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Tiefe Venenthrombose (TVT)

Überblick

    Überblick

    Zu einer tiefen Venenthrombose (TVT) kommt es, wenn sich in den Venen ein Blutgerinnsel bildet. Es kann Beschwerden wie Druckempfindlichkeit, Hautrötung, eine Schwellung am Unterschenkel oder eine Erwärmung im betroffenen Bereich verursachen. Oft löst eine TVT aber auch gar keine Symptome aus.

    Einleitung

    Von einer Thrombose spricht man, wenn ein Gefäß durch ein Blutgerinnsel verstopft wird. Bei einer tiefen Venenthrombose (TVT) bildet sich das Blutgerinnsel in einer der größeren, tief in den Muskelschichten liegenden Venen. Die meisten tiefen Venenthrombosen entstehen im Unterschenkel.

    Viele tiefe Venenthrombosen bleiben unbemerkt und lösen sich von selbst wieder auf. Manche verursachen aber auch Beschwerden wie Schmerzen und Schwellungen. Wenn eine TVT festgestellt wird, ist eine Behandlung notwendig, um ernsthafte Komplikationen wie eine Lungenembolie zu vermeiden. Dazu kann es kommen, wenn sich das Blutgerinnsel vom Entstehungsort löst und über den Kreislauf in die Lunge geschwemmt wird.

    Das Risiko für tiefe Venenthrombosen steigt nach großen Operationen, wie dem Einsatz eines künstlichen Knie- oder Hüftgelenks. Nach solchen Eingriffen ist es daher üblich, für eine Weile Medikamente anzuwenden, die der Bildung von Blutgerinnseln vorbeugen.

    Symptome

    Typische Anzeichen einer TVT sind Schmerzen im Bein oder in der Hüfte, Druckempfindlichkeit, Spannungsgefühle und eine gerötete Haut. Der betroffene Bereich kann außerdem anschwellen und sich warm anfühlen. Manchmal löst eine TVT aber auch gar keine Beschwerden aus.

    Ursachen und Risikofaktoren

    Ein Blutgerinnsel kann entstehen, wenn das Blut in einer Vene zu langsam fließt, wenn die Blutgerinnung gestört ist oder wenn eine Gefäßwand verletzt wird. Hierfür gibt es verschiedene Ursachen:

    • längere Bettruhe, zum Beispiel im Krankenhaus, nach einem Bruch oder einer Verletzung: Wenn man länger liegen muss und sich kaum bewegen kann, wird das Bein schlechter durchblutet.
    • Blutgerinnungsstörungen: Manche angeborenen Erkrankungen führen dazu, dass das Blut eher gerinnt.
    • größere Operationen: Bei größeren Eingriffen und schweren Verletzungen werden Blutgefäße verletzt und das Gerinnungssystem aktiviert.

    Außerdem gibt es verschiedene weitere Faktoren, die das Risiko für eine TVT erhöhen:

    • eine frühere TVT
    • Alter über 60 Jahre
    • familiäre Veranlagung (Eltern oder Geschwister hatten eine TVT)
    • bestimmte Krebserkrankungen
    • Herzschwäche
    • starkes Übergewicht (Adipositas)
    • Einnahme der Antibabypille
    • Einnahme von Hormonen in den Wechseljahren
    • stark ausgeprägte Krampfadern
    • Rauchen
    • bestimmte entzündliche Erkrankungen
    • Schwangerschaft
    • häufige Reisen mit langem Sitzen

    Für sich allein genommen, erhöhen die meisten dieser Risikofaktoren die Wahrscheinlichkeit für eine TVT aber nur geringfügig.

    Häufigkeit

    Nach Schätzungen aus Studien entwickelt im Durchschnitt etwa eine von 1000 Personen pro Jahr eine tiefe Venenthrombose, die Beschwerden verursacht. Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.

    Folgen

    Eine häufige Folge einer TVT ist das sogenannte postthrombotische Syndrom. Dabei kann das Bein anschwellen, sich schwer anfühlen und schmerzen. Andere mögliche Folgen sind Hautverfärbungen, Juckreiz und Ausschlag. Ein ausgeprägtes postthrombotisches Syndrom kann dazu führen, dass sich eine chronische Wunde bildet.

    Zum postthrombotischen Syndrom kommt es, wenn die TVT die Gefäßwände oder Venenklappen beschädigt hat und sich das Blut in der Vene dauerhaft staut. Das Syndrom tritt oft erst einige Wochen oder Monate nach einer TVT auf, manchmal auch erst nach ein oder zwei Jahren.

    Lungenembolie

    Eine seltenere, aber ernsthafte Komplikation der tiefen Venenthrombose wird als Lungenembolie bezeichnet. Dazu kommt es, wenn sich das Blutgerinnsel vom Entstehungsort ablöst, über den Kreislauf in die Lunge geschwemmt wird und dort ein Blutgefäß blockiert. Anzeichen hierfür sind:

    • plötzliche Atemnot
    • Brustschmerzen (vor allem beim Einatmen oder Husten)
    • Schwindel, Benommenheit oder Ohnmacht
    • Herzrasen
    • blutiger Auswurf beim Husten (eher selten)

    Eine Lungenembolie muss schnell behandelt werden, denn durch das verstopfte Gefäß staut sich das Blut zwischen Herz und Lunge. Dies kann zu einer Überlastung des Herzens und schließlich zu einem lebensbedrohlichen Herzversagen führen.

    Wenn es zu einer Lungenembolie kommt, dann meist innerhalb der ersten zwei Wochen nach Entstehung einer TVT. Das Risiko ist bei einer Thrombose im oberen Bereich des Beins oder im Becken höher als bei einer TVT im Unterschenkel. Dasselbe gilt für Thrombosen, die starke Beschwerden verursachen.

    Diagnose

    Eine tiefe Venenthrombose lässt sich allein anhand der typischen Symptome nicht sicher feststellen. Beschwerden wie Schmerzen, Schwellung und Hautrötung können auch verschiedene andere Ursachen haben, wie etwa eine Entzündung der oberflächlichen Venen, Krampfadern, eine Wundrose oder Verengung der Beinarterien (pAVK).

    In der Regel wird zur Diagnose zunächst ein Bluttest (D-Dimer-Test) gemacht. Dieser Test reagiert auf Spaltprodukte, die der Körper produziert, wenn er ein Blutgerinnsel abbaut. Sie werden D-Dimere genannt. Wenn der Test unauffällig ist, lässt sich eine TVT ziemlich sicher ausschließen. Ist der Test auffällig, wird ein sogenannter Duplex-Ultraschall („Doppler“) gemacht, um die Diagnose zu bestätigen. Er gibt Aufschluss über den Zustand der tiefen Beinvenen und den Blutfluss in den Venen.

    Wenn der Verdacht auf eine TVT sehr naheliegend ist, wird normalerweise sofort eine Ultraschalluntersuchung gemacht. Untersuchungen, die einen kleinen Eingriff erfordern, sind nur selten nötig. Dazu gehört zum Beispiel eine spezielle Röntgenuntersuchung der Gefäße, mit der man Gefäßverengungen sichtbar machen kann (Angiografie). Dabei wird über einen Katheter ein Kontrastmittel in die Vene gespritzt.

    Vorbeugung

    Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einer TVT vorzubeugen. Für Menschen, die operiert wurden oder verletzt sind und einige Tage im Bett verbringen müssen, ist es wichtig, so bald wie möglich wieder aufzustehen und sich zu bewegen. Auch kleine Übungen wie zum Beispiel das Wippen mit dem Fuß werden empfohlen, um die Durchblutung zu fördern. Bei einem erhöhten Risiko für eine TVT können zusätzlich Anti-Thrombose-Strümpfe oder Medikamente sinnvoll sein.

    Anti-Thrombose-Strümpfe können das Risiko einer tiefen Venenthrombose senken. Durch ihren straffen Sitz üben sie Druck auf die Beine aus, wodurch das Blut wieder schneller zum Herzen zurückfließt.

    Die dritte Möglichkeit sind Medikamente zum Spritzen oder Einnehmen, die die Gerinnungsfähigkeit des Blutes herabsetzen. Medikamente, die unter die Haut oder in die Vene gespritzt werden, wirken schon nach wenigen Stunden. Zu dieser Gruppe gehören die sogenannten Heparine und der Wirkstoff Fondaparinux.

    Bei den Medikamenten zum Einnehmen unterscheidet man zwischen Cumarinen und sogenannten direkten oralen Antikoagulanzien (DOAKs). Der bekannteste Wirkstoff aus der Gruppe der Cumarine ist Phenprocoumon (vielen Menschen als Marcumar bekannt). Zur Gruppe der DOAKs gehören die Wirkstoffe Apixaban, Dabigatran, Edoxaban und Rivaroxaban. Die Wirkung von Cumarinen setzt erst nach einigen Tagen ein, die der direkten oralen Antikoagulanzien bereits nach einigen Stunden.

    Behandlung

    Eine tiefe Venenthrombose wird meist für einige Tage im Krankenhaus behandelt. Dazu werden die gleichen Medikamente verwendet, die auch zur Vorbeugung eingesetzt werden. Die Behandlung wird mit einem schnell wirkenden Mittel wie zum Beispiel Heparin begonnen.

    Um sicherzugehen, dass sich das Blutgerinnsel vollständig auflöst, wird nach der akuten Behandlung empfohlen, noch für drei Monate gerinnungshemmende Tabletten einzunehmen. Manchmal ist auch eine längere Behandlungsdauer sinnvoll.

    Bei Menschen, die keine gerinnungshemmenden Medikamente nehmen können, kann alternativ ein kleiner Metallfilter (Vena Cava Filter) in die große Vene oberhalb der Nieren eingebracht werden. Er soll Blutgerinnsel auffangen, die aus dem Bein zur Lunge wandern könnten. Der Filter wird über einen Venenkatheter eingebracht, ähnlich wie bei einer Herzkatheter-Untersuchung.

    Um das Risiko für ein postthrombotisches Syndrom zu senken, können zusätzlich für bis zu zwei Jahre Anti-Thrombose-Strümpfe getragen werden.

    Quellen

    Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE). 10.2015. (AWMF-Leitlinien; Band 003 - 001).

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    Deutsche Gesellschaft für Angiologie e.V. (DGA). Venenthrombose und Lungenembolie: Diagnostik und Therapie. S2k-Leitlinie. 10.2015. (AWMF-Leitlinien; Band 065 - 002).

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    Sachdeva A, Dalton M, Amaragiri SV, Lees T. Graduated compression stockings for prevention of deep vein thrombosis. Cochrane Database Syst Rev 2014; (12): CD001484.

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    Was Studien sagen: Gegipstes Bein: Wann sind Anti-Thrombose-Spritzen sinnvoll?

    Wenn ein Bein für längere Zeit durch einen Gips oder eine Schiene ruhiggestellt wird, kann sich eine tiefe Venenthrombose bilden. Menschen mit erhöhtem Thromboserisiko wird empfohlen, mit Anti-Thrombose-Spritzen vorzubeugen.

    Manchmal zwingen ein Knochenbruch oder eine Operation am Fuß, Sprunggelenk oder Unterschenkel dazu, das betroffene Bein eine Zeitlang ruhig zu stellen. Bleibt es über mehrere Tage oder Wochen eingegipst oder geschient, fließt das Blut langsamer durch die Venen als bei normaler Bewegung. Dadurch steigt das Risiko, dass sich ein Blutgerinnsel (Thrombus) in einer Bein- oder Beckenvene bildet. Blutgerinnsel können die Venen verstopfen und den Blutfluss behindern. Dann spricht man von einer tiefen Venenthrombose (TVT).

    Die meisten tiefen Venenthrombosen lösen sich unbemerkt von selbst wieder auf. Manche führen jedoch zu Beschwerden wie geröteter Haut, Schwellungen und Schmerzen. Eine TVT kann gefährlich werden, wenn sich das Blutgerinnsel aus den Venen löst, über den Blutkreislauf in die Lunge gelangt und eine Lungenembolie verursacht. Dies passiert zum Glück sehr selten.

    Möglichkeiten der Thromboseprophylaxe

    Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Risiko für eine TVT zu senken. Am wichtigsten ist es, möglichst rasch wieder aufzustehen und sich zu bewegen. Allerdings sollte man das Bein auch nicht zu früh wieder belasten, damit der Heilungsprozess nicht gefährdet wird.

    Eine Möglichkeit, das TVT-Risiko zu senken, sind Anti-Thrombose-Strümpfe (Kompressionsstrümpfe), zumindest für das gesunde Bein. Sie üben Druck auf das Bein aus und unterstützen die Venen dabei, das Blut wieder schneller zum Herzen zurück zu transportieren.

    Eine andere Möglichkeit sind Medikamente, die die Gerinnungsfähigkeit des Blutes herabsetzen. Am gängigsten sind Arzneimittel aus der Gruppe der Heparine. Sie werden unter die Haut gespritzt. Man unterscheidet „niedermolekulare“ und „unfraktionierte“ Heparine. Niedermolekulare Heparine müssen nur einmal am Tag gespritzt werden, unfraktionierte Heparine dagegen zwei- bis dreimal. Menschen, die ein Bein ruhigstellen müssen, wenden meist niedermolekulare Heparine an. Wenn sie die Zeit der Regeneration zu Hause verbringen, können sie sich selbst spritzen.

    Eine mögliche Nebenwirkung von Heparin-Spritzen sind Blutungen. Meist sind es nur kleine Blutungen an der Einstichstelle, die sich zum Beispiel durch blaue Flecken zeigen. Das Risiko für eine Blutung ist zum Beispiel bei einem Magengeschwür, einer Blutung in den Monaten zuvor sowie bei Einnahme von gerinnungshemmenden Medikamenten wie Acetylsalicylsäure (ASS) erhöht. Männer haben ein etwas höheres Blutungsrisiko als Frauen. Allgemein steigt es mit dem Alter. Starke Blutungen, die eine Bluttransfusion erfordern, oder Blutungen in einem lebenswichtigen Organ sind sehr selten.

    Zum Beispiel für Menschen, die an einem Magen-Darm-Geschwür erkrankt sind oder in den Wochen oder Monaten davor eine ernsthaftere Blutung hatten, kommt Heparin nicht infrage.

    Studien zur Vorbeugung mit Medikamenten

    Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cochrane Collaboration haben untersucht, wie wirksam niedermolekulare Heparine einer TVT bei Menschen vorbeugen können, deren unteres Bein geschient oder eingegipst wurde. In den Studien erhielt die eine Hälfte de Teilnehmenden Heparin-Spritzen, die andere Hälfte ein Scheinmedikament – und zwar so lange, wie ihr Bein ruhiggestellt war.

    Aktuelle Studienergebnisse

    Die Auswertung von 6 Studien mit etwa 1470 Personen deutet darauf hin, dass Anti-Thrombose-Spritzen das Risiko für eine tiefe Venenthrombose verringern:

    • Ohne Heparin-Spritzen bekamen 23 von 1000 Personen eine TVT, die zu Beschwerden führte.
    • Mit Heparin-Behandlung bekamen 9 von 1000 Personen eine TVT mit Beschwerden.

    Mit anderen Worten: Wenn 1000 Menschen mit einem gegipsten oder geschienten unteren Bein Heparin spritzen, werden 14 tiefe Venenthrombosen verhindert. Die Vor- und Nachteile lassen sich aber noch nicht sicher beurteilen. Der Grund: Die Hälfte der Studien hatte methodische Probleme, die Ergebnisse sind daher nur eingeschränkt zuverlässig.

    Für wen sind Anti-Thrombose-Spritzen sinnvoll?

    Die medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland haben sich zusammengetan, um eine Leitlinie zur Vorbeugung von Venenthrombosen zu entwickeln. Darin werden verschiedene Risikofaktoren aufgelistet, die das TVT-Risiko erhöhen. Dazu gehören:

    • vorangegangene Venenthrombose
    • eine bestimmte Blutgerinnungsstörung
    • bestehende Krebserkrankung
    • Alter über 60 Jahre
    • Adipositas (BMI über 30)
    • chronische Herzschwäche oder überstandener Herzinfarkt

    Die Entscheidung für oder gegen eine vorbeugende Therapie mit Anti-Thrombose-Spritzen richtet sich unter anderem nach dem individuellen Thromboserisiko sowie der Art der Verletzung und Behandlung.

    Quellen

    Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE). 10.2015. (AWMF-Leitlinien; Band 003 - 001).

    Chapelle C, Rosencher N, Jacques Zufferey P, Mismetti P, Cucherat M, Laporte S et al. Prevention of venous thromboembolic events with low-molecular-weight heparin in the non-major orthopaedic setting: meta-analysis of randomized controlled trials. Arthroscopy 2014; 30(8): 987-996.

    Encke A, Haas S, Kopp I. Prophylaxe der venösen Thromboembolie. Dtsch Arztebl Int 2016; 113(31-32): 532-538.

    Sachdeva A, Dalton M, Amaragiri SV, Lees T. Graduated compression stockings for prevention of deep vein thrombosis. Cochrane Database Syst Rev 2014; (12): CD001484.

    Zee AAG, van Lieshout K, van der Heide M, Janssen L, Janzing HMJ. Low molecular weight heparin for prevention of venous thromboembolism in patients with lower-leg immobilization. Cochrane Database Syst Rev 2017; (8): CD006681.

    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
    Unsere Informationen beruhen auf den Ergebnissen hochwertiger Studien. Sie sind von einem Team aus Medizin, Wissenschaft und Redaktion erstellt und von Expertinnen und Experten außerhalb des IQWiG begutachtet. Wie wir unsere Texte erarbeiten und aktuell halten, beschreiben wir ausführlich in unseren Methoden.

    Was Studien sagen: Ist eine Thrombose-Vorbeugung auf Flugreisen nötig?

    Die Gefahr, eine tiefe Beinvenenthrombose (TVT) zu entwickeln, ist für gesunde Flugreisende sehr gering. Wer ein erhöhtes Thromboserisiko hat, kann mit Kompressionsstrümpfen vorbeugen.

    Zu einer tiefen Venenthrombose (TVT) kommt es, wenn sich in den Venen eines Menschen ein Blutgerinnsel bildet. Eine TVT kann zu Druckempfindlichkeit, Hautrötung, Erwärmung oder Schwellung meist am Unterschenkel führen. Oft verursachen sie aber auch gar keine Beschwerden und lösen sich von selbst wieder auf. Lange Flugreisen können Thrombosen begünstigen, wenn man die Beine während solcher Flüge kaum bewegt.

    Eine Wissenschaftlergruppe der Universität Harvard in den USA hat nach Studien zu tiefen Venenthrombosen bei Flugreisen gesucht. Sie fand mehrere Studien, die das Thromboserisiko bei Flugreisen untersucht haben. Eine große Studie ging der Frage nach, wie häufig es bei Flügen von über vier Stunden Dauer zu Reisethrombosen kommt.

    Reisethrombosen bei Langstreckenflügen sehr selten

    Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass nach einem Langstreckenflug von über vier Stunden ungefähr 2 von 10.000 Passagieren eine Reisethrombose entwickeln, die zu Beschwerden führt. Die Wissenschaftlergruppe fand außerdem heraus, dass das Risiko zunimmt, je länger man im Flugzeug unterwegs ist. In keiner der Studien wurde untersucht, ob eine TVT bei Passagieren auf Plätzen mit wenig Beinfreiheit häufiger ist als bei Passagieren auf Plätzen mit mehr Beinfreiheit.

    Was bringen Kompressionsstrümpfe?

    Eine Wissenschaftlergruppe der Cochrane Collaboration hat untersucht, ob das Tragen kniehoher Kompressionsstrümpfe das Risiko für eine Reisethrombose verringern kann. Dazu werteten sie die Ergebnisse von neun vergleichenden Studien aus, an denen gut 2600 Fluggäste teilnahmen. Die Hälfte der Passagiere trug Kompressionsstrümpfe, die andere Hälfte nicht. Nach dem Flug wurden sie in der Regel per Ultraschall untersucht, um festzustellen, ob sich ein Blutgerinnsel gebildet hat.

    In den Studien wurden Strümpfe unterschiedlicher Hersteller untersucht. Sie waren knielang und übten einen Druck zwischen 15 und 30 mm Hg aus. Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer wurden angehalten, die Strümpfe spätestens zwei Stunden vor dem Flug anzuziehen. Die Flüge dauerten zwischen 7 und 15 Stunden. An den Studien nahmen vor allem Menschen mit einem eher niedrigen Thromboserisiko teil.

    Die Studienergebnisse

    In den Studien traten keine tiefen Venenthrombosen auf, die Beschwerden verursachten. Bei den Untersuchungen nach den Flügen wurden aber bei einigen Passagieren Thrombosen entdeckt, die sich nicht bemerkbar gemacht hatten. Dabei zeigte sich, dass die Kompressionsstrümpfe das Risiko für solche Thrombosen deutlich gesenkt hatten:

    • Ohne Kompressionsstrümpfe kam es bei 22 von 1000 Passagieren zu einer symptomlosen Reisethrombose.
    • Mit Kompressionsstrümpfen kam es bei 2 von 1000 Passagieren zu einer symptomlosen Reisethrombose.

    Mit anderen Worten: Die Strümpfe konnten in diesen Studien 20 von 1000 Flugpassagieren vor einem Blutgerinnsel schützen.

    Ein weiteres Ergebnis der Studien: Bei den Passagieren, die Kompressionsstrümpfe trugen, schwollen die Beine weniger an – das heißt, sie waren besser vor Wassereinlagerungen in den Beinen durch das lange Sitzen geschützt.

    Wann werden Kompressionsstrümpfe empfohlen?

    Das Risiko, auf längeren Flugreisen eine tiefe Venenthrombose zu entwickeln, die zu gesundheitlichen Problemen führt, ist sehr gering – vor allem für Menschen, die keine Risikofaktoren für eine TVT haben. Ob man dieses Risiko durch das Tragen von Kompressionsstrümpfen weiter senken möchte, ist eine Frage der persönlichen Abwägung.

    Die medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland und international sehen in der Regel keinen Anlass dazu, auf Langstreckenflügen Kompressionsstrümpfe zu tragen. Für Menschen mit bestimmten Risikofaktoren, die eine TVT unbedingt vermeiden möchten, sehen sie darin jedoch eine gute Möglichkeit zur Vorbeugung. Ein erhöhtes Risiko hat zum Beispiel, wer bereits eine TVT hatte oder an Krebs erkrankt ist.

    Welche Alternativen gibt es?

    Andere Möglichkeiten, die empfohlen werden, um das Risiko für eine Reisethrombose zu senken, sind:

    • während des Flugs möglichst häufig aufzustehen und umherzugehen
    • Übungen für die Wadenmuskeln zu machen, zum Beispiel mit den Füßen zu wippen
    • sich wegen der größeren Bewegungsfreiheit möglichst einen Sitzplatz am Gang zu reservieren
    • ausreichend zu trinken
    • bequeme, locker sitzende Kleidung zu tragen

    Wie wirksam diese Maßnahmen sind, wurde bislang jedoch nicht in Studien untersucht.

    Quellen

    Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE). 10.2015. (AWMF-Leitlinien; Band 003 - 001).

    Chandra D, Parisini E, Mozaffarian D. Meta-analysis: travel and risk for venous thromboembolism. Ann Intern Med 2009; 151(3): 180-190.

    Clarke MJ, Broderick C, Hopewell S, Juszczak E, Eisinga A. Compression stockings for preventing deep vein thrombosis in airline passengers. Cochrane Database Syst Rev 2016; (9): CD004002.

    Kahn SR, Lim W, Dunn AS, Cushman M, Dentali F, Akl EA et al; American College of Chest Physicians. Prevention of VTE in nonsurgical patients: Antithrombotic Therapy and Prevention of Thrombosis, 9th ed: American College of Chest Physicians Evidence-Based Clinical Practice Guidelines. Chest 2012; 141(2 Suppl): e195S-226S.

    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
    Unsere Informationen beruhen auf den Ergebnissen hochwertiger Studien. Sie sind von einem Team aus Medizin, Wissenschaft und Redaktion erstellt und von Expertinnen und Experten außerhalb des IQWiG begutachtet. Wie wir unsere Texte erarbeiten und aktuell halten, beschreiben wir ausführlich in unseren Methoden.