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Kreuzbandriss (Riss des vorderen Kreuzbands)

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    Die meisten Kreuzbandrisse passieren beim Ballsport oder Skifahren. Frauen haben ein höheres Risiko für diese Knieverletzung als Männer. Ein Riss kann, muss aber nicht immer operiert werden. Dies hängt unter anderem vom Ausmaß der Verletzung, von der Stabilität des Knies und vom Alter ab.

    Einleitung

    Das vordere Kreuzband ist eines der vier großen Bänder, die das Knie stabil halten. Es ist das Band, das am häufigsten reißt. Ursache sind meist Sportverletzungen, zum Beispiel durch einen Sturz beim Skifahren oder durch ein verdrehtes Knie beim Fußball.

    Ein Riss des vorderen Kreuzbands kann, muss aber nicht immer operiert werden. Dies hängt unter anderem vom Ausmaß der Verletzung, von der Stabilität des Knies und vom Alter ab. Für die Wahl der Behandlung ist aber auch die persönliche Situation wichtig – zum Beispiel, welchen Beruf man hat und welchen Sport man weiter ausüben möchte.

    Auch das hintere Kreuzband kann reißen. Dies kommt aber viel seltener vor und ist nicht Thema dieser Informationen.

    Symptome

    Wenn das vordere Kreuzband reißt, ist oft ein Knack- oder Knallgeräusch zu hören. Das Knie schwillt meist unmittelbar nach der Verletzung an und schmerzt, vor allem, wenn man es bewegt. Manchmal kann man nach einem Kreuzbandriss normal auftreten. Allerdings fühlt sich das Knie instabil an – so als würden sich Ober- und Unterschenkel leicht verschieben. Dieses Gefühl kann zum Beispiel entstehen, wenn man in die Knie geht, seitwärts geht sowie bei Drehbewegungen. Oft stellt es sich ein, wenn das Bein mit dem gesamten Körpergewicht belastet wird, etwa beim Treppensteigen.

    Bei etwa 90 % der Kreuzbandrisse sind neben dem vorderen Kreuzband noch andere Bänder oder Knorpel am Knie mitverletzt:

    • In 50 bis 75 % einer oder beide Menisken,
    • in etwa 50 % der Gelenkknorpel,
    • in etwa 15 % das Innen- oder Außenband des Knies.

    Zudem sind meist auch die Knochen geprellt. Diese Verletzung führt meist zu stärkeren Schmerzen und weiteren Beschwerden.

    Ursachen

    Das vordere und hintere Kreuzband sowie das Außen- und Innenband verbinden die Ober- und Unterschenkelknochen miteinander (siehe Grafiken). Das vordere Kreuzband hat dabei folgende Aufgaben:

    • Es gibt dem Knie Halt, indem es dafür sorgt, dass sich das Schienbein nicht nach vorne wegbewegt.
    • Zusammen mit dem hinteren Kreuzband verhindert es, dass sich das Knie verdreht: Dazu wickeln sich die Kreuzbänder umeinander und stabilisieren das Knie.

    Zudem enthält das vordere Kreuzband spezielle Sinneszellen (Rezeptoren), die Muskelreflexe steuern, um das Knie zu stabilisieren.

     

    Grafik: Ansicht des rechten Knies von vorne und von der Seite Ansicht des rechten Knies von vorne und von der Seite

     

    Grafik: Querschnitt des rechten Kniegelenks, Ansicht von oben Querschnitt des rechten Kniegelenks, Ansicht von oben

     

    Starke Belastungen können das vordere Kreuzband zum Reißen bringen, wenn man zum Beispiel

    • das Knie mit Wucht verdreht – etwa, wenn man aus dem Lauf abbremst und dabei die Bewegungsrichtung ändert oder das Bein unter Belastung nach innen wegknickt;
    • nach einem Sprung unglücklich mit gestrecktem Bein landet.

    Risikofaktoren

    Zu Kreuzbandrissen kommt es vor allem bei Sportarten wie Fußball, Handball, Volleyball, Basketball und Skifahren. Frauen haben beim Ballsport ein höheres Risiko für Kreuzbandrisse als Männer. Dafür werden verschiedene Gründe diskutiert: Unter anderem haben Frauen meist eine schwächer ausgeprägte rückseitige Oberschenkelmuskulatur.

    Häufigkeit

    Die meisten Kreuzbandrisse passieren beim Ballsport. Am häufigsten sind Sportler zwischen 15 und 45 Jahren betroffen. Über die sportliche Karriere addiert sich das Risiko. Eine Zusammenfassung von über 50 Studien mit Ballsportlerinnen und -sportlern zeigt:

    • 3 bis 4 % der Frauen und
    • 2 % der Männer

    verletzen sich irgendwann das vordere Kreuzband.

    Verlauf

    Wenn ein Kreuzbandriss erfolgreich behandelt wird, funktioniert das Knie später bei etwa 80 bis 90 % der Betroffenen wieder normal oder fast normal. Wenn die Verletzungen ausgeheilt sind, treiben die meisten weiter Sport. Allerdings entscheiden sich etwa 20 bis 30 % aus Angst vor einer weiteren Verletzung dafür, die Sportart zu wechseln oder beim Sport einen Gang herunterzuschalten – auch wenn dies oft nicht nötig wäre.

    Langfristig erhöht ein Riss des vorderen Kreuzbands das Risiko, früher eine Kniearthrose zu entwickeln – vor allem, wenn zusätzlich die Menisken verletzt wurden. Eine Zusammenfassung von Studien über einen Zeitraum von gut zehn Jahren zeigt:

    • Nach einem Kreuzbandriss entwickelte sich in etwa 20 % der Knie eine im Röntgenbild deutlich sichtbare Arthrose.
    • Ohne Kreuzbandriss entwickelte sich in etwa 5 % der Knie eine deutlich sichtbare Arthrose.

    Das Kniearthrose-Risiko hängt nicht davon ab, wie der Riss behandelt wird.

    Sichtbare Veränderungen auf einem Röntgenbild bedeuten allerdings nicht, dass es auch zu Beschwerden kommt. Aus anderen Studien weiß man, dass Röntgenbilder oft nicht viel über Beschwerden aussagen. Zudem kann man auch nach einem Kreuzbandriss selbst für ein gut funktionierendes Knie sorgen, indem man das Knie gut trainiert.

    Diagnose

    Um einen Riss des vorderen Kreuzbands festzustellen, fragt die Ärztin oder der Arzt zunächst nach den Beschwerden und dem Unfallhergang. Sie oder er tastet das Knie ab und macht verschiedene Untersuchungen. Dabei werden der Ober- und / oder Unterschenkel bewegt, um die Stabilität des Knies zu prüfen.

    Bei Bedarf liefert eine Magnetresonanztomografie (MRT) genaue Bilder des Knies mit den Bändern und Menisken. Durch eine Röntgenuntersuchung kann festgestellt werden, ob Knochen gebrochen sind – aber nicht, ob Bänder beschädigt oder gerissen sind.

    Vorbeugung

    Bestimmte Übungen vor dem Sport können helfen, Risse des vorderen Kreuzbands zu vermeiden. Zur Vorbeugung gibt es spezielle Programme aus Übungen zum Aufwärmen, zur Kräftigung der Rumpf- und Beinmuskulatur und zur Verbesserung des Gleichgewichts, der Koordination und Schnellkraft. Medizinische Fachgesellschaften empfehlen beispielsweise das über den Deutschen Fußballbund verfügbare Programm FIFA 11+ und das von der Deutschen Kniegesellschaft entwickelte Programm Stop-X.

    Solche Programme wurden für Sportarten mit einem erhöhten Risiko für Kreuzbandrisse entwickelt, wie Fußball oder Handball. Sie lohnen sich vor allem für sehr aktive Sportlerinnen und Sportler. Denn das Verletzungsrisiko beim Ballsport hängt vom Umfang des Trainings und der Zahl der Wettkämpfe ab.

    Behandlung

    Wenn das vordere Kreuzband gerissen ist, braucht das Knie zuerst einmal Ruhe. Direkt nach dem Unfall sollte es hochgelegt und gekühlt werden, bis die akuten Schmerzen und die Schwellung zurückgehen. Ein Druckverband und entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen können ebenfalls sinnvoll sein. In den Tagen nach der Verletzung kann eine Gehhilfe das Knie entlasten – vor allem, wenn es sehr instabil ist.

    Zur Behandlung eines gerissenen Kreuzbands gibt es zwei Möglichkeiten:

    • Die konservative Behandlung soll die Kniemuskulatur soweit stärken, dass sie die Funktion des fehlenden Kreuzbands ausgleichen kann. Ob sie infrage kommt, hängt davon ab, ob auch andere Kniestrukturen verletzt sind – und wenn ja, welche. Nach einer erfolgreichen konservativen Behandlung ist das Knie in der Regel innerhalb von 2 bis 3 Monaten wieder normal belastbar. Wie lange es dauert, bis man in den Sport zurückkehren kann, hängt unter anderem von der Sportart ab.
    • Bei einer Operation wird das gerissene Kreuzband ersetzt. Dazu schneidet die Ärztin oder der Arzt aus einer anderen Sehne im Körper ein Stück aus und setzt es ins Knie ein. Das Sehnenstück wird meist aus einem Sehnenstrang an der Innenseite der Oberschenkelmuskulatur entnommen, manchmal auch aus der Patella-Sehne oder der Quadrizeps-Sehne. Zunächst bohrt die Operateurin oder der Operateur einen Tunnel oder eine Fassung in den Ober- und Unterschenkel. Dort wird die Ersatzsehne dann mit Schrauben, Knöpfen oder Stiften verankert. Sie wird so platziert, dass sie die Funktion des ursprünglichen Kreuzbands so gut es geht übernehmen kann. Operiert wird im Rahmen einer Gelenkspiegelung (Arthroskopie), bei der durch mehrere Schnitte um das Knie kleine Operationsinstrumente eingeführt werden.

    Wenn das Knie operiert werden soll, wartet man nach dem Unfall üblicherweise 2 bis 4 Wochen mit dem Eingriff. In dieser Zeit kann die Schwellung zurückgehen und sich das Knie beruhigen. Wenn es zum Zeitpunkt der Operation noch steif, geschwollen oder entzündet ist, kann sich das Gewebe im Knie verhärten und später die Beweglichkeit einschränken. Vor der OP wird deshalb mit geeigneten Übungen die Beweglichkeit des Knies verbessert und die Muskulatur gestärkt.

    Nach der Operation ist dann eine je nach Sportart 4 bis 12 Monate dauernde Heil- und Trainingsphase nötig.

    Bislang gibt es nur eine größere Studie, die die konservative mit der operativen Behandlung verglichen hat. Sie zeigte, dass eine konservative Behandlung bei gut 50 % der Betroffenen auch langfristig erfolgreich ist – im Vergleich zu 80 bis 90 % bei der Operation. Nach aktuellem Wissen hat es aber keine Nachteile für die Kniefunktion, wenn man das Knie zunächst konservativ behandelt und es, wenn nötig, später noch operiert. Allerdings ist das Risiko für weitere Verletzungen nach einer konservativen Behandlung etwas höher – zum Beispiel an den Menisken.

    Medizinische oder persönliche Gründe, die eher für eine Operation sprechen, sind:

    • Hohe sportliche Erwartungen: Zum Beispiel, wenn man nach der Operation weiter Leistungssport machen oder Sportarten ausüben möchte, die Richtungswechsel, Drehbewegungen oder schnelles Abbremsen erfordern.
    • Größere Verletzungen an den Menisken: Vor allem, wenn diese zu Beschwerden führen wie einem blockierten Knie.
    • Gleichzeitiger Riss des Innen- oder Außenbands: In diesem Fall ist das Knie so instabil, dass eine konservative Behandlung in der Regel nicht infrage kommt.
    • Ein Beruf, der das Knie stark belastet: Zum Beispiel, wenn jemand viel Treppen steigen und dabei schwer tragen muss, etwa als Paketbote oder Möbelpacker.

    Ob man sich für oder gegen eine Operation entscheidet, ist auch eine Frage der persönlichen Abwägung. Manche Menschen möchten eine Operation möglichst vermeiden und versuchen es ohne. Andere möchten das Risiko vermeiden, dass nach einer konservativen Behandlung später doch eine Operation nötig wird und lassen sich lieber gleich operieren.

    Rehabilitation

    Nach einer Operation dauert es Monate, bis ein Kreuzbandersatz vollständig eingeheilt und seinen neuen Aufgaben gewachsen ist. Um den Ersatz zu entlasten und das Knie zu stabilisieren, sind kräftige Oberschenkelmuskeln wichtig. Sie zu stärken und das Knie an das neue Kreuzband zu gewöhnen, ist das Ziel der Rehabilitation. Es dauert eine Weile, bis das Gefühl für das Knie zurückkehrt und man es so selbstverständlich bewegen kann wie vor dem Unfall.

    Wenn das Kreuzband nicht operiert wird, hilft eine Reha, die Muskeln durch gezieltes Training soweit aufzubauen, dass sie das Knie stabil halten. Eine Physiotherapie ist daher bei allen Behandlungen sinnvoll.

    Nach einer Operation ist es in der Regel nach 4 bis 6 Monaten möglich, mit schonenden Sportarten zu beginnen. Intensiver Ball- oder Kampfsport ist in der Regel erst nach 9 bis 12 Monaten möglich. Bei einer konservativen Behandlung verkürzt sich die Genesungszeit um etwa 2 bis 3 Monate.

    Wie die Rehabilitation genau abläuft und wie lange sie dauert, hängt von verschiedenen persönlichen Faktoren ab, unter anderem von

    • den körperlichen Voraussetzungen (zum Beispiel wie gut man trainiert ist),
    • den Zielen der Reha (zum Beispiel, ob wieder Leistungssport möglich sein soll),
    • dem Ausmaß der Verletzungen und
    • von der Art des verwendeten Kreuzbandersatzes (bei einer Operation).

    Es ist manchmal schwer zu akzeptieren, wie lange es dauert und wie viel Aufwand nötig ist, bis die frühere Leistungsfähigkeit zurückkehrt. Neben konsequentem Training ist deshalb Geduld eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Rehabilitation.

    Leben und Alltag

    Es ist hilfreich, schon vor der Operation ein paar Vorkehrungen für die Zeit der Rehabilitation zu treffen, zum Beispiel:

    • bereits vor der Operation zu üben, sich mit Gehstützen zu bewegen.
    • mögliche Hindernisse oder Stolperfallen in der Wohnung zu beseitigen. Beispielsweise kann es sinnvoll sein, in einem anderen Zimmer zu schlafen, wenn sich dadurch Treppen vermeiden lassen.
    • den Weg zur Arbeit, Schule oder Uni zu regeln. Je nachdem, welches Bein betroffen und wie stark die Verletzung ist, kann es mehrere Wochen dauern, bis man wieder selbst Auto fahren kann.
    • sich Hilfe im Alltag zu organisieren – zum Beispiel bei Einkäufen oder anderen Erledigungen.
    • einen kleinen Duschhocker zu besorgen, damit man im Sitzen duschen kann.

    Wenn man viel auf Gehstützen gehen muss, kann dies manchmal zu anderen Beschwerden führen, wie zum Beispiel Muskelkater und Verspannungen in Rücken, Nacken oder Schultern. Auch dem kann man durch Training vor der OP vorbeugen.

    Weitere Informationen

    Die Hausarztpraxis ist meist die erste Anlaufstelle, wenn man krank ist oder bei einem Gesundheitsproblem ärztlichen Rat braucht. Wir informieren darüber, wie man die richtige Praxis findet, wie man sich am besten auf den Arztbesuch vorbereitet und was dabei wichtig ist.

    Quellen

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    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
    Unsere Informationen beruhen auf den Ergebnissen hochwertiger Studien. Sie sind von einem Team aus Medizin, Wissenschaft und Redaktion erstellt und von Expertinnen und Experten außerhalb des IQWiG begutachtet. Wie wir unsere Texte erarbeiten und aktuell halten, beschreiben wir ausführlich in unseren Methoden.

    Was Studien sagen: Kreuzbandriss: Operieren oder nicht operieren?

    Ein Riss am vorderen Kreuzband kann erfolgreich konservativ behandelt oder operiert werden. Der Vorteil der konservativen Behandlung ist die schnellere Genesung. Ein Nachteil kann sein, dass das Knie danach nicht immer stabil genug ist. Etwa jeder Zweite lässt sich deshalb später doch noch operieren.

    Bei einer Operation wird das gerissene Kreuzband durch ein körpereigenes Transplantat ersetzt. Dazu wird ein Stück eines Sehnenstrangs aus der Innenseite der Oberschenkelmuskulatur, ein Teil der Patella-Sehne oder ein Teil der Quadrizeps-Sehne entnommen. Die Ersatzsehne wird dann mit Schrauben, Knöpfen oder Stiften so wie das ursprüngliche Kreuzband im Knie verankert. Danach wird eine mehrmonatige Rehabilitation empfohlen.

    Bei einer konservativen Behandlung wird das Kreuzband nicht operiert, sondern sobald wie möglich mit einer Rehabilitation begonnen. Ziel der Reha ist, die Muskeln, die das Knie stabilisieren, soweit zu stärken, dass sie die Aufgaben des fehlenden Kreuzbands übernehmen können. Manchmal verwachsen Teile des gerissenen vorderen Kreuzbands mit dem hinteren Kreuzband, was für zusätzliche Stabilität sorgt.

    Eine schwedische Wissenschaftlergruppe hat die Vor- und Nachteile der beiden Behandlungsmöglichkeiten im Vergleich untersucht.

    Wer nahm an der Studie teil?

    An der Studie nahmen 121 Sportlerinnen und Sportler im Alter von 18 bis 35 Jahren teil, deren vorderes Kreuzband gerissen war. Mehr als die Hälfte von ihnen hatte sich zudem einen oder beide Menisken verletzt.

    Sportlerinnen und Sportler, bei denen auch das Innen-, Außen- oder hintere Kreuzband gerissen war, nahmen nicht an der Studie teil – ebenso keine Personen, bei denen das Knie aufgrund von Verletzungen am Innen- oder Außenband sehr instabil war. Ausgeschlossen wurden auch Personen mit bestimmten Meniskusrissen, die genäht wurden. Der Grund: Ein genähter Meniskus kann eine längere Entlastung des Beins und andere Reha-Maßnahmen erfordern.

    Wie wurden die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer behandelt?

    Die Teilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Dies erlaubt einen fairen Vergleich.

    • 62 Teilnehmende wurden operiert. Ihnen wurde ein Kreuzbandersatz aus eigenem Sehnengewebe in das Knie eingebaut. Im Anschluss an die Operation erhielten die Teilnehmenden eine 24-wöchige Rehabilitation.
    • 59 Teilnehmende wurden konservativ behandelt. Sie erhielten ebenfalls eine 24-wöchige Rehabilitation. Allerdings hatten sie die Möglichkeit, sich zu einem späteren Zeitpunkt doch noch für eine Operation zu entscheiden.

    Die Rehabilitation hatte in beiden Gruppen das Ziel, den normalen Bewegungsumfang des Knies wiederherzustellen, die Muskulatur zu stärken und eine gute Kniefunktion zu erreichen. Dazu wurden neben Kräftigungs- und Beweglichkeitsübungen verschiedene Übungen zur Verbesserung der koordinativen Fähigkeiten und des Gleichgewichts eingesetzt.

    Was wurde untersucht?

    Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler prüften und verglichen verschiedene, für Menschen mit einem vorderen Kreuzbandriss wichtige Behandlungsergebnisse:

    • den Rückgang der Beschwerden
    • die Fähigkeit zu sportlichen Aktivitäten
    • Nebenwirkungen und Folgen (zum Beispiel, wie oft sich später eine Kniearthrose entwickelte)

    Um die Beschwerden zu erfassen, beantworteten die Teilnehmenden Fragen zu vier Bereichen:

    • Schmerzen bei verschiedenen Aktivitäten wie Laufen, Knien und Springen
    • Symptome wie Schwellungen und Bewegungseinschränkungen
    • der Kniefunktion beim Sport und in der Freizeit
    • subjektiven Problemen wie fehlendes Vertrauen in das Knie oder die Notwendigkeit, Aktivitäten wegen Kniebeschwerden anzupassen.

    Welche Ergebnisse hatte die Studie?

    Die Studienergebnisse zeigen, dass beide Behandlungen langfristig erfolgreich sind. In der Studie konnten sie die Schmerzen und andere Beschwerden soweit beheben, dass langfristig kaum Unterschiede zu Menschen mit gesunden Knien feststellbar waren. Die Kniefunktion beim Sport war nur geringfügig schlechter als bei einem gesunden Knie. Subjektive Knieprobleme waren jedoch etwas häufiger.

    Die folgende Grafik veranschaulicht die Ergebnisse der Studie. Kniebeschwerden und die Kniefunktion wurden auf einer Skala von 0 bis 100 gemessen. Dabei bedeutet

    • 0 = extrem starke Beschwerden und
    • 100 = keinerlei Beschwerden.

      Grafik: Verlauf von Kniebeschwerden nach Behandlung eines KreuzbandrissesVerlauf von Kniebeschwerden nach Behandlung eines Kreuzbandrisses

    Die Studie zeigt außerdem:

    • Insgesamt entschieden sich 50 % der Teilnehmenden, die zunächst eine konservative Behandlung hatten, sich später doch operieren zu lassen.
    • Etwa 25 % der Teilnehmenden entwickelten innerhalb von fünf Jahren Anzeichen einer im Röntgenbild sichtbaren Arthrose – egal, ob sie konservativ oder operativ behandelt worden waren. Wegen der kleinen Teilnehmerzahl und weil sich Arthrose über viele Jahrzehnte entwickeln kann, ist dieses Ergebnis aber nicht sehr aussagekräftig.

    Was bedeuten diese Ergebnisse für Menschen mit einem Riss des vorderen Kreuzbands?

    Es zeigten sich langfristig keine Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen. Die Vor- und Nachteile der beiden Alternativen ergeben sich vielmehr aus der Art der Behandlung:

      Rehabilitation Operation mit anschließender Rehabilitation
    Vorteile
    • Etwa 50 % der Betroffenen können eine Operation vermeiden – einschließlich der damit verbundenen Risiken.
    • Man erholt sich bei erfolgreicher konservativer Therapie schneller (vor allem innerhalb der ersten sechs Monate macht man schneller Fortschritte).
    • Wer sich direkt operieren lässt, geht nicht das Risiko ein, dass eine spätere Operation nötig wird.
    Nachteile
    • Etwa 50 % der Betroffenen lassen sich später doch noch operieren, weil sich das Knie nicht ausreichend stabil anfühlt.
    • Die Genesung dauert länger (vor allem in den ersten sechs Monaten sind die Fortschritte kleiner).
    • Operationsrisiken und Komplikationen

    Die Studienergebnisse können dabei helfen, die Vor- und Nachteile der beiden Behandlungsmöglichkeiten abzuwägen. Für eine persönlich passende Entscheidung spielen noch andere Faktoren eine Rolle – unter anderem, welche sportlichen Ziele man hat, wie instabil das Knie nach dem Kreuzbandriss ist und ob andere Kniestrukturen verletzt sind. Die Vor- und Nachteile verschiedener Alternativen bespricht man am besten mit der Ärztin oder dem Arzt.

    Wichtig zu wissen: Nach aktuellem Wissen hat es keine Nachteile für die Kniefunktion, wenn man das Knie zunächst konservativ behandelt und es dann später doch operieren lässt. Weil nicht operierte Knie immer etwas instabiler sind, ist das Risiko für weitere Verletzungen dann aber etwas höher – zum Beispiel an den Menisken.

    Welche Komplikationen können nach einer Operation auftreten?

    Mögliche Komplikationen einer Kreuzband-Operation sind Infektionen des Kniegelenks, Venenthrombosen und Lungenembolien. Das ersetzte Kreuzband kann auch erneut reißen. Dann ist in der Regel eine weitere Operation notwendig.

    Die schwedische Studie war zu klein, um aussagekräftige Ergebnisse zur Häufigkeit solcher Komplikationen zu liefern. Aus anderen Untersuchungen liegen jedoch Schätzungen dazu vor. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick:

    Mögliche Komplikation Häufigkeit
    Riss des Kreuzbandersatzes (über einen Zeitraum von bis zu 14 Jahren) Etwa 60 von 1000
    Infektion des Gelenks Etwa 5 von 1000
    Tiefe Venenthrombose Etwa 20 von 1000
    Lungenembolie Etwa 1 von 1000

    Sehr selten können auch andere Komplikationen auftreten, zum Beispiel Schäden an den Nerven oder Probleme bei der Befestigung des Kreuzbandersatzes.

    Welche Einschränkungen hat diese Studie – und gibt es andere Untersuchungen?

    Die Studie der schwedischen Wissenschaftlergruppe ist die bislang einzige aussagekräftige Behandlungsstudie zum Vergleich von konservativer Behandlung und Operation bei Menschen mit einem akuten vorderen Kreuzbandriss. Ähnliche Studien laufen derzeit in den Niederlanden und den USA. Ihre Ergebnisse werden in den nächsten Jahren erwartet.

    Die begrenzte Zahl an Studien lässt einige Fragen offen – unter anderem:

    • Fallen die Vor- und Nachteile bei anderen Personengruppen anders aus, zum Beispiel bei Kindern und Jugendlichen, älteren Menschen oder weniger sportlichen Personen?
    • Gibt es langfristige Unterschiede zwischen den Behandlungen – zum Beispiel in Bezug auf das spätere Arthrose-Risiko?

    Diese Fragen lassen sich bislang nicht sicher beantworten. Deshalb gibt es dazu unter Fachleuten teilweise sehr unterschiedliche Meinungen.

    Quellen

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    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
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    Mehr Wissen: Rehabilitation nach einem Kreuzbandriss

    Nach einem Riss des vorderen Kreuzbands ist eine mehrmonatige Rehabilitation wichtig. Dies gilt sowohl nach einer Operation als auch nach einer konservativen Behandlung ohne Operation.

    Ein Riss am vorderen Kreuzband kann konservativ behandelt oder operiert werden. Bei einer Operation wird das gerissene Kreuzband durch ein körpereigenes Transplantat ersetzt. Dazu wird ein Stück einer Sehne aus der Innenseite der Oberschenkelmuskulatur, ein Teil der Patella-Sehne oder der Quadrizeps-Sehne entnommen.

    Ein ersetztes Kreuzband muss richtig einheilen, damit es langfristig stabil ist. Die eingesetzte Sehne muss vom Körper zu einem Band umgebaut werden, damit sie ihre neue Aufgabe erfüllen kann. Bis dieser Umbau abgeschlossen ist, dauert es mehrere Monate. Im Anschluss an eine Operation wird daher eine mehrmonatige Rehabilitation empfohlen. Auch die Stelle im Oberschenkel, an der die Ersatzsehne entnommen wurde, muss nach der Operation heilen und kann noch länger schmerzhaft sein.

    Bei einer konservativen Behandlung wird das Kreuzband nicht operativ ersetzt. Stattdessen beginnt man direkt mit einer Rehabilitation. Ziel der Reha ist es, die Muskeln, die das Knie stützen, soweit zu stärken, dass sie die Aufgaben des fehlenden Kreuzbands übernehmen können.

    Eine ausreichende Reha ist unabhängig von der Art der Behandlung sinnvoll. Ziel ist, das Knie in den Wochen und Monaten nach dem Kreuzbandriss zu stabilisieren und eine kräftige Oberschenkelmuskulatur aufzubauen. Außerdem dauert es eine Weile, bis das Gefühl für das Knie zurückkehrt und man es so selbstverständlich bewegen kann wie vor dem Unfall. Das vordere Kreuzband enthält spezielle Sinneszellen (Rezeptoren), die das Gehirn über die mechanischen Kräfte informieren, die im Knie wirken. Geeignete physiotherapeutische Übungen helfen dabei, die koordinativen Fähigkeiten wiederherzustellen.

    Nach einem Riss des vorderen Kreuzbands ist eine mehrmonatige Rehabilitation wichtig. Dies gilt sowohl nach einer Operation als auch nach einer konservativen Behandlung ohne Operation.

    Ein Riss am vorderen Kreuzband kann konservativ behandelt oder operiert werden. Bei einer Operation wird das gerissene Kreuzband durch ein körpereigenes Transplantat ersetzt. Dazu wird ein Stück einer Sehne aus der Innenseite der Oberschenkelmuskulatur, ein Teil der Patella-Sehne oder der Quadrizeps-Sehne entnommen.

    Ein ersetztes Kreuzband muss richtig einheilen, damit es langfristig stabil ist. Die eingesetzte Sehne muss vom Körper zu einem Band umgebaut werden, damit sie ihre neue Aufgabe erfüllen kann. Bis dieser Umbau abgeschlossen ist, dauert es mehrere Monate. Im Anschluss an eine Operation wird daher eine mehrmonatige Rehabilitation empfohlen. Auch die Stelle im Oberschenkel, an der die Ersatzsehne entnommen wurde, muss nach der Operation heilen und kann noch länger schmerzhaft sein.

    Bei einer konservativen Behandlung wird das Kreuzband nicht operativ ersetzt. Stattdessen beginnt man direkt mit einer Rehabilitation. Ziel der Reha ist es, die Muskeln, die das Knie stützen, soweit zu stärken, dass sie die Aufgaben des fehlenden Kreuzbands übernehmen können.

    Eine ausreichende Reha ist unabhängig von der Art der Behandlung sinnvoll. Ziel ist, das Knie in den Wochen und Monaten nach dem Kreuzbandriss zu stabilisieren und eine kräftige Oberschenkelmuskulatur aufzubauen. Außerdem dauert es eine Weile, bis das Gefühl für das Knie zurückkehrt und man es so selbstverständlich bewegen kann wie vor dem Unfall. Das vordere Kreuzband enthält spezielle Sinneszellen (Rezeptoren), die das Gehirn über die mechanischen Kräfte informieren, die im Knie wirken. Geeignete physiotherapeutische Übungen helfen dabei, die koordinativen Fähigkeiten wiederherzustellen.

    Wie lange dauert die Genesung nach einem Kreuzbandriss?

    Wie lange der Heilungsprozess und die Reha dauern, hängt unter anderem davon ab, wie ausgeprägt die Verletzungen sind, ob operiert wurde und, wenn ja, durch welche Sehne das Kreuzband ersetzt wurde. Zudem beeinflussen die körperlichen Voraussetzungen den Heilungsprozess, also zum Beispiel das Alter und der Trainingszustand vor der Verletzung.

    Nach einer Kreuzband-Operation dauert es etwa:

    • zwei Wochen, bis die Operationsfäden gezogen werden.
    • Nach etwa 4 bis 6 Wochen ist es möglich, wieder arbeiten zu gehen. Bei körperlich anstrengenden Berufen dauert es länger.
    • Nach etwa 6 bis 8 Wochen ist das Radfahren auf einem Ergometer möglich (wenn das Knie ausreichend gebeugt werden kann und dabei beschwerdefrei ist).
    • Nach etwa vier Monaten kann man mit leichtem Lauftraining beginnen.
    • Nach etwa sechs Monaten ist ein allmählicher Wiedereinstieg in den Sport möglich.

    Viele Fachleute empfehlen, erst nach 9 bis 12 Monaten mit intensivem Ballsport und Kampfsport zu beginnen. Manchmal dauert es auch noch länger, bis so intensive Belastungen empfehlenswert sind. Wichtig ist, sich nicht zu übernehmen und neue Aktivitäten immer langsam und mit Vorsicht anzugehen. Im Zweifel holt man vorher am besten physiotherapeutischen oder ärztlichen Rat ein.

    Wenn der Kreuzbandriss konservativ behandelt, also nicht operiert wird, erholt sich das Knie einige Wochen schneller. Die Ziele und Übungen, die in der Rehabilitation eingesetzt werden, sind mit denen vergleichbar, die nach einer Operation eingesetzt werden. Man kann jedoch früher mit dem Kraftaufbau beginnen.

    Wie läuft eine Rehabilitation nach Kreuzband-OP ab?

    Je nach den persönlichen Voraussetzungen und dem Umfang der Knieverletzungen werden für jede Phase der Reha Ziele festgelegt, die erreicht werden sollen, bevor man mit der nächsten Phase beginnt. Wie lange eine Reha-Phase dauert, ist aber individuell. Zudem können sich die Phasen auch überschneiden. Grob lässt sich die Rehabilitation in drei Phasen einteilen:

    Erste Phase (etwa zwei Monate)

    In der ersten Reha-Phase geht es vor allem darum,

    • die Schwellungen und Entzündungen im Gelenk abzubauen,
    • das Bein wieder vollständig strecken und gut beugen zu können,
    • die Oberschenkelmuskulatur zu steuern und
    • wieder normal gehen zu können.

    In den Tagen nach der Operation wird das Knie geschont, gekühlt und hochgelegt. Schwellungen werden mit einer physiotherapeutischen Lymphdrainage behandelt, Schmerzen mit entzündungshemmenden Medikamenten. Bereits in der ersten Woche wird mit leichten Übungen zum Strecken und Beugen des Beins begonnen. Dazu wird manchmal auch eine elektrische Schiene eingesetzt, in die das Bein eingespannt und durch einen Motor passiv bewegt wird. Wichtige Etappenziele sind:

    • Das Bein soll nach 1 bis 2 Wochen möglichst vollständig durchgestreckt werden können.
    • Die Kniescheibe soll beweglich gehalten werden, um Verklebungen zu verhindern, die sonst später zu Beschwerden führen können.

    Wenn es schmerzfrei möglich ist, können die Oberschenkelmuskeln in der ersten Woche nach der Operation bereits durch sogenannte isometrische Übungen aktiviert werden. Dabei wird die Muskulatur angespannt, ohne das Kniegelenk zu bewegen – zum Beispiel, indem man das gestreckte Bein im Liegen wiederholt anhebt und senkt. Manchmal werden zudem Elektrostimulationsgeräte eingesetzt, um die Muskulatur anzuregen. Es ist aber nicht nachgewiesen, dass diese Geräte die Rehadauer verkürzen können.

    Vor allem in den ersten 2 bis 4 Wochen sollte das Knie noch durch Gehhilfen entlastet werden. Manchmal wird eine Knieschiene empfohlen, die es erlaubt, das Bein zu strecken, aber nicht ganz zu beugen. Studien zeigen allerdings keine Unterschiede in den Behandlungsergebnissen von Menschen mit und ohne Knieschiene. Manche Menschen fühlen sich mit einer Schiene sicherer, andere empfinden sie eher als lästig.

    Nach und nach kommen Kräftigungsübungen hinzu, bei denen man die Muskeln aktiv bewegt (dynamische Übungen). Nach etwa vier Wochen kann mit Übungen begonnen werden, bei denen die Muskeln gegen Widerstände arbeiten müssen. Wichtig ist, sich von der Therapeutin oder dem Therapeuten zeigen zu lassen, wie man die verschiedenen Übungen richtig ausführt und dabei den vorgegebenen Bewegungsumfang beachtet.

    Übungen aus dem sogenannten neuromuskulären Training können helfen, die Stabilität und (unbewusste) Steuerung der Kniebewegungen zu fördern, was für viele Alltagsaktivitäten hilfreich ist. Zu solchen Übungen gehören zum Beispiel Halteübungen auf einem Wackelbrett.

    Leichtes Radfahren auf einem Ergometer ist möglich, wenn das Knie ausreichend gebeugt werden kann. Mit dem Ergometer kann das Kniegelenk durchbewegt und die Muskulatur vor Übungen aufgewärmt werden.

    Wenn das Knie nach dem Training heiß und dick wird oder schmerzt, ist das ein Zeichen, dass es überfordert ist. Dann ist es sinnvoll, weniger intensiv zu üben. Bei stärkeren Beschwerden sollte man fachlichen Rat einholen.

    Zweite Phase (etwa 3. bis 6. Monat)

    Die zweite Reha-Phase beginnt, wenn die Ziele aus Phase 1 erreicht wurden und die Übungen schmerzfrei und korrekt ausgeführt werden können. Am Ende der zweiten Phase ist es oft möglich, mit Sport anzufangen und auch körperlich anstrengendere Tätigkeiten auszuüben.

    In Phase 2 wird weiter daran gearbeitet, die Beinmuskulatur zu stärken. Das Training enthält zunehmend anspruchsvollere Übungen, wie Ausfallschritte oder einbeinige Kniebeugen. Bei den Übungen erhöht sich zudem der Bewegungsumfang. Um die Maximalkraft zu verbessern, wird bei bestimmten Übungen der Widerstand erhöht. Das neuromuskuläre Training wird ebenfalls anspruchsvoller. In den letzten Wochen dieser Phase können sportspezifische Übungen eingebaut werden, wie zum Beispiel spezielle Sprung- oder Laufübungen.

    Dritte Phase (nach dem 6. Monat)

    In der letzten Phase steht ein spezielles Kraft-, Funktions- und Ausdauertraining im Vordergrund. Die Schwerpunkte, die dabei gesetzt werden, hängen von den individuellen Zielen und Problemen ab, die jemand hat.

    Wichtig ist: Bis der Umbauprozess der Ersatzsehne im Körper vollständig abgeschlossen ist, kann es zwölf Monate und länger dauern. Um neue Verletzungen zu vermeiden, ist es daher sinnvoll, erst nach Rücksprache mit den Therapeutinnen und Therapeuten wieder voll in den Leistungssport einzusteigen – und nur dann, wenn die folgenden Kriterien erfüllt sind:

    • Beim Training treten keine Knieschmerzen und Stabilitätsprobleme auf,
    • sportartspezifische Übungen gelingen sauber und
    • der Kraftunterschied zwischen operiertem und gesundem Bein ist kleiner als 10 %.

    Wie lange es dauert, bis diese Kriterien erreicht werden, lässt sich nicht genau vorhersagen.

    Wo findet die Reha statt?

    In den ersten Wochen der Rehabilitation lässt sich das Knie meist gut in einer ambulanten Physiotherapie-Praxis behandeln. Dabei werden viele Reha-Übungen nach therapeutischer Anleitung zu Hause selbst umgesetzt. Nach den ersten Wochen kann die Ärztin oder der Arzt eine sogenannte „Medizinische Trainingstherapie“ (MTT-Rezept) oder eine „Krankengymnastik am Gerät“ (KGG-Rezept) verordnen. Dies ermöglicht gezieltes und umfassenderes Training an Geräten. Auch danach ist ein längerfristiges Training an Geräten oder mit Hilfsmitteln sinnvoll, zum Beispiel im Fitnessstudio.

    Wenn das Knie stark verletzt ist, kommt auch eine stationäre Rehabilitation infrage – oder nach einer Operation eine stationäre Anschlussheilbehandlung.

    Die Physiotherapie wird ärztlich verordnet. Bei einem Berufsunfall kommt auch eine „erweiterte ambulante Physiotherapie“ infrage, die durch eine sogenannte Durchgangsärztin oder einen Durchgangsarzt verordnet werden kann. Wer die Kosten trägt und zuständig ist (Renten-, Kranken- oder Unfallversicherung), hängt unter anderem davon ab, ob es ein Berufsunfall war und wie man versichert ist. Der Umfang der Rehabilitation richtet sich auch danach, welche Leistungen medizinisch für notwendig gehalten werden.

    Quellen

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    Monk AP, Davies LJ, Hopewell S, Harris K, Beard DJ, Price AJ. Surgical versus conservative interventions for treating anterior cruciate ligament injuries. Cochrane Database Syst Rev 2016; (4): CD011166.

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