Gesundheitslexikon

Grippe

Überblick

    Überblick

    Viele Menschen sprechen von „Grippe“, wenn sie eine Erkältung haben. Beide Infektionen verlaufen aber sehr unterschiedlich. Während sich eine Erkältung langsam entwickelt, schlagen Grippeviren rasch und heftig zu. Lesen Sie über typische Symptome, die Grippeimpfung und Behandlungsmöglichkeiten.

    Einleitung

    Viele Menschen sprechen von „Grippe“, wenn sich eine Erkältung ankündigt. Beide Krankheiten verlaufen aber sehr unterschiedlich und lassen sich durch typische Anzeichen und Beschwerden voneinander unterscheiden.

    Erkältungen sind viel häufiger als eine Grippe. Der wesentliche Unterschied: Während sich eine Erkältung langsam entwickelt, schlagen Grippeviren rasch und heftig zu – auch bei Menschen, die sonst gesund sind. Das heißt, man fühlt sich schnell sehr krank.

    Eine Erkältung verläuft meist harmlos und klingt mit oder ohne Behandlung oft innerhalb einer Woche wieder ab. Bei einer Grippe ist ärztlicher Rat sinnvoll, und manchmal dauert es einige Zeit, bis man sich wieder vollständig erholt hat.

    Eins haben Erkältung und Grippe aber gemeinsam: Behandelt werden vorwiegend die Beschwerden. Gegen Grippeviren gibt es bisher nur Medikamente, die allenfalls die Dauer der Erkrankung leicht verkürzen. Man kann jedoch viel tun, um sich vor einer Ansteckung zu schützen.

    Symptome

    Viele Symptome einer echten Grippe – auch Influenza genannt – ähneln denen einer gewöhnlichen Erkältung: Sie kann zu Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie einer verstopften oder laufenden Nase führen. Typisch für eine Grippe ist aber, dass sie nicht nur die Atemwege, sondern den ganzen Körper betrifft. Sie setzt meist schnell und mit recht starken Beschwerden ein. Diese lassen meist innerhalb einer Woche deutlich nach. Erschöpfung und Husten können aber noch länger anhalten.

    Zu den Symptomen gehören:

    • Fieber zwischen 38° C und 40 ° C oder höher
    • Muskel- und Gelenkschmerzen im ganzen Körper („Myalgie“ und „Arthralgie“)
    • Kopfschmerzen
    • starke Abgeschlagenheit und ausgeprägtes Krankheitsgefühl
    • trockener Husten ohne Schleim
    • verstopfte und / oder laufende Nase
    • Appetitlosigkeit
    • starke Müdigkeit

    Bei Säuglingen oder Kleinkindern kann es auch zu Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen kommen.

    Bei Verdacht auf eine Grippeerkrankung ist es ratsam, eine Ärztin oder einen Arzt hinzuzuziehen. Dies gilt vor allem, wenn bereits andere Krankheiten bestehen, die das Risiko für Komplikationen erhöhen – etwa eine chronische Lungenerkrankung oder Diabetes. Ärztlicher Rat ist zudem sinnvoll, wenn Erkrankte Kontakt zu Menschen mit erhöhtem Risiko haben.

    Ursachen

    Eine Grippe wird durch Viren ausgelöst. Viren sind mikroskopisch kleine Erreger, kleiner noch als Bakterien. Sie vermehren sich sehr schnell, wenn sie erst einmal in den Körper gelangt sind. Das Abwehrsystem des Körpers braucht einige Zeit, bis es genug Antikörper gebildet hat, um die Virusinfektion zu bekämpfen.

    Es gibt Hunderte von Grippeviren, die in Gruppen eingeteilt werden. Am gefährlichsten sind die Virusgruppen „Influenza A“ und „Influenza B“. Wer sich mit einem bestimmten Grippevirus ansteckt, entwickelt nach überstandener Erkrankung eine Unempfindlichkeit (Immunität) gegen dieses Virus. Da sich die Grippeviren aber ständig verändern, können von Jahr zu Jahr ganz neue Virustypen entstehen. Deshalb ist man nach einer Grippeerkrankung nicht dauerhaft geschützt.

    Folgen

    Eine recht häufige Folgeerkrankung der Grippe ist eine Entzündung der Nasennebenhöhlen (Sinusitis). Dabei füllen sich die Hohlräume rund um die Nase mit einer infektiösen Flüssigkeit. Eine Nasennebenhöhlenentzündung äußert sich häufig durch Kopfschmerzen und eine verstopfte Nase.

    Bei Säuglingen und Kleinkindern lösen Atemwegsinfektionen oft eine Mittelohrentzündung aus.

    Selten nimmt die Grippe einen schweren Verlauf und führt zu Komplikationen wie einer Lungenentzündung (Pneumonie). Dieses Risiko besteht insbesondere bei Menschen mit einem schwächeren Immunsystem: Säuglinge und Kleinkinder, Menschen über 60 Jahre oder mit Lungen- oder Immunerkrankungen. Ein sehr schwerer Krankheitsverlauf kann lebensgefährlich werden.

    Vorbeugung

    Erkältungs- und Grippeviren verbreiten sich auf dem Weg der sogenannten Tröpfcheninfektion: Wer infiziert ist, versprüht beim Husten oder Niesen virenhaltige Tröpfchen. Auch beim Naseputzen gelangen Viren auf das Taschentuch und die Hände. Von dort erreichen sie andere Menschen oder Gegenstände. Über Gegenstände wie Türklinken oder Haltegriffe in der U-Bahn, die von vielen Menschen angefasst werden, werden Viren leicht von Person zu Person übertragen. Zudem begünstigt direkter Kontakt durch Händeschütteln oder Umarmungen die Übertragung von Erkältungs- und Grippeviren.

    Um sich oder andere vor solchen Viren zu schützen, ist es daher am wirksamsten, ihre Verbreitung zu verhindern. Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass man sich häufig gründlich die Hände wäscht und benutzte Taschentücher nicht herumliegen lässt.

    Auch wenn die Beschwerden schon wieder abklingen, ist man noch bis zu einer Woche ansteckend. Daher ist es gut, in dieser Zeit mit weniger Menschen Kontakt zu haben und zum Beispiel von zu Hause aus zu arbeiten, wenn das möglich ist.

    Eine andere Möglichkeit zum Schutz vor Grippeviren ist die Grippeimpfung.

    Behandlung

    Um Grippebeschwerden zu lindern, greifen viele Menschen zu Hausmitteln wie Hühnerbrühe und Kräutertees. Auch viel zu trinken, gilt als wichtig. Wissenschaftliche Belege, dass sich dadurch die Genesung beschleunigt, gibt es allerdings nicht. Es ist also nicht nötig, zu solchen Hausmitteln zu greifen oder viel mehr zu trinken, als man möchte.

    Gegen Erkältungen, Husten und Grippe werden viele frei verkäufliche Produkte wie Vitaminpräparate oder Inhalationsgeräte beworben. Es gibt jedoch keine überzeugenden Nachweise dafür, dass sie bei Grippe helfen. Schmerzmittel wie Paracetamol, ASS (zum Beispiel in „Aspirin“) und Ibuprofen können Schmerzen lindern und das Fieber senken. Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) ist für Kinder und Jugendliche nicht geeignet, da er eine seltene, aber gefährliche Nebenwirkung auslösen kann: das Reye-Syndrom.

    Neben diesen rezeptfreien Medikamenten gibt es spezielle Grippemedikamente. Von diesen Grippemitteln wird in Deutschland insbesondere Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) eingesetzt. Oseltamivir ist verschreibungspflichtig und muss innerhalb von zwei Tagen nach Erkrankungsbeginn eingenommen werden. Wenn die Symptome länger bestehen, kann das Mittel den Verlauf der Grippe nicht mehr beeinflussen. Es gibt Hinweise, dass Oseltamivir die Krankheitsdauer um knapp einen Tag verkürzen könnte. Es führt jedoch oft zu Übelkeit und Erbrechen. Ob es vor Folgeerkrankungen und Komplikationen schützt, ist unklar.

    Manche Menschen glauben, dass Antibiotika auch bei Grippe helfen können. Antibiotika wirken aber nur gegen Bakterien und nicht gegen Viren. Daher helfen sie nur, wenn sich zusätzlich zur Virusinfektion Bakterien in den Atemwegen angesiedelt haben. Wenn keine Komplikationen auftreten, die auf eine bakterielle Infektion hindeuten, ist die Einnahme von Antibiotika bei Grippe sinnlos.

    Weitere Informationen

    Die Hausarztpraxis ist meist die erste Anlaufstelle, wenn man krank ist oder bei einem Gesundheitsproblem ärztlichen Rat braucht. Wir informieren darüber, wie man die richtige Praxis findet, wie man sich am besten auf den Arztbesuch vorbereitet und was dabei wichtig ist.

    Quellen

    Ferroni E, Jefferson T. Influenza. BMJ Clin Evid 2011: pii: 0911.

    Jefferson T, Del Mar CB, Dooley L, Ferroni E, Al-Ansary LA, Bawazeer GA et al. Physical interventions to interrupt or reduce the spread of respiratory viruses. Cochrane Database Syst Rev 2011; (7): CD006207.

    Jefferson T, Jones MA, Doshi P, Del Mar CB, Hama R, Thompson MJ et al. Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in adults and children. Cochrane Database Syst Rev 2014; (4): CD008965.

    Saunders-Hastings P, Crispo JA, Sikora L, Krewski D. Effectiveness of personal protective measures in reducing pandemic influenza transmission: A systematic review and meta-analysis. Epidemics 2017; 20: 1-20.

    Smith SM, Sonego S, Wallen GR, Waterer G, Cheng AC, Thompson P. Use of non-pharmaceutical interventions to reduce the transmission of influenza in adults: A systematic review. Respirology 2015; 20(6): 896-903.

    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
    Unsere Informationen beruhen auf den Ergebnissen hochwertiger Studien. Sie sind von einem Team aus Medizin, Wissenschaft und Redaktion erstellt und von Expertinnen und Experten außerhalb des IQWiG begutachtet. Wie wir unsere Texte erarbeiten und aktuell halten, beschreiben wir ausführlich in unseren Methoden.

    Was Studien sagen: Wie viel Schutz bietet eine Grippeimpfung?

    Die Wahrscheinlichkeit, dass gesunde Menschen an Grippe erkranken, ist in den meisten Jahren relativ gering – unabhängig davon, ob sie geimpft sind oder nicht. Die Schutzimpfung kann das Risiko, eine Grippe zu bekommen, jedoch um mehr als die Hälfte senken. Dies kann in Jahren mit hohem Ansteckungsrisiko einen großen Unterschied bedeuten.

    Eine Grippe kann zu Fieber, Schüttelfrost, Muskelschmerzen und Erkältungssymptomen führen. Meist fühlt man sich etwa eine Woche lang sehr krank. Selten löst eine Grippe ernsthafte Komplikationen wie eine Lungenentzündung aus. Säuglinge, Kleinkinder, Menschen mit bestimmten Krankheiten, Schwangere und ältere Menschen haben allerdings ein erhöhtes Risiko für solche Komplikationen, da ihr Immunsystem schwächer ist als das gesunder Erwachsener.

    Wie die Grippeimpfung funktioniert

    Bei der Grippeimpfung werden geschwächte oder inaktivierte Viren oder Virusbestandteile unter die Haut oder in den Muskel gespritzt. Für Kinder und Jugendliche zwischen 2 und 17 Jahren ist zur Grippeimpfung auch ein Nasenspray zugelassen.

    Nach Kontakt mit dem Impfstoff fängt das Immunsystem an, Antikörper gegen das Virus zu produzieren. Hat der Körper danach mit einem lebenden, aktiven Virus derselben Sorte zu tun, gegen die er geimpft wurde, kann er ihn erkennen und bekämpfen. Die Impfung selbst kann keine Grippeerkrankung auslösen.

    Da sich Grippeviren ständig verändern (mutieren) und auch ganz neue Virusformen entstehen, bietet die Grippeimpfung keinen dauerhaften Schutz. Wer in jeder Saison einen ausreichenden Impfschutz möchte, muss sich daher jedes Jahr erneut impfen lassen.

    Am besten vor Beginn der Grippesaison impfen lassen

    Nach der Impfung dauert es ungefähr 14 Tage, bis der Körper genügend Antikörper produziert hat. Wer während der Grippesaison geschützt sein will, muss sich daher impfen lassen, bevor die ersten Grippefälle auftreten – in Europa also im Herbst. Da die Grippe aber auch erst im Januar, Februar oder noch etwas später ausbrechen kann, kann selbst eine spätere Impfung noch sinnvoll sein.

    Da die Produktion von Grippeimpfstoff einige Zeit in Anspruch nimmt, muss der Impfstoff hergestellt werden, bevor feststeht, welche Grippeviren in der Saison auftreten werden. In den meisten Jahren sind die Vorhersagen, welche Viren auftauchen werden, dafür genau genug.

    Wenn während einer Grippesaison schon viele Menschen gegen die umlaufenden Viren immun sind, erkranken auch weniger daran. In Jahren, in denen es zu einer Grippewelle kommt, kann die Impfung mit einem passenden Impfstoff viele Menschen vor einer Erkrankung schützen und so auch ernsthafte Komplikationen verhindern. Dies ist vor allem für Kleinkinder, geschwächte und ältere Menschen wichtig.

    Im Allgemeinen ist die echte Grippe nicht so verbreitet wie andere Atemwegserkrankungen: Für gesunde Erwachsene liegt das Risiko, an einer Grippe zu erkranken, vermutlich nur bei 2 bis 5 %. Kinder und Jugendliche haben das höchste Erkrankungsrisiko, von ihnen werden vielleicht 10 bis 20 % während einer Saison grippekrank.

    Was zeigen Studien zur Grippeimpfung?

    Eine Wissenschaftlergruppe des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane Collaboration hat Studien zur Wirksamkeit der Grippeimpfung ausgewertet. Wie erwartet zeigte sich, dass die Impfung wirksamer war, wenn der Impfstoff den Virustypen entsprach, die im jeweiligen Jahr kursierten. Insgesamt ergab die Schätzung der Forschergruppe, dass eine Impfung das Ansteckungsrisiko gesunder Erwachsener dann um etwa 60 % senken kann. Doch was bedeutet diese Zahl?

    Wie wahrscheinlich es ist, dass man von einer Grippeimpfung profitiert, hängt unter anderem davon ab, wie hoch das Ansteckungsrisiko in einer Saison ist. Wenn während einer Grippesaison viele Menschen bereits gegen die umlaufenden Viren immun sind, erkranken ohnehin nur wenige. Gibt es viele neue Viren und Grippekranke, nützt der Impfschutz deutlich mehr Menschen. Die Zahlen in der Tabelle veranschaulichen dies. Der Nutzen einer Impfung ist für das jeweilige Jahr oder bei einem neuen Virus jedoch nie genau vorhersehbar.

    Tabelle: Wirksamkeit einer Grippeimpfung bei gesunden Erwachsenen
    Grippeimpfung: Schutz durch eine Grippeimpfung in Saisons mit verschieden hoher Virusverbreitung (Zahlen gerundet)
      ohne Impfung erkranken mit Impfung erkranken die Impfung schützt
    Saison mit hoher Verbreitung des Grippevirus  10 von 100 4 von 100 6 von 100
    Saison mit mittlerer Verbreitung des Grippevirus 5 von 100 2 von 100 3 von 100
    Saison mit geringer Verbreitung des Grippevirus 2 von 100 1 von 100 1 von 100

    Empfehlung der Ständigen Impfkommission

    Die Gesundheitsbehörden in Deutschland, den USA und vielen anderen Ländern raten Menschen mit einem hohen Risiko für Grippekomplikationen zu einer jährlichen Schutzimpfung vor Beginn der Grippesaison. In Deutschland ist die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut in Berlin (STIKO) für Impfempfehlungen verantwortlich.

    Die STIKO empfiehlt die jährliche Grippeimpfung für:

    • Menschen ab 60 Jahren,
    • Personen mit chronischen Erkrankungen wie Asthma, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes oder HIV,
    • Schwangere,
    • Menschen, die in Einrichtungen mit viel Publikumsverkehr arbeiten.

    Die Empfehlung gilt zudem für Personen, die Kinder, alte oder kranke Menschen betreuen – die also zum Beispiel in Alten- und Pflegeheimen, Arztpraxen, Krankenhäusern oder Kindergärten arbeiten. Die Behörden empfehlen die Schutzimpfung in diesem Fall aus zwei Gründen: Zum einen sind sie den Viren sehr häufig ausgesetzt. Zum anderen können sie leicht andere Personen anstecken, denen eine Grippeerkrankung ernsthaft schaden könnte.

    Welche Nebenwirkungen hat die Impfung?

    Nach einer Grippeimpfung kann es gelegentlich zu vorübergehenden Beschwerden kommen – zum Beispiel zu Fieber, Müdigkeit, Kopf-, Muskel- oder Gliederschmerzen. Diese klingen meist innerhalb von ein bis zwei Tagen ab.

    Wird der Impfstoff als Spritze gegeben, können an der Einstichstelle vorübergehend leichte Schmerzen, eine Rötung und Schwellung auftreten.

    Die Impfung per Nasenspray kann kurzzeitig zu einer verstopften oder laufenden Nase, Husten oder Halsschmerzen führen. Kinder und Jugendliche mit schwerem Asthma oder einem geschwächten Immunsystem sollten nicht per Nasenspray geimpft werden.

    Quellen

    Demicheli V, Jefferson T, Di Pietrantonj C, Ferroni E, Thorning S, Thomas RE et al. Vaccines for preventing influenza in the elderly. Cochrane Database Syst Rev 2018; (2): CD004876.

    Demicheli V, Jefferson T, Ferroni E, Rivetti A, Di Pietrantonj C. Vaccines for preventing influenza in healthy adults. Cochrane Database Syst Rev 2018; (2): CD001269.

    Jefferson T, Rivetti A, Di Pietrantonj C, Demicheli V. Vaccines for preventing influenza in healthy children. Cochrane Database Syst Rev 2018; (2): CD004879.

    Robert Koch-Institut (RKI). Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut - 2018/2019. 23.08.2018. (Epidemiologisches Bulletin; Band 34).

    Robert Koch-Institut (RKI). Grippeschutzimpfung: Häufig gestellte Fragen und Antworten. 03.09.2019.

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    Was Studien sagen: Schützt Oseltamivir (Tamiflu) vor Komplikationen?

    Bei bestimmten Personengruppen kann eine Grippe manchmal zu ernsthaften Komplikationen wie einer Lungenentzündung führen. Medikamente wie Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) sollten vor allem solche schweren Verläufe verhindern. Studien zeigten bislang aber nur, dass allgemeine Grippebeschwerden durch eine Behandlung mit Oseltamivir etwas früher abklingen können.

    Die Grippe (Influenza) ist eine Virusinfektion der oberen Atemwege. Sie kann eine Vielzahl von Beschwerden hervorrufen, darunter Fieber, Schüttelfrost, Muskelschmerzen, starke Abgeschlagenheit, Kopf- und Halsschmerzen, Husten und eine verstopfte Nase.

    Fast alle, die an Grippe erkranken, erholen sich innerhalb einer Woche wieder. Husten und Krankheitsgefühl können aber noch ein bis zwei Wochen länger anhalten.

    Kinder, ältere und chronisch kranke Menschen haben ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf der Grippe: Bei ihnen sind Komplikationen wie zum Beispiel eine Lungenentzündung (Pneumonie) häufiger, und sie können auch tödlich verlaufen. Für ansonsten gesunde Menschen ist das Risiko, an einer Grippe zu sterben, dagegen sehr gering.

    Wirkung und Anwendung von Oseltamivir (Tamiflu)

    Wie bei den meisten Erkältungskrankheiten helfen Antibiotika auch bei einer Grippe nicht – weil sie nicht gegen Viren wirken, sondern nur gegen Bakterien. Es gibt jedoch Arzneimittel, die die Vermehrung von Viren im Körper bekämpfen. Sie werden Virostatika oder antivirale Medikamente genannt. Oseltamivir ist ein solches Mittel. Es wird unter dem Handelsnamen Tamiflu vertrieben und ist verschreibungspflichtig.

    Oseltamivir gehört zur Klasse der sogenannten Neuraminidase-Hemmer: Es soll ein Protein (Neuraminidase) hemmen, das Grippeviren brauchen, um sich im Körper zu vermehren. Man hoffte, durch den Einsatz der Medikamente schwere Krankheitsverläufe mit Komplikationen abwenden zu können.

    Oseltamivir-Tabletten müssen innerhalb von 48 Stunden nach Erkrankungsbeginn eingenommen werden. Wenn die Symptome länger bestehen, hat der Wirkstoff auf den Verlauf der Grippe keinen Einfluss mehr.

    Studienergebnisse zur Behandlung

    Eine Wissenschaftlergruppe des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane Collaboration hat nach Studien zur Behandlung mit Oseltamivir gesucht. Oseltamivir wurde bereits in einer großen Zahl von Studien untersucht. Trotzdem ließen sich seine Vor- und Nachteile bislang nicht verlässlich bewerten, da viele Ergebnisse dieser Studien nicht oder nur unvollständig veröffentlicht worden waren. Schließlich haben der Hersteller von Tamiflu sowie die US-amerikanische und europäische Zulassungsbehörde bis dahin unveröffentlichte Daten zur Verfügung gestellt. In ihrer erneuten Analyse wertete die Wissenschaftlergruppe der Cochrane Collaboration dann die Ergebnisse von insgesamt 20 Studien aus, an denen knapp 10.000 Kinder und Erwachsene teilgenommen hatten.

    Im Ergebnis fand die Wissenschaftlergruppe keine Belege dafür, dass Oseltamivir bei einer Grippewelle ernsthafte Verläufe und Komplikationen verhindern könnte. Nachgewiesen ist lediglich, dass Tamiflu die Dauer der Grippebeschwerden etwas verkürzen kann:

    • Ohne Tamiflu halten die Beschwerden bei ansonsten gesunden Kindern und Erwachsenen im Durchschnitt über 7 Tage an.
    • Mit Tamiflu verkürzte sich die Beschwerdedauer bei den Erwachsenen um einige Stunden (von 7 auf 6,3 Tage), bei Kindern um gut einen Tag.

    Bei Kindern mit Asthma hatte das Medikament allerdings keinen Einfluss auf die Beschwerdedauer. Ob Grippekranke, die Oseltamivir nehmen, weniger ansteckend sind, ist unklar.

    Die häufigsten Nebenwirkungen von Oseltamivir sind Erbrechen und Übelkeit. In den Studien waren jeweils 4 von 100 Personen davon betroffen.

    Studienergebnisse zur Vorbeugung

    Einige Studien haben untersucht, ob man sich mit Oseltamivir vor einer Grippe schützen kann. Diese Frage ist für Angehörige und andere Menschen wichtig, die vorübergehend intensiven Kontakt zu Grippekranken haben. Die Studienergebnisse zeigen eine geringe Schutzwirkung: Ungefähr 3 von 100 Teilnehmenden, die Oseltamivir vorbeugend eingenommen hatten, wurden zwar nicht vor einer Ansteckung, aber vor Grippebeschwerden bewahrt.

    Allerdings traten auch in diesen Studien oft Nebenwirkungen auf: Etwa 2 von 100 Personen hatten nach der Einnahme von Oseltamivir Kopfschmerzen, 3 von 100 Personen wurde übel. Zudem liefern die Studien Hinweise darauf, dass Oseltamivir – wenn auch selten – Nierenprobleme und psychiatrische Probleme wie Halluzinationen, Depressionen oder Verwirrung auslösen könnte. Die US-amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA empfiehlt daher, auf ungewöhnliche Verhaltensänderungen zu achten und gegebenenfalls eine Ärztin oder einen Arzt aufzusuchen.

    Quellen

    Ebell MH, Call M, Shinholser J. Effectiveness of oseltamivir in adults: a meta-analysis of published and unpublished clinical trials. Fam Pract 2013; 30(2): 125-133.

    Jefferson T, Jones MA, Doshi P, Del Mar CB, Hama R, Thompson MJ et al. Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in adults and children. Cochrane Database Syst Rev 2014; (4): CD008965.

    World Health Organization (WHO). Antiviral drugs for pandemic (H1N1) 2009: definitions and use. 22.12.2009.

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    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
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