente oder andere medizinische Behandlungen zu setzen, ist dagegen nicht sinnvoll.

    Von funktionellen Körperbeschwerden spricht man, wenn keine eindeutige Erklärung für körperliche Beschwerden gefunden werden kann. Meist sind sie nur leichter Natur und lassen nach kurzer Zeit von selbst nach. Manchmal halten sie aber auch länger an und sind sehr belastend.

    Dann ist es zunächst wichtig, gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt über mögliche Auslöser zu sprechen und zu überlegen, welche Maßnahmen sinnvoll sein können. Bei leichten Beschwerden reichen oft wenige kleine Änderungen im Alltag und etwas Geduld aus. Wichtig ist es, aktiv zu bleiben.

    Bei anhaltenden und belastenden Problemen können weitergehende Hilfen sinnvoll sein. Dann ist es wichtig, persönlich passende und im Alltag umsetzbare Mittel und Wege zu finden, um mit den Beschwerden besser zurechtzukommen. Zur Unterstützung reicht meist die ambulante Begleitung durch eine Haus- oder Facharztpraxis aus. Auch psychosomatische oder psychotherapeutische Praxen sind mögliche Ansprechpartner. Bei dauerhaften und sehr belastenden Beschwerden ist auch ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik möglich.

    Was kann zu den Beschwerden beitragen?

    Die meisten Menschen möchten verstehen, warum sie Beschwerden haben. Es ist enttäuschend, wenn die Ärztin oder der Arzt dann keine eindeutige Erklärung hat. Manchmal stellt sich auch das Gefühl ein, dass die Beschwerden verharmlost werden. Deshalb ist es wichtig, eine Ärztin oder einen Arzt zu finden, die oder der einen ernst nimmt und unterstützt.

    Bei der gemeinsamen Suche nach möglichen Erklärungen können folgende Fragen helfen:

    • Fühlt man sich gestresst und überfordert – etwa im Beruf, durch die Pflege eines Angehörigen oder eine Mehrfachbelastung durch Beruf, Familie und Haushalt?
    • Spielen bestimmte Lebensumstände eine Rolle – zum Beispiel eine konfliktreiche Beziehung oder der Tod eines nahen Angehörigen?
    • Kann der Lebensstil einen Einfluss haben – zum Beispiel eine einseitige Ernährung oder eine vorwiegend sitzende Tätigkeit ohne sportlichen Ausgleich?
    • Gibt es aktuelle oder frühere Erkrankungen, die eine Rolle spielen können?

    Funktionelle Körperbeschwerden werden meist durch verschiedene körperliche, psychische und soziale Faktoren begünstigt. Deshalb geht es bei der Behandlung darum, die Probleme einzuordnen und Ansatzpunkte für sinnvolle Abhilfe zu finden. Einseitige Erklärungen sind meist falsch und zudem wenig hilfreich.

    Warum kann es sinnvoll sein, abzuwarten?

    Oft ist es sinnvoll, erst einmal abzuwarten. Funktionelle Beschwerden bessern sich oft von selbst nach einiger Zeit, so dass keine Behandlung nötig ist. Meist wird bei einem Arztbesuch auch schnell klar, dass keine ernsthafte Erkrankung dahintersteckt.

    Abzuwarten heißt aber nicht, inaktiv zu sein – im Gegenteil: Aktivität ist sogar wichtig. Die Ärztin oder der Arzt kann Tipps zum Umgang mit den Beschwerden geben und zum Beispiel dazu beraten, wie man besser mit Stress zurechtkommt und welche Sportart geeignet ist.

    Wer zunächst versucht, die Probleme so in den Griff zu bekommen, vereinbart am besten nach ein paar Wochen oder Monaten einen Folgetermin. Bei diesem Termin kann dann geschaut werden, wie sich die Beschwerden entwickelt haben. Wenn sie immer noch eine Belastung sind, kann man dann über Behandlungen oder andere Formen der Unterstützung sprechen. Falls die Beschwerden deutlich zunehmen, ist es sinnvoll, früher zur Ärztin oder zum Arzt zu gehen.

    Wenn die Beschwerden schon lange sehr belastend sind, kann längeres Abwarten unangebracht sein. Dann ist es sinnvoll, sich in einer Arztpraxis oder psychotherapeutischen Sprechstunde über weitergehende Hilfen beraten zu lassen.

    Warum ist es wichtig, aktiv zu bleiben?

    Nur selten ist es richtig, sich vorübergehend zu schonen – zum Beispiel, wenn die Beschwerden besonders stark sind. Auf Dauer ist zu viel Schonung aber nicht gut. Im Gegenteil: Schonung kann die Beschwerden noch verstärken.

    Ein Beispiel: Einem Menschen ist häufig schwindelig. Aus Angst davor liegt er viel im Bett. Dadurch wird sein Körper insgesamt schwächer – und noch anfälliger für Kreislaufprobleme und Schwindel. Zudem führt die Inaktivität dazu, dass die Gedanken stark um die Beschwerden kreisen und der Antrieb insgesamt schwindet. Körperliche Schonung kann außerdem zu Muskelabbau und Gelenksteife führen.

    Wenn jemand oft krankgeschrieben ist, kann es auch zu Problemen im Job bis hin zur Kündigung führen. Sozialer Rückzug kann auch Freundschaften und das Familienleben belasten.

    Was kann man selbst tun?

    Selbst aktiv zu bleiben oder zu werden, erfordert häufig Kraft. Das gelingt eher, wenn man Aktivitäten findet, die Spaß machen und vielleicht sogar neue Perspektiven bieten. Sie können zudem ablenken, gute Gefühle hervorrufen und Erfolgserlebnisse ermöglichen.

    Was infrage kommt, hängt neben den persönlichen Interessen auch von der Art der Beschwerden ab. Möglichkeiten sind:

    • Sport, zum Beispiel Gymnastik, Ballsport, Krafttraining, Joggen oder Radfahren
    • Bewegungsübungen, etwa aus Yoga, Tai-Chi oder Pilates
    • Entspannungsverfahren, zum Beispiel progressive Muskelentspannung oder autogenes Training
    • Achtsamkeitstraining, Stressbewältigung, Meditation
    • Ernährungsumstellung, zum Beispiel eine ballaststoffreichere Ernährung bei Darmbeschwerden
    • Tanzen, Malen, Musizieren, Hobbys pflegen
    • Freunde treffen
    • Soziales Engagement
    • Berufliche Veränderung
    • an eine Selbsthilfegruppe wenden
    • Sich über den Umgang mit den Beschwerden informieren (Bücher, Websites). Aber Achtung: Es gibt auch viele schlechte Gesundheitsinformationen.

    Manches lässt sich einfach in den Alltag integrieren – etwa die Treppe statt den Aufzug zu nehmen, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren oder öfter spazieren zu gehen. Wer sich mehr bewegt, erlebt seinen Körper dann vielleicht wieder positiv und nicht mehr als Belastung.

    Studien haben gezeigt, dass auch spezielle Selbsthilfeprogramme, die zum Beispiel mit Büchern arbeiten oder im Internet angeboten werden, hilfreich sein können. Solche Programme vermitteln Selbsthilfestrategien und sollen den Umgang mit den Problemen erleichtern. Wo es geeignete Selbsthilfeprogramme gibt, kann man zum Beispiel seine Ärztin oder seinen Arzt fragen.

    Außerdem ist es wichtig, sich mit Problemen und Konflikten auseinanderzusetzen, diese nicht zu verdrängen und den Umgang mit ihnen zu überdenken. Wenn dies keinen Erfolg hat, kann es manchmal auch sinnvoll sein, über größere Veränderungen nachzudenken – zum Beispiel bei dauerhaftem beruflichem Stress einen Jobwechsel zu erwägen.

    Wann kommt eine Psychotherapie infrage?

    Wenn die Beschwerden zu einer psychischen Belastung werden oder wenn es jemandem sehr schwer fällt, im Alltag mit den Beschwerden zurechtzukommen, kann eine psychotherapeutische Unterstützung hilfreich sein. Sie kann auch dann sinnvoll sein, wenn zusätzlich eine psychische Erkrankung besteht. Am besten untersucht sind Behandlungen aus dem Bereich der kognitiven Verhaltenstherapie. Es gibt aber auch psychoanalytische Verfahren.

    Auch im Rahmen einer Psychotherapie wird zunächst versucht, mögliche Erklärungen oder verstärkende Faktoren für die Beschwerden zu finden. Es geht darum, den Zusammenhang zwischen Psyche und körperlichen Beschwerden zu verstehen: Zum Beispiel, auf welche Weise Wahrnehmungen und Gefühle beeinflussen, wie Beschwerden erlebt werden. Dabei können belastende Lebensumstände und Erfahrungen aus der Vergangenheit eine Rolle spielen.

    Im Vordergrund steht aber die Suche nach Lösungen. Dabei geht es vor allem darum, wie man mit den Beschwerden umgehen kann. Zum Beispiel können Entspannungs- oder Ablenkungstechniken eingeübt werden, die ebenfalls helfen, mit körperlichen Beschwerden zurechtzukommen. Ein Ziel der Psychotherapie kann auch sein, Ängste vor körperlicher Belastung abzubauen und wieder aktiver zu werden.

    Über konkrete Angebote informieren hausärztliche, psychosomatische oder psychotherapeutische Praxen. Psychotherapeutische Praxen bieten auch Sprechstunden an, in denen man sich erst einmal beraten lassen kann. 

    Welche nicht medikamentösen Behandlungen gibt es?

    In bestimmten Situationen können nicht medikamentöse Behandlungen infrage kommen. Dazu gehören beispielsweise Krankengymnastik, physikalische Therapien (etwa Wärmeanwendungen) oder eine Ergotherapie. Bei hartnäckigen Problemen sind sie aber meist nur dann sinnvoll, wenn sie andere Maßnahmen und die Eigenaktivität sinnvoll ergänzen – allein auf eine dieser Behandlungen zu setzen, ist wenig vielversprechend.

    Nicht immer gibt es für diese Behandlungen ein ärztliches Rezept – manchmal müssen sie selbst bezahlt werden. Zudem gibt es leider nur wenige Studien, die überprüft haben, wie gut nicht medikamentöse Behandlungen bei funktionellen Beschwerden helfen.

    Wahrscheinlich sind eher Maßnahmen sinnvoll, bei denen man selbst aktiv wird. Rein passive Behandlungen wie zum Beispiel Massagen oder Wärmeanwendungen können zwar kurzfristig das Wohlbefinden steigern, die Beschwerden aber sehr wahrscheinlich nicht nachhaltig bessern.

    Kritisch sollte man bei sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen (IGe-Leistungen) sein, die von manchen Ärztinnen und Ärzten angeboten werden. „IGeL“ werden nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt, da ihr Nutzen in der Regel nicht nachgewiesen ist. Deshalb kann man sie problemlos ablehnen.

    Was kann man von Medikamenten erwarten?

    Medikamente helfen, wenn überhaupt, nur sehr begrenzt. Manchmal lindern sie vorübergehend bestimmte Beschwerden, mögliche Auslöser beseitigen sie jedoch nicht. Wer zu stark auf Medikamente setzt, vernachlässigt zudem oft andere Wege wie Sport und Stressbewältigung. Zudem können sie Nebenwirkungen haben.

    Wie gut gängige Wirkstoffe bei funktionellen Beschwerden helfen, ist kaum untersucht. Mögliche Medikamente sind:

    • Schmerzmittel: Wenn überhaupt, kommen meist nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) infrage. Opioide sollten in der Regel nicht angewendet werden.
    • Psychopharmaka: Bei chronischen Schmerzen oder wenn zusätzlich eine Depression besteht, können manchmal Antidepressiva in Betracht kommen. Von Beruhigungs- und Schlafmitteln aus der Gruppe der Benzodiazepine wird aufgrund der Suchtgefahr abgeraten, von Antipsychotika in der Regel auch.
    • Anti-Krampfmittel (Antiepileptika): Sie werden normalerweise gegen epileptische Krampfanfälle eingenommen, gelegentlich aber auch bei Nervenschmerzen (neuropathischen Schmerzen) verschrieben.

    Es können auch Mittel gegen Darmbeschwerden oder Schlaflosigkeit infrage kommen.

    Wichtig ist, den möglichen Nutzen eines Medikaments immer gegen seine möglichen Nebenwirkungen abzuwägen. Sie sollten bei funktionellen Beschwerden nur sehr zurückhaltend eingesetzt werden.

    Warum sind kleine Schritte besser als große?

    Wenn eine Ärztin oder ein Arzt keine schnell wirksame Behandlung anbieten kann, ist es verständlich, enttäuscht zu sein. Häufig gibt es aber keine schnelle Lösung. Und immer neue medizinische Behandlungen auszuprobieren, ist keine gute Idee. Es ist besser, andere Wege auszuprobieren – etwa mehr Bewegung und Stressbewältigung.

    Bei der Behandlung ist es sinnvoll, sich erreichbare Ziele zu setzen. Ein erstes Ziel wäre zum Beispiel, trotz Beschwerden wieder regelmäßig mit dem Rad zu fahren. Zu erwarten, dass die Beschwerden dadurch schnell verschwinden, ist unrealistisch – aber das Ziel, wieder öfter das Fahrrad zu benutzen, ist konkret und erreichbar. Erste Erfolgserlebnisse können dann zu weiteren Zielen motivieren. Wenn die Beschwerden dann irgendwann tatsächlich nachlassen oder ganz verschwinden: umso besser.

    Quellen

    Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM), Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). S3 Leitlinie: Funktionelle Körperbeschwerden. AWMF-Registernr.: 051-001. 18.07.2018.

    Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM), Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen, Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (BAG). Patientenleitlinie „Funktionelle Körperbeschwerden“ (S3-Leitlinie). AWMF-Registernr.: 051-001. 01.2020.

    Kleinstäuber M, Witthöft M, Steffanowski A, van Marwijk H, Hiller W, Lambert MJ. Pharmacological interventions for somatoform disorders in adults. Cochrane Database Syst Rev 2014; (11): CD010628.

    Van Dessel N, den Boeft M, van der Wouden JC, Kleinstäuber M, Leone SS, Terluin B et al. Non-pharmacological interventions for somatoform disorders and medically unexplained physical symptoms (MUPS) in adults. Cochrane Database Syst Rev 2014; (11): CD011142.

    Van Gils A, Schoevers RA, Bonvanie IJ, Gelauff JM, Roest AM, Rosmalen JG. Self-Help for Medically Unexplained Symptoms: A Systematic Review and Meta-Analysis. Psychosom Med 2016; 78(6): 728-739.

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    Autoren/Herausgeber: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
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