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Depression

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    Depressionen sind weit verbreitet. Wer daran erkrankt, fällt über mehrere Wochen oder Monate in ein emotionales Tief, aus dem sich scheinbar kein Ausweg zeigt. Neben einer Psychotherapie sind Medikamente die wichtigste Behandlung. Entspannungsverfahren und Sport können eine sinnvolle Ergänzung sein und helfen, sich besser zu fühlen.

    Einleitung

    Jeder Mensch ist ab und an unglücklich und lustlos. Und jeder Mensch war wohl auch schon einmal niedergeschlagen oder sogar verzweifelt. Solche Phasen gehören zum Leben dazu, und normalerweise gehen sie nach einer Weile vorüber. Bei Menschen mit einer Depression ist das anders. Traurige Gefühle und negative Gedanken dauern bei ihnen länger an und überschatten all ihr Handeln und Denken. Depressionen können auch ohne auslösendes Ereignis oder erkennbaren Grund auftreten. Betroffene fühlen sich oft, als ob sie in einem tiefen Loch festsitzen. Sie erleben sich als freudlos und antriebsarm, leiden unter starken Selbstzweifeln und empfinden sich als wertlos. Alltagsaktivitäten, Arbeit oder Lernen fallen schwer; Freunde, Familie und Hobbys werden vernachlässigt. Sie schlafen schlecht.

    Eine Depression kann auch im Familien- und Freundeskreis zu Sorgen, Ängsten und Hilflosigkeit führen: Man möchte sehr gern helfen, weiß aber nicht wie. Für Angehörige ist es oft schwierig zu erkennen, ob es sich um eine vorübergehende Traurigkeit handelt oder eine ernstzunehmende Erkrankung.

    Symptome

    Menschen mit einer Depression fallen über mehrere Wochen oder Monate in ein emotionales Tief, aus dem sie oft keinen Ausweg sehen. Eine Depression kann ganz unterschiedlich erlebt werden: Einige Betroffene sind vor allem traurig und niedergeschlagen. Alles erscheint sinnlos, nichts und niemand kann sie aufmuntern. Andere empfinden statt Traurigkeit nur eine starke innere Leere, Erschöpfung und Gefühllosigkeit. Wieder andere leiden vor allem unter quälenden Sorgen, Befürchtungen und Ängsten. Typisch für eine Depression sind folgende Anzeichen:

    • eine anhaltend gedrückte Stimmung oder Niedergeschlagenheit
    • Verlust an Energie, Antriebslosigkeit, Erschöpfung
    • Freudlosigkeit und Desinteresse, selbst an Hobbys und Unternehmungen, die zuvor Freude bereitet haben
    • vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
    • Schuldgefühle und ständiges Grübeln
    • Schwierigkeiten, sich zu entscheiden und zu konzentrieren
    • Teilnahms- und Empfindungslosigkeit
    • Rückzug von Angehörigen und Freunden
    • Hoffnungslosigkeit und Zukunftsängste
    • Gedanken, nicht mehr leben oder das Leben beenden zu wollen

    Körperliche Symptome, die bei einer Depression auftreten können, sind:

    • Müdigkeit
    • Schlafstörungen
    • Appetitlosigkeit
    • Gewichtsverlust oder -zunahme
    • sexuelle Lustlosigkeit
    • Magen-Darm-Probleme, wie Verstopfung
    • erhöhte Schmerzempfindlichkeit

    Besonders bei älteren Betroffenen äußern sich Depressionen durch solche körperlichen Anzeichen.

    Depressionen können in jedem Alter, in unterschiedlichen Lebensphasen und -situationen auftreten. Diese Umstände beeinflussen, wie sich die Erkrankung äußert und manchmal auch, wie sie von den Betroffenen und den Menschen in ihrer Umgebung wahrgenommen wird. So werden die Symptome einer Depression bei alten Menschen häufig als Alterserscheinung oder Anzeichen einer Demenz fehlgedeutet.

    Ursachen und Risikofaktoren

    Wie Depressionen entstehen, ist bisher nicht genau bekannt. Man geht davon aus, dass biologische Vorgänge, psychische Faktoren, die persönliche Situation und besondere Ereignisse im Leben dabei zusammenwirken. Hier einige Beispiele dafür, was Depressionen begünstigen und ihren Verlauf beeinflussen kann:

    • ein erblich bedingtes erhöhtes Risiko: Es zeigt sich daran, dass die Erkrankung auch schon bei Familienmitgliedern häufiger aufgetreten ist.
    • traumatische Erlebnisse in der Kindheit, wie zum Beispiel Missbrauch und Vernachlässigung.
    • chronische Angststörungen in der Kindheit und Jugend, verbunden mit mangelndem Selbstvertrauen und Unsicherheit.
    • biochemische Veränderungen: Man hat festgestellt, dass bei einer Depression der Stoffwechsel im Gehirn verändert ist und Nervenreize langsamer übertragen werden. Auch bestimmte Botenstoffe und hormonelle Veränderungen können eine Rolle spielen.
    • Persönlichkeitsmerkmale wie mangelndes Selbstvertrauen.
    • Alkohol-, Tabletten- oder Drogenabhängigkeit: Sie können die Folge einer Depression sein, sie aber auch mit auslösen oder verstärken.
    • körperliche Erkrankungen wie ein Schlaganfall, ein Herzinfarkt, eine Krebserkrankung oder eine Schilddrüsenunterfunktion.
    • die Einnahme bestimmter Medikamente.
    • tragische Ereignisse wie der Tod eines geliebten Menschen oder eine Trennung.
    • anhaltender Stress und Überforderung, aber auch Unterforderung.
    • Einsamkeit.
    • Lichtmangel: Manche Menschen reagieren auf den Mangel an Tageslicht in den dunklen Herbst- und Wintermonaten mit einer Depression.

    Häufigkeit

    Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen: Schätzungsweise 16 bis 20 von 100 Menschen erkranken irgendwann in ihrem Leben mindestens einmal an einer Depression oder einer chronisch depressiven Verstimmung (Dysthymie). Frauen sind häufiger betroffen als Männer, ältere Menschen öfter als junge.

    Verlauf

    Depressionen verlaufen ganz unterschiedlich: Bei vielen Menschen klingen sie nach einigen Wochen oder Monaten – auch ohne Behandlung – wieder ab und kehren nicht wieder. Bei anderen wechseln sich depressive Phasen regelmäßig mit Phasen ohne Beschwerden ab. Wieder andere sind über lange Zeit mal stärker, mal weniger stark depressiv und einige entwickeln eine chronische Depression.

    Die typischen Symptome einer Depression zeigen sich über mindestens zwei Wochen und können bis zu mehreren Monaten andauern. Wenn sie nach einer gewissen Zeit wieder verschwinden, spricht man vom Ende einer depressiven Episode. Studien zeigen: Nach etwa drei bis sechs Monaten spürt etwa die Hälfte der Menschen, die wegen einer Depression behandelt wurden, eine deutliche Verbesserung ihrer Beschwerden.

    Wenn eine Depression innerhalb von sechs Monaten nach dem Abklingen der Beschwerden erneut auftritt, wird dies als Rückfall (Rezidiv) bezeichnet. Tritt eine weitere Episode erst nach mehr als sechs Monaten oder auch Jahre später auf, spricht man von einer wiederkehrenden Depression. Wenn eine Depression mehrfach auftritt, können die beschwerdefreien Phasen mit den Jahren kürzer und die depressiven Phasen länger werden. Wenn eine depressive Episode länger als zwei Jahre dauert, spricht man von einer chronischen Depression.

    Folgen

    Eine Depression bewirkt, dass sich Menschen anders fühlen und auch anders verhalten als vor der Erkrankung. Häufig geben sie sich selbst die Schuld für ihren Zustand und werden von Selbstzweifeln geplagt. Sie berichten von Gefühlen, die sie nicht mehr kontrollieren oder bewältigen können. Es können auch Gedanken an Selbsttötung aufkommen. Viele ziehen sich zurück, meiden soziale Kontakte und gehen kaum noch aus dem Haus. Es kann zu Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenmissbrauch kommen. All das kann dazu führen, dass die Depression anhält und die Beschwerden immer stärker werden. Einen solchen Teufelskreis zu durchbrechen, ist oft nur durch Hilfe von außen möglich.

    Diagnose

    Viele Betroffene sind so schwer depressiv erkrankt, dass sie von sich aus nicht mehr die Kraft aufbringen, Hilfe zu suchen und zum Arzt zu gehen. Andere empfinden ihr Leiden nicht als behandelbare Krankheit, sondern als persönliches Versagen, als Willensschwäche oder Folge von beruflichem oder privatem Stress. In diesen Fällen ist es wichtig, dass Angehörige ihre Unterstützung anbieten und zu einem ersten Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt mitkommen.

    Um herauszufinden, ob jemand an einer Depression erkrankt ist, gehen ärztliche oder psychologische Psychotherapeuten in zwei Schritten vor: Zum einen fragen sie nach Beschwerden, die auf eine Depression hinweisen können. Zum anderen versuchen sie, andere Erkrankungen oder Probleme auszuschließen, die ähnliche Beschwerden verursachen können. Dafür können auch körperliche Untersuchungen durch die Ärztin oder den Arzt nötig sein.

    Bei den typischen Merkmalen für eine Depression wird zwischen Haupt- und Nebensymptomen unterschieden.

    Die Hauptsymptome sind:

    • gedrückte Stimmung, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit
    • Desinteresse und Freudlosigkeit
    • Antriebsmangel und erhöhte Ermüdbarkeit, oft schon nach kleinen Anstrengungen.

    Die Nebensymptome geben zusätzlich einen Hinweis darauf, wie schwer die Depression ist:

    • Appetitlosigkeit
    • Schlafstörungen
    • Konzentrations- und Entscheidungsstörungen
    • geringes Selbstwertgefühl
    • Schuldgefühle
    • negative und pessimistische Zukunftsgedanken
    • Selbsttötungsgedanken oder -versuche

    Wenn mehrere Haupt- und Nebensymptome über zwei Wochen oder länger anhalten, wird eine Depression festgestellt. Zur Diagnose werden oft bestimmte Fragebögen eingesetzt, die nach typischen Beschwerden fragen. Je nach Anzahl, Art und Stärke der Symptome unterscheiden Fachleute zwischen leichten, mittelschweren und schweren Depressionen. Nach dieser Einteilung richtet sich die Behandlung.

    Vorbeugung

    Belastende Erfahrungen wie Verlusterlebnisse oder chronischer Stress tragen vermutlich zur Entstehung einer Depression bei. Bestimmte negative Einflüsse zu vermeiden oder den Umgang damit zu erlernen, kann das Risiko für eine Depression senken. Eine wichtige Rolle spielt zudem das soziale Umfeld. Menschen mit stabilen Bindungen erkranken seltener an Depressionen. Um einer Depression vorzubeugen, können sich frühzeitige psychologische Hilfen oder Beratungsangebote eignen. Für Menschen mit einem erhöhten Risiko für wiederholte Depressionen kommt eine schützende Langzeitbehandlung mit Medikamenten infrage, um Rückfälle zu vermeiden. Andere machen über längere Zeit eine ambulante Psychotherapie.

    Behandlung

    Vielen Menschen mit Depressionen fällt es schwer, die Diagnose zu akzeptieren. Ein Grund dafür kann sein, dass sie sich schämen, psychisch erkrankt zu sein und dies vor Angehörigen, Freunden und Arbeitskollegen verbergen möchten. Einige lehnen aus diesen Gründen auch eine Behandlung ab. Eine Therapie kann depressive Episoden jedoch oft verkürzen und die Beschwerden lindern.

    Bei Depressionen stehen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die wichtigsten sind eine Psychotherapie wie etwa die kognitive Verhaltenstherapie und / oder eine Behandlung mit Medikamenten. Welche Therapieform die richtige ist, wo sie am besten stattfindet und wie lange die Behandlung dauert, hängt unter anderem von der Schwere der Erkrankung, der persönlichen Lebenssituation und davon ab, wie sich die Beschwerden entwickeln. Mit der Therapeutin oder dem Therapeuten können die Vor- und Nachteile der möglichen Behandlungen, aber auch die Erwartungen und Befürchtungen gegenüber einer Therapie besprochen werden.

    Leben und Alltag

    Menschen mit einer Depression fällt es schwer, ihren Alltag zu bewältigen. Arbeitsanforderungen zu erfüllen, privaten Verpflichtungen nachzugehen und selbst kleine Aufgaben im Haushalt zu erledigen, kann unendlich mühsam werden. Oft verändert sich der Umgang mit Partnern, Angehörigen und Freunden. Sie sind durch die Depression ebenfalls meist sehr belastet. Emotionaler Rückzug und Teilnahmslosigkeit können zu Streit und weiterem Rückzug führen.

    Dennoch: Bei seelischen Problemen oder Erkrankungen wenden sich viele Menschen zunächst an Partner, Angehörige oder Freunde. Umgekehrt sind sie oft diejenigen, die die depressiven Symptome und Veränderungen als Erste bemerken. Ihr Trost und ihre Unterstützung sind für Menschen mit Depressionen besonders wichtig.

    Bei schweren Depressionen sind aber auch Partner und Angehörige oft überfordert. Manche Betroffenen ziehen wiederum fachliche Unterstützung vor, da sie ihre Nächsten nicht belasten möchten oder sich schämen, mit ihnen über ihre Erkrankung zu sprechen. Auch Selbsthilfegruppen können hier eine Möglichkeit sein.

    Besonders wichtig wird die aktive Hilfe und Unterstützung, wenn es Anzeichen dafür gibt, dass sich jemand das Leben nehmen könnte. Viele Menschen mit Depressionen haben Suizidgedanken. Meistens bleibt es bei den Gedanken – es ist aber enorm wichtig, diese ernst zu nehmen und mit anderen darüber zu sprechen. Ist dies in einer akuten Situation nicht möglich, gibt es Angebote wie den Sozialpsychiatrischen Dienst, Krisenzentren oder die Telefonseelsorge, bei denen man Hilfe erhalten kann – notfalls auch anonym und rund um die Uhr.

    Weitere Informationen

    Für die meisten Menschen, die sich bei seelischen Problemen oder Erkrankungen fachliche Beratung und Hilfe holen möchten, ist die Hausärztin oder der Hausarzt die erste Anlaufstelle. Man kann sich aber auch direkt an eine psychologische Beratungsstelle, eine psychotherapeutische oder psychiatrische Praxis wenden. In Notfällen, etwa bei akuter Suizidgefahr, stehen psychiatrisch-psychotherapeutische Praxen mit Notfalldienst oder die Notfallambulanzen der psychiatrisch-psychotherapeutischen Krankenhäuser zur Verfügung.

    Quellen

    Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) u.a. Unipolare Depression. S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie. Version 4. Oktober 2016.

    National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Depression: recognition and management. Clinical Guideline. October 2009.

    Patientenleitlinie zur Nationalen Versorgungsleitlinie. Unipolare Depression. Version 1.0. August 2011.

    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
    Unsere Informationen beruhen auf den Ergebnissen hochwertiger Studien. Sie sind von einem Team aus Medizin, Wissenschaft und Redaktion erstellt und von Expertinnen und Experten außerhalb des IQWiG begutachtet. Wie wir unsere Texte erarbeiten und aktuell halten, beschreiben wir ausführlich in unseren Methoden.

    Was Studien sagen: Helfen Sport und Bewegung?

    Sport und Bewegung können bei einer Depression wahrscheinlich helfen, die Symptome zu lindern. Ob bestimmte Sportarten geeigneter sind als andere, ist allerdings unklar.

    Depressionen können sich auf verschiedene Weise bemerkbar machen. Zu den wesentlichen Kennzeichen gehören eine anhaltend gedrückte Stimmung, Antriebs- und Freudlosigkeit sowie ein allgemeines Desinteresse – selbst an Hobbys und Aktivitäten, die zuvor Freude bereitet haben. Für Menschen mit Depressionen gibt es verschiedene Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten. Wichtige Bausteine der Behandlung sind Psychotherapie und Medikamente (Antidepressiva).

    Wer eine Depression hat, ist oft antriebsarm und dadurch auch körperlich weniger aktiv. Bewegung und Sport – zum Beispiel Walking, Joggen, Radfahren, Schwimmen oder Wandern – werden häufig empfohlen, um depressive Beschwerden zu lindern oder ihnen vorzubeugen. Für viele Menschen, die es schaffen, trotz ihrer Beschwerden ergänzend zu anderen Behandlungen Sport zu treiben, ist das Gefühl wichtig, selbst etwas gegen ihre Erkrankung tun zu können. Sport bietet die Möglichkeit, aktiv zu sein und auch mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Zudem wird vermutet, dass Sport den Stoffwechsel im Gehirn und damit auch die Depression positiv beeinflusst.

    Studien zu Sport und Bewegung bei Depression

    Eine Forschergruppe der Cochrane Collaboration – einem internationalen Forschungsnetzwerk – hat den Nutzen von Sport und Bewegung bei Depression geprüft. Sie suchte nach allen Studien, in denen die Wirkung von Sport- und Bewegungsprogrammen mit anderen Maßnahmen gegen Depressionen verglichen wurde. Sie fanden 39 Studien mit knapp 2330 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die an solchen Bewegungsprogrammen teilgenommen hatten. Die meisten Studien untersuchten Joggen und Walken, einige wenige Radfahren und Krafttraining. Die Programme liefen über eine bis 16 Wochen. An den Studien nahmen Menschen teil, bei denen eine Depression festgestellt wurde. Studien zu Menschen mit depressiver Verstimmung oder chronischer depressiver Verstimmung (Dysthymie) wurden nicht ausgewertet.

    Beschwerden verringerten sich etwas

    Die zentrale Frage der Untersuchung war: Verringern sich depressive Beschwerden bei Menschen, die an Sport- und Bewegungsprogrammen teilnehmen? Die Ergebnisse der Studien zeigten nur eine geringe Wirkung. Das heißt: Menschen, die an Bewegungsprogrammen teilnahmen, hatten im Durchschnitt etwas weniger Beschwerden als die Personen, die nicht teilnahmen und auch keine andere Behandlung erhielten. Zu einer deutlichen Abnahme der Beschwerden kam es durch die Programme also nicht. Viele Teilnehmende hatten die Programme zudem vorzeitig beendet. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass das angebotene Training – meist Joggen oder Walken – nicht für jeden geeignet war.

    Es gab kaum Studien, in denen verschiedene Bewegungsprogramme miteinander verglichen wurden. Deshalb lässt sich nicht sagen, ob die Art, Intensität und Häufigkeit der körperlichen Aktivität einen Unterschied macht. In einigen Studien wurden Bewegungsprogramme mit der kognitiven Verhaltenstherapie und der Einnahme von Antidepressiva verglichen. In diesen Studien zeigte sich zwar kein eindeutiger Unterschied im Vergleich zur Wirkung einer Verhaltenstherapie oder von Antidepressiva. Daraus zu schließen, dass Sport und Bewegung allgemein so wirksam wären wie Psychotherapien und Antidepressiva, oder dass Sport andere Behandlungen ersetzen könnte, wäre jedoch falsch: In vielen Fällen sind Psychotherapie und / oder Antidepressiva nicht verzichtbar. Sport und Bewegung können dann ergänzende Möglichkeiten sein – oder auch eine Alternative für Menschen mit leichten Depressionen, die nicht sofort eine Behandlung beginnen möchten.

    Viele Fragen bleiben offen

    Die Zusammenfassung der Studien gibt auf viele Fragen keine Antwort: Ist der Einfluss von Sport und Bewegung auf leichte, mittlere oder schwere Depressionen unterschiedlich? Sind Sport und Bewegung in Gruppen oder als Einzelaktivität besser? Wie lange hält der Effekt an? Könnte es manchmal auch unangebracht sein, jemanden zu mehr Bewegung zu ermuntern? Schließlich ist es Menschen mit einer schweren Depression kaum möglich, sportlich aktiv zu sein. Bei einer leichten Depression gelingt dies eher. Die Forschergruppe hat aber nicht untersucht, in welchen Situationen bestimmte Formen von Sport und Bewegung helfen und wann womöglich nicht.

    Quellen

    Cooney GM, Dwan K, Greig CA, Lawlor DA, Rimer J, Waugh FR et al. Exercise for depression. Cochrane Database Syst Rev 2013; (9): CD004366.

    Kvam S, Kleppe CL, Nordhus IH, Hovland A. Exercise as a treatment for depression: A meta-analysis. J Affect Disord 2016; 202: 67-86.

    Schuch FB, Vancampfort D, Rosenbaum S, Richards J, Ward PB, Stubbs B. Exercise improves physical and psychological quality of life in people with depression: A meta-analysis including the evaluation of control group response. Psychiatry Res 2016; 241: 47-54.

    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
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    Was Studien sagen: Können Entspannungsverfahren helfen?

    Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung können zur Linderung leichter bis mittelschwerer Depressionen beitragen. Sie sind aber nicht so wirksam wie eine kognitive Verhaltenstherapie.

    Depressionen sind weit verbreitet: In Deutschland haben schätzungsweise 16 bis 20 von 100 Erwachsenen mindestens einmal im Leben damit zu tun.

    Typische Anzeichen einer Depression sind länger anhaltende Niedergeschlagenheit, Antriebs- und Freudlosigkeit sowie ein allgemeines Desinteresse – selbst zuvor gern ausgeübte Hobbys bereiten keine Freude mehr. Depressionen äußern sich manchmal aber auch durch körperliche Symptome wie Müdigkeit und Schlafstörungen (Insomnie). Gleichzeitig können andere Beschwerden wie Angstzustände oder Schmerzen auftreten. Schwere Depressionen sind mit dem Risiko einer Selbsttötung verbunden und müssen professionell behandelt werden.

    Depressionen werden am häufigsten mit Medikamenten (sogenannten Antidepressiva) oder einer Psychotherapie behandelt. Entspannungsverfahren können ergänzend dazu angewendet werden.

    Entspannungsverfahren

    Ein weit verbreitetes Entspannungsverfahren ist die progressive Muskelentspannung, auch Muskelentspannung nach Jacobson oder Tiefenmuskelentspannung genannt. Bei dieser Technik legt man sich hin und konzentriert sich auf eine bestimmte Muskelpartie. Sie wird zunächst bewusst für eine Weile angespannt und anschließend wieder vollständig entspannt. Auf diese Weise werden nacheinander die wichtigsten Muskelpartien des Körpers gelockert. Ziel ist ein Zustand tiefer Entspannung und eine bessere Wahrnehmung des eigenen Körpers.

    Ein anderes Entspannungsverfahren ist das autogene Training. Dabei sitzt oder liegt man bequem und konzentriert sich auf kurze formelhafte Sätze wie etwa „meine Arme sind schwer“. Ziel ist, sich intensiv verschiedene Zustände wie Schwere, Wärme, Kühle oder Ruhe vorzustellen und wahrzunehmen. Dadurch soll ein tiefer Entspannungszustand erreicht und Stress abgebaut werden.

    Auch bei Yogaübungen geht es darum, sich des eigenen Körpers bewusst zu werden und einen Entspannungszustand zu erreichen. Beim Yoga werden Atemübungen, Meditation, Muskelentspannung sowie Dehnung und Kräftigung in bestimmten Körperhaltungen kombiniert.

    Forschung zur Wirksamkeit von Entspannungsverfahren

    Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cochrane Collaboration haben 15 vergleichende Studien zur Wirksamkeit von Entspannungsverfahren bei Menschen mit einer Depression analysiert. In jeder Studie lernte jeweils eine Teilnehmergruppe ein Entspannungsverfahren, die andere Gruppe nicht.

    An den Studien nahmen insgesamt rund 800 Menschen teil, etwa 70 % davon waren Frauen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der meisten Studien waren zwischen 30 und 40 Jahre alt, in einigen auch unter 18 Jahre. Da die Teilnehmenden überwiegend eine leichte bis mittelschwere Depression hatten, lassen die Ergebnisse der Studien keine Aussagen für Menschen mit einer schweren Depression zu.

    In 10 der 15 Studien wurde die progressive Muskelentspannung untersucht. Die anderen Studien untersuchten weitere Verfahren wie autogenes Training oder Kombinationen, zum Beispiel progressive Muskelentspannung als Teil eines Yoga-Kurses. Die Teilnehmenden erlernten die Entspannungstechnik überwiegend in Kursen mit ausgebildeten Trainerinnen und Trainern. Die Anzahl der Kurstermine bewegte sich zwischen 5 und 40.

    In den Vergleichsgruppen wurden verschiedene andere Behandlungen eingesetzt, zum Beispiel die kognitive Verhaltenstherapie, eine Form der Psychotherapie. In einigen Studien wurden die Teilnehmenden in den Vergleichsgruppen auf eine Warteliste gesetzt und erhielten erst nach der Studie die Behandlung. Dadurch konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen, wie wirksam Entspannungsverfahren im Vergleich zu keiner Behandlung sind. Zum Vergleich von Entspannungstechniken mit Medikamenten gab es nicht ausreichend Studien, ebenso wenig zu autogenem Training.

    Entspannung kann vermutlich helfen – allerdings nicht so sehr wie Psychotherapie

    Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die eine progressive Muskelentspannung anwendeten, waren am Ende der Studien weniger depressiv als die Vergleichsgruppen ohne Behandlung. Die Studien waren für sichere Aussagen zu den meisten Fragen jedoch zu klein, außerdem dauerten sie höchstens einige Monate. Daher bleibt offen, wie lange die Wirkung der Entspannungstechnik andauerte und ob die Teilnehmenden nach dem Ende der Studien damit weitermachten.

    Ob Entspannungsverfahren unerwünschte Wirkungen haben können, wurde in den Studien nicht untersucht. Die Wissenschaftlergruppe fand andererseits auch keine Anzeichen dafür. Menschen mit Depressionen kann es allerdings sehr schwerfallen, etwas Neues wie eine Entspannungstechnik zu erlernen.

    Die Studien zum Vergleich von Entspannungsverfahren und kognitiver Verhaltenstherapie zeigten, dass es allen Teilnehmenden am Ende der Studie besser ging. Dabei zeigte die kognitive Verhaltenstherapie eine stärkere Wirkung als die progressive Muskelentspannung.

    Die Cochrane-Wissenschaftlergruppe kam zu dem Schluss, dass Entspannung eine erste Möglichkeit sein kann, depressive Symptome zu lindern – insbesondere für Menschen, die zum Beispiel keine Medikamente nehmen möchten oder für die keine andere Behandlung infrage kommt. Je nach Schweregrad der Depression können Entspannungstechniken andere Behandlungen ergänzen.

    Quellen

    Jorm AF, Morgan AJ, Hetrick SE. Relaxation for depression. Cochrane Database Syst Rev 2008; (4): CD007142.

    Im November 2016 haben wir die Aktualität dieser Information geprüft. Dabei haben wir keine neueren Forschungsergebnisse gefunden, die Anlass zu einer Änderung unserer Aussagen geben.

    Was Studien sagen: Können Mittel aus Johanniskraut helfen?

    Bestimmte Johanniskraut-Präparate können eine leichte bis mittelschwere Depression kurzfristig lindern. Für schwere Depressionen ist dies nicht nachgewiesen. Johanniskraut-Präparate haben seltener Nebenwirkungen als einige andere Antidepressiva. Es kann jedoch zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommen.

    Eine Depression ist etwas anderes als einfach nur traurig oder verstimmt zu sein. Typische Anzeichen der Erkrankung sind eine tiefe Niedergeschlagenheit, die mindestens zwei Wochen anhält und mit allgemeiner Interesse- und Antriebslosigkeit verbunden ist. Menschen mit einer Depression schlafen meist schlecht, fühlen sich erschöpft und vom Alltagsleben überfordert. Ihr Selbstvertrauen schwindet, sie haben ein sehr negatives Selbstbild und ziehen sich häufig zurück. Außerdem fällt es ihnen schwer, sich zu konzentrieren. Eine Depression kann mit psychotherapeutischen Verfahren und mit Medikamenten (Antidepressiva) behandelt werden.

    Behandlung einer Depression mit Johanniskraut-Präparaten

    Bei leichteren Depressionen greifen einige Menschen zu pflanzlichen Mitteln aus Johanniskraut-Extrakten. Mittel mit Johanniskraut sind manchmal auch unter dem lateinischen Namen für Johanniskraut zu finden: Hypericum perforatum.

    Wie für die meisten pflanzlichen Arzneien (Phytotherapeutika) gilt auch für Mittel mit Johanniskraut: Im Handel ist eine Vielfalt an Produkten erhältlich, die sich in ihrer Stärke und Zusammensetzung zum Teil erheblich unterscheiden. Daher gibt es keine Garantie dafür, dass vor Ort verfügbare Johanniskraut-Produkte dieselbe Wirkung haben wie Präparate, die in Studien erprobt wurden. Viele Produkte enthalten zum Beispiel nur eine geringe Dosis an Johanniskraut-Extrakten.

    Johanniskrauthaltige Präparate gegen mittelschwere Depressionen sind rezeptpflichtig. Johanniskraut-Präparate gegen leichte depressive Verstimmungen sind dagegen ohne Rezept erhältlich.

    Studien zur Wirkung von Johanniskraut

    Eine Forschergruppe wertete insgesamt 35 Studien mit knapp 7000 Teilnehmenden aus, um herauszufinden, ob Johanniskraut-Präparate Depressionen bei Erwachsenen lindern können und wie sie im Vergleich zu anderen Medikamenten abschneiden. Die Studien dauerten mindestens 4 Wochen und prüften ganz unterschiedliche Johanniskraut-Produkte in verschiedenen Dosierungen. An den Studien nahmen Menschen mit einer leichten oder mittelschweren Depression teil. Die meisten Teilnehmenden waren Frauen.

    Wirkung bei leichter bis mittelschwerer Depression

    Die in den Studien eingesetzten Johanniskraut-Präparate konnten die Beschwerden von Menschen mit einer leichten bis mittelschweren Depression stärker lindern als ein Placebo. Die Studien, in denen Johanniskraut mit anderen Antidepressiva verglichen wurde, zeigten für beide Mittel eine vergleichbare Wirkung. Die Studien zogen jedoch nicht alle häufig angewendeten Antidepressiva zum Vergleich heran.

    Ein schwerwiegender Mangel der Studien ist, dass die Teilnehmenden nur für einige Wochen beobachtet wurden. Depressionen dauern jedoch häufig länger oder kehren nach einiger Zeit mit einer weiteren Episode zurück. Ob Mittel mit Johanniskraut längerfristig wirksam sind oder weiteren Episoden vorbeugen können, sind daher wichtige Fragen für Menschen mit Depressionen. Hierzu können die Studien jedoch keine Auskunft geben.

    Zudem lassen sich die Ergebnisse nicht auf jedes Johanniskraut-Produkt übertragen, da die vielen frei verkäuflichen Präparate unterschiedlich zusammengesetzt sind. In der Mehrzahl der eingeschlossenen Studien wurde Johanniskraut in einer Dosis von 500 mg bis 1200 mg pro Tag verabreicht. Die Daten der Studien reichten aber nicht, um unterschiedliche Extrakte miteinander vergleichen zu können oder eine optimale Dosierung zu ermitteln.

    Keine Belege fanden die Wissenschaftler dafür, dass Johanniskraut bei schweren Depressionen hilft. Eine schwere Depression ist eine sehr ernsthafte Erkrankung und sollte nicht allein mit Johanniskraut behandelt werden.

    Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

    Johanniskraut-Präparate können zu Nebenwirkungen wie Übelkeit, leichten Hautirritationen, Lichtempfindlichkeit und Kopfschmerzen führen. Sie können auch allergische Reaktionen auslösen. Es kommt jedoch etwas seltener zu Nebenwirkungen als bei anderen Antidepressiva.

    Bei Johanniskraut-Präparaten können aber Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten – das heißt, sie können die Wirkung anderer Mittel, die gleichzeitig eingenommen werden, verstärken oder abschwächen. Johanniskraut verringert zum Beispiel die Wirkung von Mitteln, die das Blut langsamer gerinnen lassen oder die die Immunabwehr des Körpers unterdrücken. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass Johanniskraut die Zuverlässigkeit der Antibabypille herabsetzt.

    Auch pflanzliche Wirkstoffe wie Johanniskraut können in Kombination mit anderen Medikamenten Probleme hervorrufen. Deshalb ist es wichtig, bei der Einnahme von mehreren Medikamenten auf mögliche Wechselwirkungen zu achten – und rezeptfrei erhältliche Mittel nicht ohne Rücksprache mit der Ärztin oder dem Arzt einzunehmen.

    Quellen

    Apaydin EA, Maher AR, Shanman R, Booth MS, Miles JN, Sorbero ME et al. A systematic review of St. John’s wort for major depressive disorder. Syst Rev 2016; 5(1): 148.

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    Was Studien sagen: Was hilft bei Depressionen und koronarer Herzkrankheit?

    Viele Menschen mit einer koronaren Herzkrankheit (KHK) erkranken auch an einer Depression. Umgekehrt können Depressionen Herzprobleme verstärken. Psychologische Behandlungen und Medikamente können eine Depression nach belastenden Ereignissen wie Herzinfarkt oder Bypass-Operation lindern.

    Eine koronare Herzkrankheit (KHK) wird durch Verengungen der Blutgefäße ausgelöst, die den Herzmuskel versorgen (Koronararterien). Das hat zur Folge, dass die Gefäße weniger Blut durchlassen und das Herz schlechter mit Sauerstoff versorgt wird. Eine koronare Herzkrankheit kann zu Schmerzen hinter dem Brustbein, einem Herzinfarkt, Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen führen. Viele Menschen mit KHK entwickeln zudem eine Depression.

    Herzerkrankungen können Depressionen auslösen

    Im Zusammenhang mit einer koronaren Herzkrankheit tritt eine Depression besonders nach schwerwiegenden Ereignissen wie einem Herzinfarkt auf. Untersuchungen zeigen: Etwa jeder fünfte Mensch, der wegen eines Herzinfarkts stationär im Krankenhaus behandelt wurde, erkrankt anschließend an einer behandlungsbedürftigen Depression. Deutlich mehr Personen zeigen nach einem Herzinfarkt leichte depressive Symptome. Vermutlich bleibt die Mehrzahl der Menschen, die nach einem Herzinfarkt depressive Symptome entwickeln, noch ein bis vier Monate nach der Entlassung aus dem Krankenhaus depressiv. Manchmal beeinträchtigt eine behandlungsbedürftige Depression noch fünf Jahre nach einem Herzinfarkt das seelische und körperliche Wohlbefinden.

    Depressionen erhöhen das Risiko für Herzprobleme

    Krankheiten wie ein Herzinfarkt machen also Depressionen wahrscheinlicher. Auf der anderen Seite kann eine lang anhaltende Depression das Risiko für Herzkrankheiten erhöhen: Sie behindert den Genesungsprozess und kann insgesamt das Krankheits- und Sterberisiko erhöhen. Verschiedene biologische Mechanismen könnten dazu führen, dass eine Depression das Herz belastet. Es könnten aber auch bestimmte Verhaltensweisen eine Rolle spielen, die bei depressiven Menschen häufiger sind, wie etwa Rauchen oder zu wenig körperliche Bewegung.

    Bewertung von psychologischen Behandlungen und Medikamenten

    Zu den psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten bei Depression zählen die kognitive Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und interpersonelle Psychotherapie, aber auch psychologische Unterstützungsangebote und Beratung. Daneben stehen Medikamente zur Verfügung, sogenannte Antidepressiva.

    Wissenschaftler der Cochrane Collaboration sind der Frage nachgegangen, wie sich eine Depression bei Menschen mit koronarer Herzkrankheit lindern lässt. Sie suchten nach Studien, in denen der Nutzen von psychologischen Behandlungen und Medikamenten geprüft wurde. Sie fanden sieben Studien zu psychologischen Hilfen und acht Studien zur medikamentösen Behandlung. An den Studien nahmen insgesamt etwa 4000 Personen teil. Sie hatten durchgehend schwere Herzprobleme: Die meisten hatten kurz zuvor einen Herzinfarkt oder eine Bypass-Operation überstanden. Auch einige Menschen mit anfallsartigen Schmerzen in der Brust (Angina pectoris) nahmen teil.

    Nutzen psychologischer Behandlungen

    In den Studien zeigte sich: Psychologische Hilfen und Behandlungen können Depressionen bei Menschen nach einem Herzinfarkt oder einer Bypass-Operation lindern. In einer kleinen Studie verbesserten die Maßnahmen auch die Lebensqualität der Betroffenen. Untersucht wurden unter anderem die kognitive Verhaltenstherapie, Stress-Management und die interpersonelle Psychotherapie (eine häufig bei Depressionen angewandte Form der Kurzzeit-Psychotherapie). Wie sich eine psychologische Behandlung langfristig auf das Risiko für Herzerkrankungen auswirkt, hat nur eine größere Studie untersucht. Dort konnte die Behandlung das Risiko für Herzinfarkte und die Sterblichkeit nicht senken. Ob eine bestimmte Form der psychologischen Therapie oder Unterstützung besonders wirksam ist, lässt sich anhand der bisherigen Forschungsergebnisse nicht sagen.

    Nutzen von Medikamenten

    Auch Antidepressiva konnten Depressionen bei Menschen mit KHK lindern. Durch die Medikamenteneinnahme kam es zudem seltener zu Krankenhausaufenthalten. Das Risiko für Herzkrankheiten verringerte sich durch die Medikamente aber nicht. Auch die Auswirkungen auf die Lebensqualität sind nach den bisherigen Studien unklar.

    Die meisten Studien haben eine Gruppe von Antidepressiva untersucht, die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). SSRI sind für Menschen mit Herzproblemen geeignet, einige andere Antidepressiva wie trizyklische Antidepressiva und Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer) jedoch nicht.

    Quellen

    Baumeister H, Hutter N, Bengel J. Psychological and pharmacological interventions for depression in patients with coronary artery disease. Cochrane Database Syst Rev 2011; (9): CD008012.

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    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
    Unsere Informationen beruhen auf den Ergebnissen hochwertiger Studien. Sie sind von einem Team aus Medizin, Wissenschaft und Redaktion erstellt und von Expertinnen und Experten außerhalb des IQWiG begutachtet. Wie wir unsere Texte erarbeiten und aktuell halten, beschreiben wir ausführlich in unseren Methoden.

    Mehr Wissen: Anzeichen für eine Depression

    Es ist nicht immer leicht, eine Depression festzustellen. Wenn mehrere typische Symptome mindestens zwei Wochen andauern, kann das auf eine Depression hinweisen. Bei Kindern und Jugendlichen äußert sich eine Depression jedoch oft ganz anders als bei Erwachsenen.

    Wir alle haben manchmal mit tiefer Traurigkeit und Angst zu kämpfen, vor allem wenn wir mit einer besonders herausfordernden oder schmerzlichen Situation im Leben konfrontiert sind. Manchmal entwickelt sich daraus eine Depression. Eine depressive Erkrankung ist jedoch etwas anderes, als einfach traurig oder verstimmt zu sein. Anhaltende Niedergeschlagenheit, Antriebs- und Interesselosigkeit sind typische Symptome. Die Freude am Leben geht verloren, die Arbeit oder das Lernen fallen schwer, Freunde und Familie werden vernachlässigt.

    Es ist nicht immer leicht, eine Depression festzustellen. Wenn mehrere typische Symptome mindestens zwei Wochen andauern, kann das auf eine Depression hinweisen. Bei Kindern und Jugendlichen äußert sich eine Depression jedoch oft ganz anders als bei Erwachsenen.

    Wir alle haben manchmal mit tiefer Traurigkeit und Angst zu kämpfen, vor allem wenn wir mit einer besonders herausfordernden oder schmerzlichen Situation im Leben konfrontiert sind. Manchmal entwickelt sich daraus eine Depression. Eine depressive Erkrankung ist jedoch etwas anderes, als einfach traurig oder verstimmt zu sein. Anhaltende Niedergeschlagenheit, Antriebs- und Interesselosigkeit sind typische Symptome. Die Freude am Leben geht verloren, die Arbeit oder das Lernen fallen schwer, Freunde und Familie werden vernachlässigt.

    Wie eine Depression festgestellt wird

    Um herauszufinden, ob jemand an einer Depression erkrankt sein könnte, gehen Ärztinnen und Ärzte in zwei Schritten vor: Zum einen fragen sie nach Beschwerden, die auf eine Depression hinweisen können. Zum anderen versuchen sie, andere Erkrankungen oder Probleme auszuschließen, die manchmal ähnliche Symptome verursachen. Eine sichere Untersuchungsmethode, um eine Depression festzustellen, gibt es nicht.

    Wenn über längere Zeit (mindestens zwei Wochen) mehrere der folgenden Beschwerden anhalten, kann dies auf eine Depression hindeuten:

    • eine anhaltend gedrückte Stimmung
    • Antriebslosigkeit
    • verminderte Aktivität
    • Freudlosigkeit und allgemeines Desinteresse (selbst an Hobbys und anderen Aktivitäten, die zuvor Freude bereitet haben)
    • vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
    • das Gefühl, an Dingen schuld zu sein, für die man eigentlich nichts kann
    • Müdigkeit
    • Schlafstörungen
    • Appetitlosigkeit
    • Konzentrationsschwierigkeiten

    Bei einigen Menschen äußern sich Depressionen vor allem durch körperliche Symptome wie Gewichtsverlust, Schlafstörungen, unerklärbare Schmerzen, Verstopfung oder einem Verlust an sexuellem Interesse. Depressionen können nicht nur mit Mattigkeit, sondern auch mit einer erhöhten Erregbarkeit einhergehen.

    Neben den genannten Beschwerden können manchmal noch andere Probleme eine Rolle spielen, etwa ein erhöhter Alkoholkonsum oder eine Suchterkrankung. Depressionen können auch von anderen psychischen Erkrankungen begleitet sein, wie zum Beispiel Angststörungen.

    Anzeichen bei Kindern und Jugendlichen

    Welche Anzeichen wie stark und wie oft auftreten, ist von Person zu Person und bei Kindern auch in den einzelnen Altersgruppen unterschiedlich:

    • Bei Kleinkindern sind Depressionen vermutlich eher selten und schwierig zu erkennen. Kleinkinder, die depressiv sind, weinen häufig, haben keine Lust zu spielen und sind sehr ängstlich. Viele sind übermäßig lieb und folgsam. Bei einigen Kindern verzögert sich die Entwicklung.
    • Schulkinder verlieren häufig das Interesse an Freizeitaktivitäten und verhalten sich ablehnend anderen Menschen gegenüber. Die Kinder haben Wutausbrüche, regen sich schnell über Kleinigkeiten auf und haben ein geringes Selbstwertgefühl.
    • Bei Jugendlichen sind „normale“ Stimmungsschwankungen oft nur schwer von Symptomen einer Depression zu unterscheiden. Auch gesunde junge Menschen sind manchmal trotzig, aggressiv, gleichgültig, haben wenig Selbstwertgefühl oder ziehen sich zurück. Außer Anzeichen wie anhaltende Niedergeschlagenheit können unter anderem Gewichtsschwankungen, Drogen- und Alkoholkonsum, extremes Schlafbedürfnis und Selbsttötungsgedanken auf eine Depression bei Jugendlichen hindeuten.

    Schwere Depressionen

    Fachleute unterscheiden zwischen leichten, mittelschweren und schweren Depressionen. Anzahl und Stärke der Symptome können Hinweise auf die Schwere der Depression geben. Bei einer schweren Depression könnten zudem ernsthafte Gedanken über eine Selbsttötung aufkommen. Wer darüber nachdenkt, sich selbst zu töten, benötigt dringend Hilfe.

    Eine besondere Form der Depression ist die bipolare Störung (oft manisch-depressive Störung genannt). Sie ist deutlich seltener als eine Depression. Menschen mit einer bipolaren Störung durchleben abwechselnd depressive Phasen und Phasen, in denen sie extrem überschwänglich und euphorisch („manisch“) sind. Eine bipolare Störung kann dazu führen, dass Menschen den Bezug zur Realität verlieren und in problematische Situationen geraten.

    Quellen

    Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) u.a. Unipolare Depression. S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie. Version 4. Oktober 2016.

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    Mehr Wissen: Formen der Depression

    Depressionen können in unterschiedlichen Formen und Schweregraden auftreten. Manche entwickeln sich auch nur unter bestimmten Umständen, etwa nach einer Geburt.

    Je nach ihrer Erscheinungsform und möglichen Auslösern werden Depressionen folgendermaßen unterteilt:

    Depressionen können in unterschiedlichen Formen und Schweregraden auftreten. Manche entwickeln sich auch nur unter bestimmten Umständen, etwa nach einer Geburt.

    Je nach ihrer Erscheinungsform und möglichen Auslösern werden Depressionen folgendermaßen unterteilt:

    Unipolare Depression

    Dies ist die häufigste Form der Depression. Dabei bestehen über mindestens zwei Wochen mehrere typische Anzeichen wie Niedergeschlagenheit, Erschöpfung, Freud- und Antriebslosigkeit. Je nachdem, wie viele Symptome auftreten und wie stark sie sind, unterscheidet man zwischen einer leichten, mittleren und schweren Depression.

    Chronisch depressive Verstimmung

    Manche Menschen haben eine leichter ausgeprägte Stimmungsveränderung ähnlich einer Depression. Sie fühlen sich unwohl, unzufrieden und melancholisch, sind aber in ihrem täglichen Leben nicht so stark beeinträchtigt wie bei einer depressiven Episode. Die Beschwerden schwanken von Tag zu Tag und Woche zu Woche. Wenn die Beschwerden mindestens zwei Jahre andauern, spricht man von einer chronischen depressiven Verstimmung (Fachbegriff: Dysthymie). Obwohl die Symptome nicht so stark sind wie bei einer typischen Depression, kann eine Dysthymie aufgrund ihrer Dauer genauso belastend sein. Tritt während einer Dysthymie eine depressive Episode auf, spricht man von einer „doppelten Depression“ (Fachbegriff: double depression).

    Saisonal bedingte Depression

    Einige Menschen entwickeln vorwiegend in den dunklen Herbst- und Wintermonaten eine Depression. In solchen Fällen spricht man von einer saisonal bedingten Depression.

    Wochenbettdepression

    Nach einer Geburt erleben viele Mütter unerklärliche Stimmungsschwankungen und Niedergeschlagenheit. Bei manchen Frauen entwickelt sich aus einem solchen „Baby blues“ eine sogenannte Wochenbettdepression oder postnatale Depression. Ihre Symptome unterscheiden sich kaum von denen einer klinischen Depression, wie sie auch in anderen Lebensphasen auftreten kann.

    Mütter mit einer Wochenbettdepression können sich so schlecht fühlen, dass es ihnen schwerfällt, sich um ihr Kind zu kümmern. Zudem erleben sie oft völliges Unverständnis, denn nach der Geburt eines Kindes wird erwartet, dass die Eltern glücklich sind. Sind sie es nicht, können Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, auch gegenüber dem Baby, übermächtig werden.

    Bipolare Störung

    Eine Depression kann zudem im Rahmen einer sogenannten bipolaren Störung auftreten, auch manisch-depressive Erkrankung genannt. Menschen mit einer bipolaren Störung durchleben wechselnde Phasen extremer Stimmungsschwankungen: In der einen Phase zeigen sich die typischen Symptome einer Depression. In der anderen Phase schlägt ihre Stimmung ins Gegenteil um: Sie sind plötzlich in Hochstimmung, sehr reizbar und extrem aktiv, dabei selbstbewusst bis zum Größenwahn. Sie schäumen über vor Ideen, sind aber zerstreut und schlafen oft wenig. In diesen euphorischen Phasen verlieren viele Betroffene den Bezug zur Wirklichkeit und geraten in Schwierigkeiten, zum Beispiel wenn sie sich in riskante Abenteuer stürzen oder stark verschulden.

    Quellen

    Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) u.a. Unipolare Depression. S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie. Version 4. Oktober 2016.

    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
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    Mehr Wissen: Was ist ein Burnout-Syndrom?

    Ein „Burnout“ zu haben, ist zum Massenphänomen und Medien-Dauerbrenner geworden. Immer mehr Berufstätige werden mit der Diagnose „Burnout-Syndrom“ krankgeschrieben. Doch verbirgt sich hinter diesem Beschwerdebild eine klar definierte Krankheit? Wodurch unterscheidet sich ein Burnout von einer Depression? Viele Fragen sind bislang unbeantwortet.

    Der Begriff Burnout wurde in den 1970er Jahren von dem US-amerikanischen Psychotherapeuten Herbert Freudenberger geprägt. Er beschrieb damit die Folgen starker Belastungen und hoher Ideale in „helfenden“ Berufen: Zum Beispiel Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte, die sich in ihrem Einsatz für andere aufopferten, seien am Ende häufig „ausgebrannt“ – erschöpft, lustlos und überfordert. Heute beschränkt sich der Begriff nicht mehr auf die helfenden Berufe oder die Schattenseiten übermäßiger Opferbereitschaft. Treffen kann es anscheinend jeden: Gestresste Karrieremenschen und Prominente genauso wie überarbeitete Angestellte, Hausfrauen oder -männer.

    Erstaunlicherweise ist aber gar nicht genau definiert, was ein Burnout eigentlich ist. Dies hat Folgen: Da unklar ist, was genau ein Burnout ausmacht und wie man es feststellen kann, lässt sich auch nicht sagen, wie häufig es auftritt. In den Medien kursieren verschiedene Angaben dazu, einzelne Krankenkassen sprechen von bis zu neun Millionen Betroffenen. Bei solchen Zahlen ist Skepsis angebracht: Für Deutschland existieren keine zuverlässigen Daten aus wissenschaftlichen Studien.

    Ein „Burnout“ zu haben, ist zum Massenphänomen und Medien-Dauerbrenner geworden. Immer mehr Berufstätige werden mit der Diagnose „Burnout-Syndrom“ krankgeschrieben. Doch verbirgt sich hinter diesem Beschwerdebild eine klar definierte Krankheit? Wodurch unterscheidet sich ein Burnout von einer Depression? Viele Fragen sind bislang unbeantwortet.

    Der Begriff Burnout wurde in den 1970er Jahren von dem US-amerikanischen Psychotherapeuten Herbert Freudenberger geprägt. Er beschrieb damit die Folgen starker Belastungen und hoher Ideale in „helfenden“ Berufen: Zum Beispiel Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte, die sich in ihrem Einsatz für andere aufopferten, seien am Ende häufig „ausgebrannt“ – erschöpft, lustlos und überfordert. Heute beschränkt sich der Begriff nicht mehr auf die helfenden Berufe oder die Schattenseiten übermäßiger Opferbereitschaft. Treffen kann es anscheinend jeden: Gestresste Karrieremenschen und Prominente genauso wie überarbeitete Angestellte, Hausfrauen oder -männer.

    Erstaunlicherweise ist aber gar nicht genau definiert, was ein Burnout eigentlich ist. Dies hat Folgen: Da unklar ist, was genau ein Burnout ausmacht und wie man es feststellen kann, lässt sich auch nicht sagen, wie häufig es auftritt. In den Medien kursieren verschiedene Angaben dazu, einzelne Krankenkassen sprechen von bis zu neun Millionen Betroffenen. Bei solchen Zahlen ist Skepsis angebracht: Für Deutschland existieren keine zuverlässigen Daten aus wissenschaftlichen Studien.

    Ist Burnout eine Krankheit?

    Anstrengende Lebensumstände können Menschen extrem belasten – bis zu einem Punkt, an dem sie das Gefühl haben: Ich kann nicht mehr, ich bin erschöpft, leer und ausgebrannt. Auch beruflicher Stress kann körperliche und psychische Beschwerden auslösen. Mögliche Ursachen sind dauerhafte Über- oder Unterforderung, ständiger Zeitdruck, Konflikte mit Kollegen, aber auch extreme Einsatzbereitschaft, die zur Vernachlässigung eigener Bedürfnisse führt. Berufliche Stressfolgen sind eine häufige Ursache für Krankschreibungen. Manchmal können aber bei Problemen am Arbeitsplatz bereits Änderungen im betrieblichen Umfeld helfen. Bei Überforderung in der häuslichen Pflege kann mehr konkrete Unterstützung im Alltag entlasten.

    Dass man auf Stress mit Erschöpfung reagiert, ist zunächst nicht krankhaft. Beschreibt Burnout also ein Beschwerdebild, das über das normale Belastungsempfinden hinausgeht? Und inwieweit unterscheidet es sich von anderen psychischen Erkrankungen?

    Die Fachwelt ist sich bislang nicht einig, wie der Begriff Burnout zu fassen ist. Im strengen Sinne gibt es auch keine Diagnose Burnout, im Gegensatz zum Beispiel zur Diagnose Depression. Letztere ist als Krankheitsbild allgemein anerkannt und wissenschaftlich gut untersucht. Das ist beim Burnout nicht der Fall. Manche Fachleute vermuten, dass sich hinter dem „Ausgebranntsein“ andere Krankheitsbilder verbergen – etwa eine Depression oder Angststörung. Auch körperliche Erkrankungen können Burnout-ähnliche Beschwerden verursachen. Eine vorschnelle Burnout-Diagnose könnte dann sogar bedeuten, dass die eigentlichen Probleme nicht erkannt und falsch behandelt würden.

    Wie macht sich ein Burnout bemerkbar?

    Dem Burnout wird eine ganze Reihe von Beschwerden zugeordnet. Es gibt keine Einigkeit, welche dazugehören und welche nicht. Allen bisherigen Definitionen des Burnout-Syndroms ist aber gemeinsam, dass die Beschwerden als Folge belastender beruflicher oder außerberuflicher Tätigkeiten gesehen werden. Als außerberufliche Belastung wird beispielsweise die Pflege von Angehörigen genannt.

    Bisher gelten hauptsächlich drei Beschwerdebereiche als Anzeichen für ein Burnout-Syndrom:

    • Erschöpfung: Betroffene fühlen sich ausgelaugt und emotional erschöpft, berichten von mangelnder Energie, Überforderung, Müdigkeit und Niedergeschlagenheit, aber auch von körperlichen Beschwerden wie Schmerzen und Magen-Darm-Problemen. 
    • Entfremdung von der (beruflichen) Tätigkeit: Betroffene erleben ihre Arbeit zunehmend als belastend und frustrierend. Sie können eine zynische Haltung gegenüber ihren Arbeitsbedingungen und Kollegen entwickeln, gepaart mit starker emotionaler Distanz und zunehmender Abstumpfung ihren beruflichen Aufgaben gegenüber. 
    • verringerte Leistungsfähigkeit: Beim Burnout leidet vor allem die alltägliche Leistung im Beruf, im Haushalt oder bei der Pflege Angehöriger. Betroffene empfinden ihre Tätigkeit als sehr negativ, sind unkonzentriert, lustlos und beklagen, dass sie keine Ideen mehr haben. 

    Wie wird ein Burnout festgestellt?

    Bislang gibt es keine gut untersuchten Methoden, mit denen ein Burnout festgestellt werden könnte. Es gibt verschiedene Fragebögen zur Selbstauskunft. Da es aber keine einheitliche Definition von Burnout gibt, ist unklar, ob Fragebögen ein Burnout wirklich messen und von anderen Krankheiten abgrenzen können. Der gängigste Fragebogen nennt sich „Maslach-Burnout-Inventar“ und liegt für verschiedene Berufsgruppen vor. Allerdings wurde dieser Fragebogen ursprünglich nicht für die ärztliche Praxis, sondern zur wissenschaftlichen Erforschung des Burnouts entwickelt. 

    Internet-Fragebögen zum Burnout-Risiko eignen sich nicht, um festzustellen, ob man ein Burnout hat oder die Beschwerden andere Ursachen haben.

    Grundsätzlich können die Beschwerden, die dem Burnout zugeschrieben werden, auch andere Ursachen haben: zum Beispiel psychische und psychosomatische Erkrankungen wie eine Depression, Angsterkrankung oder ein chronisches Müdigkeitssyndrom. Körperliche Erkrankungen oder die Einnahme bestimmter Medikamente können aber ebenfalls Beschwerden wie Erschöpfung und Müdigkeit auslösen. Bei solchen Beschwerden ist es daher wichtig, gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt auch nach anderen möglichen Ursachen zu schauen. Denn sonst besteht das Risiko, dass nutzlose Behandlungsmethoden zum Einsatz kommen.

    Wie unterscheiden sich Burnout und Depression?

    Bestimmte Beschwerden, die dem Burnout zugeschrieben werden, treten auch bei einer Depression auf. Dazu gehören

    • starke Erschöpfung,
    • Niedergeschlagenheit und
    • verringerte Leistungsfähigkeit.

    Die Ähnlichkeit der Symptome kann dazu führen, dass einige Menschen die Diagnose Burnout bekommen, obwohl sie eigentlich eine Depression haben. Gerade weil sich die Beschwerden ähneln, sollten keine voreiligen (Eigen)Diagnosen gestellt werden. Dies kann zu falschen Maßnahmen führen: zum Beispiel jemandem mit einer Depression zu einem längeren Urlaub oder einer beruflichen Auszeit zu raten. Jemand, der nur aus beruflichen Gründen erschöpft  ist, kann sich dadurch erholen. Für Menschen mit Depression kann dies womöglich zu noch mehr Problemen führen, da sie ganz andere Formen der Hilfe benötigen, beispielsweise eine Psychotherapie oder eine medikamentöse Behandlung.

    Einige Merkmale des Burnouts unterscheiden sich allerdings deutlich von denen der Depression – wie die Entfremdung vor allem von der Berufstätigkeit. Bei einer Depression beziehen sich die negativen Gedanken und Gefühle nicht nur auf die Arbeit, sondern auf alle Lebensbereiche. Typische Symptome für eine Depression sind außerdem

    • mangelndes Selbstwertgefühl,
    • Hoffnungslosigkeit und
    • Selbsttötungsgedanken.

    Diese werden nicht als typische Burnout-Beschwerden gesehen. Deshalb steckt auch nicht hinter jedem Burnout eine Depression. Burnout-Beschwerden können aber wiederum das Risiko erhöhen, eine Depression zu entwickeln.

    Quellen

    Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) u.a. Unipolare Depression. S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie. Version 4. Oktober 2016.

    Korczak D, Kister C, Huber B. Differentialdiagnostik des Burnout-Syndroms. HTA-Bericht 105. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI). Köln; 2010.

    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
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    Mehr Wissen: Depressionen bei Kindern und Jugendlichen

    Kinder und Jugendliche sind immer wieder mal traurig, niedergeschlagen oder gar verzweifelt. Hält die Traurigkeit jedoch länger an und ist stärker als normal, könnte eine Depression die Ursache sein. Besonders wichtig sind dann Menschen, denen sie vertrauen, bei denen sie sich ohne Ängste öffnen und von sich erzählen können.

    Ärger mit den Eltern, schlechte Noten in der Schule, Verlust von Freundschaften, Unzufriedenheit mit sich und dem eigenen Körper, erster Liebeskummer: Kinder und Jugendliche haben es oft schwer. Probleme und schwierige Situationen können traurig, niedergeschlagen oder verzweifelt machen. Das ist ganz normal. Aber Depressionen sind mehr, als nur „nicht gut drauf zu sein“ oder „einen schlechten Tag zu haben“: Sie können sich zu einer ernsthaften Erkrankung entwickeln.

    Depressionen haben oft mehrere Ursachen. Meistens entstehen sie durch ein Zusammenwirken von biologischen Vorgängen im Körper, psychischen Faktoren und Erlebnissen im sozialen Umfeld. Nicht alle diese Faktoren lassen sich beeinflussen – aber junge Menschen können lernen, besser mit den Herausforderungen in ihrem Leben umzugehen. Das kann auch vor Depressionen schützen.

    Kinder und Jugendliche sind immer wieder mal traurig, niedergeschlagen oder gar verzweifelt. Hält die Traurigkeit jedoch länger an und ist stärker als normal, könnte eine Depression die Ursache sein. Besonders wichtig sind dann Menschen, denen sie vertrauen, bei denen sie sich ohne Ängste öffnen und von sich erzählen können.

    Ärger mit den Eltern, schlechte Noten in der Schule, Verlust von Freundschaften, Unzufriedenheit mit sich und dem eigenen Körper, erster Liebeskummer: Kinder und Jugendliche haben es oft schwer. Probleme und schwierige Situationen können traurig, niedergeschlagen oder verzweifelt machen. Das ist ganz normal. Aber Depressionen sind mehr, als nur „nicht gut drauf zu sein“ oder „einen schlechten Tag zu haben“: Sie können sich zu einer ernsthaften Erkrankung entwickeln.

    Depressionen haben oft mehrere Ursachen. Meistens entstehen sie durch ein Zusammenwirken von biologischen Vorgängen im Körper, psychischen Faktoren und Erlebnissen im sozialen Umfeld. Nicht alle diese Faktoren lassen sich beeinflussen – aber junge Menschen können lernen, besser mit den Herausforderungen in ihrem Leben umzugehen. Das kann auch vor Depressionen schützen.

    Wie entwickeln sich Depressionen bei jungen Menschen?

    Etwa 5 von 100 Kindern und Jugendlichen haben Beschwerden, die auf eine Depression hinweisen. Oft sind es Probleme in der Familie, Verluste (zum Beispiel eines Elternteils), Schwierigkeiten in der Schule und soziale Isolation, die eine Depression auslösen. Außerdem haben junge Menschen ein höheres Risiko für eine Depression, die

    • Familienmitglieder mit Depressionen oder anderen schwerwiegenden psychischen Erkrankungen haben,
    • in der Vergangenheit schon einmal eine Depression oder Angststörung hatten,
    • Gewalt oder Missbrauch ausgesetzt waren,
    • ein sehr negatives Selbst- oder Körperbild haben.

    Auch eine körperliche Erkrankung oder Nebenwirkungen bestimmter Medikamente können zu einer Depression beitragen.

    Wie lässt sich vorbeugen?

    Idealerweise unterstützen Eltern und andere Erziehende ein Kind dabei, eine stabile Persönlichkeit zu entwickeln und mit Belastungen umzugehen. Man weiß außerdem, dass Menschen mit stabilen Bindungen seltener an Depressionen erkranken.

    Wenn ein Kind eine Depression entwickelt, ist es wichtig, dass Angehörige und Freunde dies frühzeitig erkennen. Ein Zeichen kann sein, wenn es an nichts mehr Spaß hat, antriebslos ist und sich extrem zurückzieht.

    Je älter ein Kind wird, desto mehr Strategien entwickelt es, um mit Problemen selbstständig umgehen und schwierige Situationen verarbeiten zu können. Dabei lernt es sowohl durch eigene Erfahrungen als auch durch Familie und Freunde. Manchmal ist aber eine zusätzliche Unterstützung notwendig. Eine Möglichkeit ist es dann, sich an eine psychologische Beratungsstelle zu wenden und zu besprechen, welche Hilfemöglichkeiten es gibt.

    Mancherorts werden verschiedene Programme und Kurse angeboten, die Kindern oder Jugendlichen bei der Stress- und Problembewältigung helfen können. In Gruppensitzungen lernen sie dabei zum Beispiel, mit Stress umzugehen, Konflikte zu lösen und was sie tun können, wenn sie sich unglücklich fühlen.

    Wenn ein Kind oder Jugendlicher unter lähmender Traurigkeit leidet oder sogar daran denkt, nicht mehr leben zu wollen, ist es wichtig, das nicht für sich zu behalten. Wer sich nicht traut, seine Freunde oder Eltern anzusprechen, kann sich an eine Kinderarztpraxis oder psychotherapeutische Einrichtung wenden. Es gibt auch Ärztinnen und Ärzte, die sich auf die Behandlung psychischer Probleme von Kindern und Jugendlichen spezialisiert haben.

    Wie werden Depressionen bei Kindern und Jugendlichen behandelt?

    Bei leichten Depressionen ist es möglich, zunächst abzuwarten, ob sich die Beschwerden auch ohne Behandlung wieder legen. In dieser Zeit ist es aber wichtig, das Kind zu unterstützen und wenn nötig eine psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen.

    Wie bei Erwachsenen können Depressionen bei Kindern und Jugendlichen mit Psychotherapien wie etwa einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) oder Antidepressiva behandelt werden. Wegen der möglichen Nebenwirkungen sollten die Medikamente zurückhaltend angewendet werden. So gibt es unter anderem Hinweise, dass manche Antidepressiva bei Jugendlichen dazu führen können, dass sie häufiger an Suizid denken.

    Was tun junge Menschen noch, um mit Problemen fertig zu werden?

    Viele Kinder und Jugendliche sind sportlich aktiv oder besuchen Kurse zum Beispiel im Sportverein, die körperliche, psychische und oft auch soziale Elemente verbinden. Dies kann ihr Gefühlsleben stärken. Wenn ein Kind oder Jugendlicher keinen Spaß am Schulsport hat, könnte es sich lohnen, anderswo nach Sportarten und Kursen zu suchen, bei denen der Leistungsdruck nicht so hoch ist und die Freude an der Bewegung im Vordergrund steht.

    Nicht wenige Heranwachsende führen ein Tagebuch, um ihre Gedanken, Sorgen und Gefühle zu ordnen und besser mit ihnen umgehen zu können. Manche finden auch Trost bei einem Haustier. Mit anderen Menschen zu reden und sich ihnen verbunden zu fühlen, ist für die emotionale Gesundheit aber besonders wichtig.

    Junge Menschen mit Depressionen, aber auch ihre Eltern können sich zudem an Sorgentelefone, Familien-, Kinder- und Jugendberatungsstellen wenden. Auch Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte sowie psychotherapeutische Fachkräfte beraten und unterstützen. In vielen Schulen stehen Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen oder Vertrauenslehrer als Ansprechpartnerinnen und -partner zur Verfügung. Viele Jugendliche suchen im Internet Informationen und tauschen sich über soziale Netzwerke und in Foren aus.

    Mit schwierigen Gefühls- und Lebenslagen umgehen zu lernen, ist ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens. Mit einer Depression oder Angststörung fertig zu werden, ist aber nie einfach. Auch wenn ein junger Mensch schon einmal eine Depression überwunden hat, kann die Angst vor einem Rückfall belasten. Dann ist es wichtig zu wissen, was man selbst tun kann und wo man Hilfe bekommt, wenn man sie braucht.

    Quellen

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    Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) u.a. Unipolare Depression. S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie. Version 4. Oktober 2016.

    Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) u.a. Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen. S3-Leitlinie. 07.2013. (AWMF-Leitlinien; Band 028-043).

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    Mehr Wissen: Behandlungsmöglichkeiten bei einer Depression

    Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Depression zu behandeln. Dazu gehören Psychotherapien, Medikamente und allgemeine Maßnahmen wie Entspannungstherapien. Häufig werden auch mehrere Ansätze miteinander kombiniert.

    Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Menschen mit einer Depression fallen über mehrere Wochen oder Monate in ein emotionales Tief, aus dem sie oft keinen Ausweg sehen. Eine Behandlung kann in vielen Fällen depressive Episoden verkürzen und die Beschwerden lindern.

    Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Depression zu behandeln. Dazu gehören Psychotherapien, Medikamente und allgemeine Maßnahmen wie Entspannungstherapien. Häufig werden auch mehrere Ansätze miteinander kombiniert.

    Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Menschen mit einer Depression fallen über mehrere Wochen oder Monate in ein emotionales Tief, aus dem sie oft keinen Ausweg sehen. Eine Behandlung kann in vielen Fällen depressive Episoden verkürzen und die Beschwerden lindern.

    Muss eine Depression immer behandelt werden?

    Bei leichten oder beginnenden Depressionen ist es möglich, zunächst abzuwarten und zu beobachten, ob die Beschwerden von selbst wieder abklingen. Abwarten bedeutet jedoch nicht, die Beschwerden zu übergehen und nichts zu tun. Wichtig ist, in dieser Zeit mit der betreuenden Ärztin oder dem Arzt in Kontakt zu bleiben und regelmäßig zu besprechen, wie man sich fühlt und wie man mit der Situation umgehen kann. Verstärken sich die Beschwerden oder halten sie über einige Wochen an, ist mehr therapeutische Unterstützung sinnvoll.

    Wichtig ist auch die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen. Partner, Angehörige und Freunde, aber auch Beratungsstellen können unterstützen und begleiten. Manchmal ist es hilfreich, mit Menschen zu sprechen, die dieselben Erfahrungen gemacht haben, etwa in einer Selbsthilfegruppe.

    Vor allem bei mittelschweren oder schweren Depressionen ist eine sofortige Therapie meist sehr wichtig, da die Beschwerden sehr belastend sind und nicht nach kurzer Zeit wieder abklingen. Das gilt auch für chronische Depressionen und ganz besonders bei Gedanken an Selbstgefährdung oder -tötung (Suizidgefahr).

    Wie lange dauert eine Therapie?

    Bei den Behandlungsmethoden unterscheidet man die „Akuttherapie“, die „Erhaltungstherapie“ und die „Langzeitvorbeugung“ (Rezidivprophylaxe). Die Akuttherapie dauert in der Regel sechs bis acht Wochen. Ihr Ziel ist es,

    • die Symptome soweit zu lindern, dass ein normaler Alltag wieder möglich ist, sowie
    • die Dauer der Beschwerden zu verkürzen und weiteren Einschränkungen im Alltag vorzubeugen.

    Die anschließende Erhaltungstherapie dauert in der Regel vier bis neun Monate. Sie soll

    • die Symptome weiter eindämmen, bis sie abklingen, und
    • den Therapieerfolg erhalten.

    Für Menschen mit einem erhöhten Risiko für ein Wiederauftreten depressiver Episoden kommt eine schützende Langzeitbehandlung infrage, um Rückfällen vorzubeugen. Eine solche „Rezidivprophylaxe“ kann manchmal Jahre dauern – zum Beispiel, wenn die Beschwerden durch die Akut- und Erhaltungstherapie nicht völlig abgeklungen sind, oder wenn die Lebensumstände sehr schwierig bleiben.

    Welche psychologischen Behandlungen werden angeboten?

    Eine Psychotherapie besteht meist aus intensiven Gesprächen und Verhaltensübungen. Das bei Depressionen am häufigsten eingesetzte psychotherapeutische Verfahren ist die kognitive Verhaltenstherapie (oft auch KVT abgekürzt). In der ambulanten Behandlung gehören neben der KVT die tiefenpsychologisch fundierte sowie die analytische Psychotherapie zu den Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen. Sie werden häufig von psychologischen Psychotherapeuten angeboten.

    Bei einer akuten depressiven Erkrankung bietet meist die Ärztin oder der Arzt eine kurzfristige psychotherapeutische Unterstützung, auch zusammen mit einer medikamentösen Behandlung. Eine anschließende ambulante Psychotherapie ist möglich.

    Kognitive Verhaltenstherapie

    Die kognitive Verhaltenstherapie kombiniert zwei Therapieansätze: die kognitive Therapie und die Verhaltenstherapie. In der kognitiven Verhaltenstherapie geht es darum, sich über seine Gedanken, Einstellungen und Erwartungen klar zu werden. Das ermöglicht es, nicht zutreffende und belastende Überzeugungen zu erkennen und zu verändern.

    Aus Sicht der kognitiven Therapie sind es häufig nicht allein die Dinge und Situationen selbst, die uns Probleme bereiten, sondern auch die Bedeutung, die wir ihnen beimessen. Die persönliche Sicht der Dinge kann also ein entscheidender Ansatzpunkt für Veränderungen sein.

    Die Verhaltenstherapie basiert auf der Annahme, dass Verhaltensweisen erlernt werden und auch wieder verlernt werden können. Das therapeutische Ziel besteht darin, problematische Verhaltensmuster zu erkennen, mit ihnen zu arbeiten und sie zu ändern.

    Bei Depressionen sind es oft negative Denkmuster wie Selbstzweifel und Schuldgefühle, die die Niedergeschlagenheit immer weiter verstärken. Solche Muster sollen in der kognitiven Verhaltenstherapie Schritt für Schritt durchbrochen werden, damit ein positiveres Selbstbild entstehen kann.

    Psychoanalytisch begründete Verfahren

    Die analytische Psychotherapie (bekannt als Psychoanalyse) und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP) gehören zu den psychoanalytisch begründeten Verfahren. Hier geht man davon aus, dass unbewusste, bisher nicht verarbeitete Konflikte eine Depression verursachen können. In Gesprächen sollen bisher unbekannte Zusammenhänge gefunden und verarbeitet werden. Eine wichtige Voraussetzung für eine psychoanalytisch begründete Therapie ist die Bereitschaft, sich intensiv mit vergangenen, möglicherweise schmerzlichen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Eine Psychoanalyse erstreckt sich meist über einen längeren Zeitraum als eine TP.

    Wie finde ich einen Psychotherapeuten?

    Für den Erfolg einer ambulanten Psychotherapie ist es sehr wichtig, eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten zu finden, zu der oder dem ein vertrauensvolles Verhältnis möglich scheint. Die ersten drei bis fünf Termine in einer therapeutischen Praxis sind daher auch dazu da, um zu prüfen, ob man zueinander passt und die Behandlungsmethode den eigenen Vorstellungen entspricht. Zudem müssen die Therapeutin oder der Therapeut sowie die Krankenkasse prüfen, ob eine Psychotherapie in der jeweiligen Situation eine geeignete und erfolgversprechende Behandlung ist. Diese Probetermine werden auch als „probatorische Sitzungen“ bezeichnet. Sie werden von der Krankenkasse erstattet, auch wenn man die Therapie danach nicht fortführt.

    Nach einem Praxiswechsel sind auch dort weitere Probesitzungen möglich. Manchmal dauert es eine Weile, bis die richtige Therapeutin oder der richtige Therapeut gefunden ist. Auch falls sich erst im Laufe der Therapie Unstimmigkeiten zeigen, besteht die Möglichkeit, die Praxis zu wechseln. Die Krankenkasse gibt Auskunft, ob dazu ein neuer Therapieantrag gestellt werden muss.

    Ist die Beziehung zum Therapeuten gestört, kann eine Psychotherapie manchmal auch schaden: Eine Folge könnte sein, dass sich die Depression verstärkt, oder dass zusätzliche Probleme entstehen.

    Gibt es noch andere Behandlungsmöglichkeiten?

    Es gibt eine Vielzahl weiterer Behandlungen und Maßnahmen, die Menschen mit einer Depression angeboten werden. Für viele ist nicht belegt, dass sie Depressionen mildern können. Andere können eine sinnvolle Ergänzung oder Alternative in bestimmten Situationen sein.

    Entspannungsverfahren

    Es gibt Hinweise, dass Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder auch Yogaübungen zur Linderung leichter bis mittelschwerer Depressionen beitragen können. Allerdings sind sie weniger wirksam als beispielsweise die kognitive Verhaltenstherapie. Sie können aber auch im Rahmen einer Psychotherapie erlernt werden.

    Sport und Bewegung

    Sport und Bewegung – zum Beispiel Walking, Joggen, Radfahren, Schwimmen oder Wandern – werden häufig empfohlen, um depressive Beschwerden zu lindern oder ihnen vorzubeugen. Körperliche Aktivitäten heben bei vielen Menschen die Stimmung und steigern den Antrieb, und auch bei manchen Menschen mit einer Depression können sie die Symptome lindern. Allerdings zeigten die bisherigen Studien auch: Der Einfluss körperlicher Aktivität auf die Depression war im Durchschnitt nicht sehr groß – und ob die Vorteile längerfristig anhalten, ist wenig untersucht. Sport und Bewegung können aber eine sinnvolle Ergänzung zu anderen Behandlungen sein.

    Offen ist auch, welchen Nutzen verschiedene Sport- und Bewegungsarten haben. Zudem ist nicht klar, bei welchen Formen der Depression Sport angebracht sein kann und bei welchen nicht. So ist es Menschen mit einer schweren Depression oft gar nicht möglich, aktiv zu werden. Eine Empfehlung, mehr Sport zu treiben, könnte dann noch zusätzlich belasten.

    Lichttherapie

    Die Lichttherapie wird bei der sogenannten Winterdepression eingesetzt, die bei manchen Menschen in den dunklen Monaten des Jahres auftritt. Wenn die Stimmung vermutlich durch den Mangel an hellem Tageslicht beeinträchtigt wird, ist eine Behandlung mit hellem Kunstlicht möglich. Sie besteht aus morgendlichen, etwa halbstündigen Sitzungen vor einer speziellen Lampe (Lichttherapiegerät).

    Wachtherapie

    Diese Behandlung besteht aus kurzfristigem Schlafentzug – das heißt, man bleibt eine Nacht lang wach und schläft erst in der folgenden Nacht wieder. Es wird vermutet, dass der Schlafentzug den Stoffwechsel im Gehirn verändert und sich die Stimmung dadurch aufhellen könnte. Die Wachtherapie zielt nur auf eine kurzfristige Besserung der Beschwerden. Sie kann ergänzend zu anderen Behandlungen eingesetzt werden.

    Elektrokrampftherapie

    Die Elektrokrampftherapie findet in der Regel im Krankenhaus unter Vollnarkose statt. Über Elektroden am Kopf wird das Gehirn dabei kurzen elektrischen Reizen ausgesetzt, was einen epileptischen Anfall auslöst. Davon spürt man nichts, da die Therapie in Narkose durchgeführt wird. Die Elektrokrampftherapie kommt normalerweise nur bei schweren Depressionen infrage, wenn andere Behandlungen nicht geholfen haben.

    Welche Medikamente kommen infrage?

    Eine Psychotherapie kann viel Eigeninitiative und Kraft erfordern. Oft muss man länger auf einen Therapieplatz warten. Je nach persönlicher Situation und Schwere der Symptome kann es daher sinnvoll sein, zunächst Medikamente einzunehmen. Manchmal ist es überhaupt erst möglich, eine Psychotherapie zu beginnen, wenn die Beschwerden durch die Medikamente etwas abgemildert wurden. 

    Viele Menschen mit akuten Depressionen zögern, eine medikamentöse Behandlung zu beginnen, weil sie zum Beispiel befürchten, ihre Persönlichkeit könnte sich dadurch verändern. Manche haben auch Angst, von den Medikamenten abhängig zu werden. Andere empfinden es als Zeichen von Schwäche, Tabletten zuhilfe zu nehmen, um ihre Probleme zu bewältigen.

    Zwar kann es manchmal gute Gründe geben, auf Medikamente (zunächst) zu verzichten. Es gibt jedoch keinen Grund sich zu schämen, wenn man bei psychischen Erkrankungen Medikamente einnimmt. Eine Depression ist keine Bagatelle, sondern oft eine schwere Erkrankung. Zu ihrer Überwindung können Medikamente hilfreich, manchmal sogar notwendig sein. Dies gilt vor allem für schwere und häufig wiederkehrende Depressionen, und besonders wenn Gedanken an Selbstverletzung oder Selbsttötung aufkommen. In diesen Fällen kann es auch sinnvoll oder notwendig sein, sich in einer Klinik behandeln zu lassen.

    Antidepressiva

    Zur Therapie von Depressionen gibt es unterschiedliche Medikamente und Wirkstoffgruppen, die als Antidepressiva bezeichnet werden. Antidepressiva können auch ergänzend zu einer Psychotherapie eingesetzt werden. Sie werden bei einer akuten Depression über einige Wochen bis wenige Monate täglich eingenommen, um ausreichend wirken zu können. Oft schließt sich eine vier- bis neunmonatige Erhaltungstherapie an. Die Einnahmedauer hängt unter anderem davon ab, wie sich die Beschwerden entwickeln und ob ein höheres Risiko für eine erneute depressive Episode besteht. Manche Menschen nehmen Antidepressiva über mehrere Jahre ein, um einem Rückfall vorzubeugen.  

    Bei der Entstehung einer Depression spielen vermutlich eine verlangsamte Übertragung von Nervenreizen und eine Veränderung des Stoffwechsels im Gehirn eine Rolle. Antidepressiva wirken auf den Hirnstoffwechsel und beeinflussen die Reizübertragung zwischen den Nervenzellen. Dadurch können sie die Stimmung heben und den Antrieb steigern. Allerdings dauert es meist mehrere Tage bis Wochen, bis Antidepressiva wirken. Im Gegensatz zu bestimmten Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmitteln machen Antidepressiva nicht abhängig.

    Zu den Nebenwirkungen von Antidepressiva können zum Beispiel Mundtrockenheit, Kopfschmerzen und Kreislaufprobleme, innere Unruhe und Störungen der Sexualität gehören. Sie treten meist in den ersten Wochen der Einnahme auf. Ob, wie häufig und zu welchen Nebenwirkungen es kommt, hängt vom Wirkstoff und der jeweiligen Dosierung ab. Außerdem reagiert jeder Mensch etwas anders. Deshalb ist es wichtig, die Medikamententherapie regelmäßig von der Ärztin oder dem Arzt überprüfen und anpassen zu lassen. Zum Ende der Behandlung wird die Dosierung der Tabletten über Wochen allmählich verringert. Ein abruptes Absetzen von Antidepressiva kann (vorübergehend) zu Schlafstörungen, Übelkeit oder Unruhe führen. Ein eigenständiges Absetzen der Medikamente, sobald es einem besser geht, erhöht das Risiko für ein erneutes Auftreten der Depression.

    Pflanzliche Arzneimittel

    Die gängigsten und bekanntesten pflanzlichen Arzneimittel zur Behandlung von Depressionen werden aus Johanniskraut hergestellt. Mittel aus Johanniskraut werden häufig bei leichten Depressionen eingenommen, manche auch bei mittelschweren.

    Johanniskraut-Medikamente gegen mittelschwere Depressionen sind teilweise rezeptpflichtig. Für die rezeptfreien Präparate gilt wie für die meisten anderen pflanzlichen Arzneien: Im Handel ist eine Vielfalt an Produkten erhältlich, die sich in ihrer Zusammensetzung zum Teil erheblich unterscheiden. Viele Produkte enthalten nur eine geringe Dosis an Johanniskraut-Extrakt. Da zudem auch pflanzliche Präparate Nebenwirkungen sowie Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben können, ist es wichtig, Johanniskraut-Produkte nur in Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt einzusetzen.

    Was kann helfen, eine psychotherapeutische Behandlung zu beginnen?

    Wenn es schwerfällt, zu einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten zu gehen, kann es hilfreich sein, erst einmal

    • mit anderen Menschen zu sprechen, die bereits eine entsprechende Behandlung in Anspruch genommen haben, zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe;
    • anonym und unverbindlich mit der Praxis zu telefonieren und sich über den möglichen Ablauf einer Behandlung zu informieren;
    • sich in einem weiter entfernten Ort eine Praxis zu suchen;
    • sich bei einem Spaziergang das Haus anzuschauen, in dem die Praxis untergebracht ist;
    • zum ersten Gespräch einen Angehörigen, einen Freund oder eine Freundin mitzubringen.

    Unterstützungsangebote nutzen

    Eine Depression ist eine Krankheit, keine persönliche Schwäche. Dennoch wird über Depressionen nach wie vor nur ungern gesprochen: Betroffene vermeiden es oft zu erzählen, wie schlecht sie sich fühlen – weil sie sich schämen, schuldig fühlen oder Zweifel haben, ob ihnen tatsächlich geholfen werden kann.

    Allerdings berichten viele Menschen nach dem Beginn oder Abschluss einer Therapie auch häufig, dass sie sich besser fühlen und es bereuen, nicht schon früher Hilfe gesucht zu haben. Schließlich gibt es viele Angebote, bei denen sich Verständnis und Unterstützung finden lässt.

    Quellen

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    Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Selektive Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) bei Patienten mit Depressionen: Abschlussbericht; Auftrag A05-20A. 17.06.2009. (IQWiG-Berichte; Band 55).

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    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
    Unsere Informationen beruhen auf den Ergebnissen hochwertiger Studien. Sie sind von einem Team aus Medizin, Wissenschaft und Redaktion erstellt und von Expertinnen und Experten außerhalb des IQWiG begutachtet. Wie wir unsere Texte erarbeiten und aktuell halten, beschreiben wir ausführlich in unseren Methoden.

    Mehr Wissen: Wie wirksam sind Antidepressiva?

    Antidepressiva sind wie die Psychotherapie ein wichtiger Baustein bei der Behandlung von Depressionen. Sie sollen die Beschwerden lindern und Rückfällen vorbeugen.

    Es gibt unterschiedliche Ansichten dazu, wie hilfreich Antidepressiva sind, um die Symptome einer Depression zu lindern. Manche zweifeln an ihrer Wirksamkeit, andere halten sie für unverzichtbar. Dabei ist es bei diesen Medikamenten wie mit vielen anderen Behandlungen auch: Sie können in bestimmten Situationen helfen, in anderen nicht. Wirksam sind sie bei mittelschweren, schweren und chronischen Depressionen, bei leichten vermutlich nicht. Außerdem können sie Nebenwirkungen haben. Wichtig ist, die Vor- und Nachteile einer Behandlung mit Antidepressiva gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt abzuwägen.

    Ziel einer Behandlung mit Antidepressiva ist es vor allem, die depressiven Beschwerden wie starke Niedergeschlagenheit und Erschöpfung zu beseitigen und ein erneutes Auftreten zu vermeiden. Die Medikamente sollen helfen, das seelische Gleichgewicht wieder zu erreichen und einen normalen Alltag gestalten zu können. Sie sollen aber auch innere Unruhe, Angst, Schlafstörungen oder Gedanken an Selbsttötung (Suizid) lindern.

    Dieser Text beschäftigt sich mit der medikamentösen Behandlung der häufigsten depressiven Erkrankung, der sogenannten unipolaren Depression. Die Therapie einer manisch-depressiven Erkrankung (bipolare Störung) wird hier nicht beschrieben.

    Antidepressiva sind wie die Psychotherapie ein wichtiger Baustein bei der Behandlung von Depressionen. Sie sollen die Beschwerden lindern und Rückfällen vorbeugen.

    Es gibt unterschiedliche Ansichten dazu, wie hilfreich Antidepressiva sind, um die Symptome einer Depression zu lindern. Manche zweifeln an ihrer Wirksamkeit, andere halten sie für unverzichtbar. Dabei ist es bei diesen Medikamenten wie mit vielen anderen Behandlungen auch: Sie können in bestimmten Situationen helfen, in anderen nicht. Wirksam sind sie bei mittelschweren, schweren und chronischen Depressionen, bei leichten vermutlich nicht. Außerdem können sie Nebenwirkungen haben. Wichtig ist, die Vor- und Nachteile einer Behandlung mit Antidepressiva gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt abzuwägen.

    Ziel einer Behandlung mit Antidepressiva ist es vor allem, die depressiven Beschwerden wie starke Niedergeschlagenheit und Erschöpfung zu beseitigen und ein erneutes Auftreten zu vermeiden. Die Medikamente sollen helfen, das seelische Gleichgewicht wieder zu erreichen und einen normalen Alltag gestalten zu können. Sie sollen aber auch innere Unruhe, Angst, Schlafstörungen oder Gedanken an Selbsttötung (Suizid) lindern.

    Dieser Text beschäftigt sich mit der medikamentösen Behandlung der häufigsten depressiven Erkrankung, der sogenannten unipolaren Depression. Die Therapie einer manisch-depressiven Erkrankung (bipolare Störung) wird hier nicht beschrieben.

    Welche Antidepressiva gibt es?

    Zur Behandlung von Depressionen stehen viele verschiedene Wirkstoffe zur Verfügung, die sich zu unterschiedlichen Gruppen zusammenfassen lassen. Dieser Text informiert vor allem über die folgenden, am häufigsten verwendeten Antidepressiva:

    • trizyklische Antidepressiva (TZA)
    • selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
    • selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI)

    Trizyklische Antidepressiva sind am längsten auf dem Markt. Sie werden als Antidepressiva der ersten Generation bezeichnet. SSRI und SSNRI gehören zu den Antidepressiva der zweiten Generation.

    Weniger häufig verschrieben werden:

    • Alpha-2-Rezeptor-Antagonisten
    • Monoaminoxidase(MAO)-Hemmer
    • selektive-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
    • selektive Noradrenalin-/Dopamin-Wiederaufnahmehemmer
    • Melatonin-Rezeptor-Agonist und Serotonin-5-HT2C-Rezeptor-Antagonist

    Darüber hinaus gibt es Medikamente wie Trazodon und Lithium, die keiner Gruppe zugeordnet werden; außerdem pflanzliche Arzneimittel wie das Johanniskraut.

    Wie wirken Antidepressiva?

    Nervenzellen des Gehirns verwenden verschiedene Botenstoffe, um Reize weiterzuleiten. Auch wenn noch nicht alle Details geklärt sind, gehen Fachleute davon aus, dass bei einer Depression das Gleichgewicht von bestimmten Botenstoffen wie zum Beispiel Serotonin verändert ist und manche Nervenverbindungen deshalb gehemmt sind. Antidepressiva sollen die Verfügbarkeit dieser Botenstoffe im Gehirn wieder verbessern. Die verschiedenen Wirkstoffe erreichen dies auf unterschiedliche Weise.

    Wie verläuft die Behandlung?

    Antidepressiva werden normalerweise täglich eingenommen. In den ersten Wochen und Monaten geht es darum, die Beschwerden zu lindern und die Depression möglichst zum Verschwinden zu bringen. Wenn dieses Ziel erreicht ist, wird die Behandlung noch mindestens vier bis neun Monate fortgesetzt. Diese sogenannte Erhaltungstherapie ist wichtig, um erneuten Beschwerden vorzubeugen. Manchmal werden die Medikamente auch noch länger eingenommen, um Rückfälle zu vermeiden (Rückfallprophylaxe). Die Dauer der Einnahme hängt unter anderem davon ab, wie sich die Beschwerden entwickeln und ob ein erhöhtes Rückfallrisiko besteht. Manche Menschen nehmen über mehrere Jahre Antidepressiva.

    Während der Behandlung sind regelmäßige Arztbesuche wichtig. Dabei wird besprochen, ob sich die Beschwerden gebessert haben und ob Nebenwirkungen aufgetreten sind. Wenn nötig, wird die Medikamentendosis angepasst. Keinesfalls sollte man die Dosierung der Tabletten selbstständig erhöhen oder verringern: Das kann dazu führen, dass die Tabletten nicht ausreichend wirken oder mehr Nebenwirkungen auslösen.

    Zum Ende der Behandlung wird die Dosis über Wochen allmählich verringert. Es kann beim Absetzen vorübergehend zu Schlafstörungen, Übelkeit oder Unruhe kommen. Solche Beschwerden treten vor allem dann auf, wenn Antidepressiva abrupt abgesetzt werden. Ein eigenständiges Absetzen der Medikamente, sobald es einem besser geht, erhöht außerdem das Risiko für ein erneutes Auftreten der Depression. Anders als viele Schlaf- und Beruhigungsmittel machen Antidepressiva aber nicht körperlich abhängig oder süchtig.

    Wie gut lindern Antidepressiva die Beschwerden?

    Es gibt zwar viele verschiedene Wirkstoffe gegen Depressionen. Wie gut ein bestimmtes Medikament aber einem einzelnen Menschen hilft, ist schwer vorhersehbar. Ärztinnen und Ärzte schlagen deshalb zu Beginn einer Behandlung oft einen Wirkstoff vor, den sie als wirksam und relativ verträglich einschätzen. Hilft das Medikament nicht wie erwartet, besteht die Möglichkeit, auf ein anderes zu wechseln. Manchmal müssen erst verschiedene Mittel ausprobiert werden, um ein wirksames zu finden.

    Studien zeigen, dass der Nutzen vom Schweregrad der Depression abhängt: Je schwerer eine Depression, desto eher überwiegen die Vorteile. Das heißt, bei chronischen, mittelschweren und schweren Depressionen sind Antidepressiva wirksam. Bei leichten Depressionen ist ihr Nutzen zweifelhaft.

    Die verschiedenen Antidepressiva wurden bereits in vielen Studien miteinander verglichen. Insgesamt schnitten die häufig eingesetzten trizyklischen Antidepressiva, SSRI und SSNRI dabei ähnlich ab. Für Erwachsene mit einer mittelschweren oder schweren Depression zeigen Studien:

    • Ohne Antidepressiva: Bei etwa 20 bis 40 von 100 Menschen, die Tabletten ohne Wirkstoff (Placebos) einnahmen, besserten sich die Beschwerden innerhalb von sechs bis acht Wochen.
    • Mit Antidepressiva: Bei etwa 40 bis 60 von 100 Menschen, die ein Antidepressivum einnahmen, besserten sich die Beschwerden innerhalb von sechs bis acht Wochen.

    Das bedeutet: Bei zusätzlich etwa 20 Menschen besserten sich die Beschwerden durch die Einnahme der Antidepressiva.

     

    Grafik: Wie gut Antidepressiva Beschwerden lindern können - wie im Text beschrieben

     

    Antidepressiva können auch lange anhaltende depressive Beschwerden (chronisch depressive Verstimmung (Dysthymie) oder chronische Depression) lindern und zu ihrem Verschwinden beitragen.

    Die Wirkung eines Antidepressivums kann schon innerhalb von ein bis zwei Wochen einsetzen. Es kann aber auch länger dauern, bis sich die depressiven Beschwerden bessern.

    Die Behandlung kann außerdem um ein zusätzliches Medikament erweitert werden. Vielleicht gelingt es damit, die Beschwerden zu lindern – eine Garantie dafür gibt jedoch kein Antidepressivum. Bei manchen Menschen dauert es längere Zeit, bis ihnen ein Mittel hilft. Bei anderen bleiben die Beschwerden auch nach mehreren Versuchen mit unterschiedlichen Medikamenten bestehen. Gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt kann dann besprochen werden, welche Behandlungsalternativen infrage kommen.

    Wie gut beugen Antidepressiva Rückfällen vor?

    Um Rückfällen vorzubeugen, werden Antidepressiva meist über etwa ein bis zwei Jahre, manchmal auch länger, eingenommen. Eine Rückfallprophylaxe kann für Menschen sinnvoll sein, die

    • schon mehrere Rückfälle erlebt haben,
    • einen Rückfall unbedingt vermeiden wollen oder
    • eine chronische Depression haben.

    Studien mit Erwachsenen zeigen, dass die Einnahme von häufig eingesetzten Antidepressiva wie TZA, SSRI und SSNRI das Risiko für Rückfälle senkt, sie aber nicht ganz verhindern kann:

    • Ohne Prophylaxe: Etwa 50 von 100 Menschen, die ein Placebo einnahmen, hatten innerhalb von ein bis zwei Jahren einen Rückfall.
    • Mit Prophylaxe: Etwa 23 von 100 Menschen, die ein Antidepressivum einnahmen, hatten in dieser Zeit einen Rückfall.

    Durchschnittlich 27 von 100 Menschen konnten also durch eine längere Einnahme einem Rückfall vorbeugen.

     

    Grafik: Wie gut Antidepressiva Rückfällen vorbeugen können - wie im Text beschrieben

    Welche Nebenwirkungen haben Antidepressiva?

    Wie alle Medikamente können auch Antidepressiva Nebenwirkungen haben. Über die Hälfte der Menschen berichtet bei der Behandlung mit Antidepressiva davon. Sie treten meist in den ersten Wochen der Einnahme auf, später zeigen sie sich dann seltener.

    Einige Nebenwirkungen hängen vermutlich direkt von der Wirkung der Mittel auf das Gehirn ab und sind bei verschiedenen Wirkstoffen einer Gruppe relativ ähnlich. Während der Einnahme von Antidepressiva berichten Patientinnen und Patienten zum Beispiel über Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, innere Unruhe und Störungen der Sexualität. Solche Beschwerden werden oft als Nebenwirkungen der Medikamente wahrgenommen. Manche dieser Symptome könnten aber auch Folgen der Depression sein.

    Ob, wie häufig und welche Nebenwirkungen auftreten, hängt außer vom Zeitpunkt der Behandlung auch vom Wirkstoff und der jeweiligen Dosierung ab. Außerdem reagiert jeder Mensch etwas anders. Das Risiko für Nebenwirkungen steigt, wenn zusätzlich noch andere Medikamente eingenommen werden. Dann kann ein Mittel die Nebenwirkungen des anderen verstärken. Solche Wechselwirkungen kommen häufig bei älteren Menschen oder Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen vor, die mehrere Medikamente einnehmen.

    Es ist deshalb wichtig, die Vor- und Nachteile der einzelnen Präparate mit der Ärztin oder dem Arzt genau zu besprechen.

    Manche Nebenwirkungen sind bei bestimmten Wirkstoffen häufiger:

    • SSRI führen häufiger als trizyklische Antidepressiva zu Durchfall, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Übelkeit.
    • Trizyklische Antidepressiva führen häufiger als SSRI zu Sehstörungen, Verstopfung, Schwindel, trockenem Mund, Zittern und Problemen beim Wasserlassen.

    Die Nebenwirkungen der trizyklischen Antidepressiva sind oft belastender als die der SSRI oder SNRI. Deshalb wird die Einnahme trizyklischer Antidepressiva eher wieder abgebrochen: In Studien taten dies etwa 15 von 100 Menschen – im Vergleich zu ungefähr 10 von 100 Menschen, die SSRI einnahmen. Zudem besteht bei trizyklischen Antidepressiva eher die Gefahr, dass es infolge einer Überdosierung zu schweren Nebenwirkungen kommt.

    Schwere Nebenwirkungen

    Antidepressiva können Schwindel und Gangunsicherheit auslösen und damit vor allem bei älteren Menschen das Risiko für Stürze und Knochenbrüche erhöhen. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten können dieses Risiko noch verstärken.

    Bei sehr wenigen Menschen ist es während der Einnahme von Antidepressiva zu Herzproblemen, epileptischen Anfällen oder Leberschäden gekommen. Man vermutet, dass es sich dabei um seltene Nebenwirkungen von Antidepressiva gehandelt hat. Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass Jugendliche häufiger an Selbsttötung (Suizid) denken, wenn sie SSRI oder SSNRI einnehmen und auch häufiger tatsächlich versuchen, sich das Leben zu nehmen. Jugendliche sollten deshalb in der ersten Zeit der Behandlung vorsichtshalber öfter zu ihrer Ärztin, ihrem Arzt oder Therapeuten gehen, damit Anzeichen für eine Suizidgefährdung frühzeitig erkannt werden können.

    Was ist bei der Entscheidung für ein Antidepressivum wichtig?

    Ob Antidepressiva zur Behandlung infrage kommen, hängt unter anderem von der Stärke der Beschwerden ab. Weitere Aspekte können eine Rolle spielen:

    • Wird gleichzeitig eine Psychotherapie gemacht oder ist eine geplant?
    • Wurden früher schon Antidepressiva genommen und haben diese geholfen?
    • Wie schwer wiegen die Nebenwirkungen im Verhältnis zum möglichen Nutzen?

    Bei der Entscheidung für ein bestimmtes Mittel kann auch die Frage nach den Nebenwirkungen ausschlaggebend sein: Die einen stören vielleicht eher mögliche Verdauungsbeschwerden. Andere möchten vielleicht eher Schwindel, sexuelle Unlust oder Erektionsstörungen vermeiden.

    Die entscheidende Voraussetzung für den sinnvollen Einsatz von Antidepressiva ist eine sorgfältig gestellte Diagnose. Fachleute gehen davon aus, dass manchen Menschen die Mittel unnötigerweise verschrieben werden. Ein Hinweis dafür ist unter anderem, dass heute deutlich mehr Menschen Antidepressiva einnehmen als früher. So werden die Medikamente manchmal schon bei leichteren Beschwerden eingesetzt, obwohl Vorteile dann zweifelhaft sind.

    Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass eine schwere Depression erkannt und ausreichend behandelt wird. Hier können Antidepressiva hilfreich sein und manche Menschen zum Beispiel erst in die Lage versetzen, ihren Alltag zu gestalten oder eine Psychotherapie zu beginnen.

    Quellen

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    Mehr Wissen: Wie wirksam sind Psychotherapien?

    Psychotherapien sind neben Medikamenten der wichtigste Bestandteil der Behandlung von Depressionen. Viele Studien belegen ihre Wirksamkeit. Der Behandlungserfolg hängt unter anderem von der Stärke der Beschwerden, der Beziehung zum Therapeuten und der Lebenssituation eines Menschen ab.

    Bei einer Psychotherapie geht es darum, aus dem emotionalen Tief einer Depression herauszuhelfen und Rückfällen vorzubeugen. Im Rahmen der Therapiesitzungen werden unter anderem Strategien vermittelt, die helfen sollen, besser mit negativen Gedanken umzugehen oder problematische Lebenserfahrungen zu verarbeiten. Der regelmäßige Austausch mit Therapeutin oder Therapeut kann zudem wertvolle emotionale Unterstützung geben und helfen, den Ursachen der Beschwerden nachzugehen.

    Psychotherapien sind neben Medikamenten der wichtigste Bestandteil der Behandlung von Depressionen. Viele Studien belegen ihre Wirksamkeit. Der Behandlungserfolg hängt unter anderem von der Stärke der Beschwerden, der Beziehung zum Therapeuten und der Lebenssituation eines Menschen ab.

    Bei einer Psychotherapie geht es darum, aus dem emotionalen Tief einer Depression herauszuhelfen und Rückfällen vorzubeugen. Im Rahmen der Therapiesitzungen werden unter anderem Strategien vermittelt, die helfen sollen, besser mit negativen Gedanken umzugehen oder problematische Lebenserfahrungen zu verarbeiten. Der regelmäßige Austausch mit Therapeutin oder Therapeut kann zudem wertvolle emotionale Unterstützung geben und helfen, den Ursachen der Beschwerden nachzugehen.

    Welche Psychotherapien kommen bei einer Depression infrage?

    Eine Psychotherapie kann ambulant stattfinden, bei schweren Depressionen auch in einer Klinik (stationär oder teilstationär). Die Behandlung wird von Praxen, psychiatrischen und psychosomatischen Fachkliniken sowie von Rehakliniken angeboten. Oft sind psychotherapeutische Sitzungen Einzelgespräche, es sind aber auch Gruppentherapien sowie eine Kombination von Einzel- oder Gruppensitzungen möglich. Angehörige können bei Bedarf einbezogen werden.

    Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten zur ambulanten Behandlung von Depressionen die kognitive Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte sowie die analytische Psychotherapie. Alle drei Verfahren werden von psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten angeboten. Daneben gibt es noch andere von der Fachwelt anerkannte Therapien, die derzeit nicht von den Krankenkassen übernommen werden. Dazu zählen unter anderem die interpersonelle Psychotherapie, die Gesprächspsychotherapie und die systemische Therapie. Manchmal werden auch Elemente verschiedener Psychotherapien kombiniert.

    Die kognitive Verhaltenstherapie hat zum Ziel, Verhaltensweisen und innere Einstellungen zu verändern, an aktuellen Problemen zu arbeiten und konkrete Lösungen zu finden. In tiefenpsychologisch fundierten oder analytischen Therapien setzt man sich mehr mit vergangenen Erlebnissen und Erfahrungen auseinander. Dabei wird versucht, mögliche Auslöser für psychische Probleme zu finden und zum Beispiel problematische Beziehungserfahrungen zu überwinden.

    Die Gesprächspsychotherapie, die interpersonelle Psychotherapie und die systemische Therapie sind wie die kognitive Verhaltenstherapie stärker lösungsorientiert und auf aktuelle Probleme und Erfahrungen bezogen.

    Wie wirksam sind Psychotherapien?

    Viele Studien zeigen, dass psychotherapeutische Behandlungen bei Depressionen helfen. Welche Verfahren in welchen Situationen am wirksamsten sind, lässt sich derzeit nicht mit Sicherheit sagen.

    Psychotherapien können helfen, depressive Symptome zu lindern und das Risiko für Rückfälle zu verringern. Wie gut sie helfen können, hängt neben dem Verfahren vom Schweregrad, von der Art und Dauer der Depression und weiteren psychischen Beschwerden ab. Psychotherapien wirken zudem nicht bei allen Menschen gleich: Manchen kann in wenigen Sitzungen relativ schnell geholfen werden, andere benötigen eine längere Behandlung. Dabei spielen außer den zum Teil sehr unterschiedlichen Symptomen auch die Persönlichkeit, die Lebensgeschichte und die aktuellen Lebensumstände eines Menschen eine Rolle.

    Nicht zuletzt ist die Beziehung zur Therapeutin oder zum Therapeuten entscheidend. Wichtig ist, dass der Psychotherapeut aufmerksam, respektvoll, offen und mitfühlend ist – und dass „die Chemie stimmt“. Die eigenen Erwartungen an die Behandlung und die therapeutischen Möglichkeiten müssen zueinander passen. 

    Wie wirksam sind Psychotherapien im Vergleich zu Antidepressiva?

    Bisherige Studien sprechen dafür, dass Psychotherapien ebenso wie Medikamente akute mittelschwere und schwere Depressionen wirksam lindern können. Bei schweren Depressionen werden Psychotherapien und Medikamente häufig kombiniert. Diese Kombination kann hilfreicher sein als Antidepressiva allein. Manche Menschen beginnen mit einer Psychotherapie auch erst nach einer medikamentösen Akutbehandlung. Die Psychotherapie soll längerfristig stabilisieren und Rückfällen vorbeugen.

    Auch Menschen mit chronischen und wiederkehrenden Depressionen werden häufig sowohl mit Antidepressiva als auch psychotherapeutisch behandelt.

    Können Psychotherapien Nebenwirkungen haben?

    Psychotherapien können wie Medikamente unerwünschte Wirkungen und Folgen haben. Der Unterschied ist: Antidepressiva haben häufiger körperliche als psychische Nebenwirkungen. Die Behandlung mit Antidepressiva wird daher auch häufiger abgebrochen als eine Psychotherapie. Nebenwirkungen von Psychotherapien sind in Studien insgesamt aber noch nicht ausreichend untersucht.

    Zu einer psychotherapeutischen Behandlung gehört es, sich mit möglicherweise unangenehmen und belastenden Themen zu beschäftigen. Das kann manchmal überfordern, Selbstzweifel verstärken und dazu führen, dass man sich vorübergehend schlechter fühlt. Solche Auseinandersetzungen können aber auch ein wichtiger Schritt zum Behandlungserfolg sein.

    Psychotherapien können die Beziehungen zu Partnern, Freunden und Kollegen beeinflussen. In der Regel hilft eine Psychotherapie, Konflikte besser zu bewältigen. Wenn jemand durch die Therapie sein gewohntes Verhalten ändert, kann es aber auch zu Spannungen kommen. Möglich ist zudem, dass eine Abhängigkeit vom Therapeuten entsteht, oder es zu Konflikten mit der Therapeutin oder dem Therapeuten kommt.

    Vor Therapiebeginn ist es wichtig, die Erwartungen an die Behandlung und deren Möglichkeiten offen miteinander zu besprechen. Wenn die Therapeutin oder der Therapeut über mögliche Folgen aufklärt, kann man sich eher darauf einstellen und schwierigere Phasen der Behandlung besser durchstehen.

    Falls die Behandlung nicht gut verläuft, ist es immer gut, diesen Eindruck mit dem Psychotherapeuten oder der Psychotherapeutin zu besprechen. Wenn eine Klärung nicht gelingt, ist es möglich, den Therapeuten zu wechseln. Für den Erfolg der Behandlung ist es wichtig, sich bei seiner Psychotherapeutin oder seinem Psychotherapeuten gut aufgehoben zu fühlen. Um dies herauszufinden, gibt es die Möglichkeit sogenannter probatorischer Sitzungen vor Beginn der eigentlichen Psychotherapie.

    Wovon hängt es ab, mit welcher Behandlung man beginnt?

    In Deutschland wird derzeit empfohlen, bei leichten Depressionen zunächst abzuwarten, ob die Beschwerden auch ohne medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlung verschwinden. Abwarten bedeutet aber nicht, gar nichts zu tun. In depressiven Phasen sind eine gute Begleitung und Unterstützung durch Familie und Freunde sowie durch beratende Gespräche und regelmäßige Kontakte mit Ärzten oder Psychotherapeuten sehr wichtig. Verschiedene Möglichkeiten der Selbsthilfe können eine Ergänzung sein. Bei stärkeren und anhaltenden Depressionen ist eine Behandlung sinnvoll – entweder nur mit einer Psychotherapie oder Medikamenten, oder beidem zusammen. Bei der Auswahl des geeigneten Therapieverfahrens kann man sich in einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis beraten lassen.

    Außerdem ist es möglich, sich in einer psychotherapeutischen Sprechstunde Rat zu holen. Sie wird in ambulanten psychotherapeutischen Praxen angeboten. In diesem Rahmen können Erwachsene kurzfristig bis zu sechs Gesprächstermine à 25 Minuten erhalten, Kinder und Jugendliche (bei Bedarf auch mit ihren Eltern) bis zu zehn Termine. Hier lässt sich klären, wie die Beschwerden einzuschätzen sind, wie sie behandelt werden können und welche weiteren Hilfen möglich sind.

    Wer eine ambulante Psychotherapie in Anspruch nehmen will, muss je nach Region manchmal mit Wartezeiten rechnen. Bei schweren Depressionen stehen aber immer Notfallambulanzen zur Verfügung. Bei Suizidgefahr ist zudem eine rasche stationäre Behandlung möglich. Bei der Suche nach einem Therapieplatz kann die psychotherapeutische Sprechstunde hilfreich sein.

    Bis zum Beginn einer Psychotherapie nehmen viele Menschen Antidepressiva. Wenn andererseits eine Psychotherapie kurzfristig möglich ist und hilft, kann manchmal auf Medikamente verzichtet werden.

    Quellen

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    Cuijpers P, Berking M, Andersson G, Quigley L, Kleiboer A, Dobson KS. A meta-analysis of cognitive-behavioural therapy for adult depression, alone and in comparison with other treatments. Can J Psychiatry 2013; 58(7): 376-385.

    Cuijpers P, Donker T, Weissman MM, Ravitz P, Cristea IA. Interpersonal psychotherapy for mental health problems: a comprehensive meta-analysis. Am J Psychiatry 2016; 173(7): 680-687.

    Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN) u.a. Unipolare Depression. S3-Leitlinie und Nationale Versorgungsleitlinie. Version 3. März 2016.

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    Linde K, Sigterman K, Kriston L, Rücker G, Jamil S, Meissner K. Effectiveness of psychological treatments for depressive disorders in primary care: systematic review and meta-analysis. Ann Fam Med 2015; 13(1): 56-68.

    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
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    Mehr Wissen: Erfahrungen mit Antidepressiva

    Menschen mit Depressionen machen ganz unterschiedliche Erfahrungen mit der Einnahme von Antidepressiva, gute wie schlechte. Viele erhoffen sich eine Besserung ihrer Beschwerden oder Schutz vor einem erneuten Auftreten. Gleichzeitig fürchten sie sich vor Nebenwirkungen oder empfinden es als Schwäche, ihre Probleme mit Medikamenten zu behandeln.

    Manchen Menschen helfen die Medikamente, depressive Phasen zu überwinden. Andere spüren nur einen geringen oder keinen Behandlungserfolg, und einige brechen die Einnahme wegen ihrer Nebenwirkungen ab. Viele empfinden auch eine gewisse Scheu, Medikamente gegen psychische Beschwerden einzunehmen oder machen sich Sorgen, abhängig zu werden.

    Bei der Entscheidung, Antidepressiva einzunehmen, spielen eigene oder die Erfahrungen anderer mit Psychopharmaka, Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten, aber auch Medienberichte eine wichtige Rolle. Manche Menschen lehnen Antidepressiva grundsätzlich ab, andere folgen einfach dem ärztlichen Rat und nehmen die Medikamente so ein, wie sie verschrieben wurden. Viele wägen aber die Vor- und Nachteile der Medikamente für sich gründlich ab.

    Menschen mit Depressionen machen ganz unterschiedliche Erfahrungen mit der Einnahme von Antidepressiva, gute wie schlechte. Viele erhoffen sich eine Besserung ihrer Beschwerden oder Schutz vor einem erneuten Auftreten. Gleichzeitig fürchten sie sich vor Nebenwirkungen oder empfinden es als Schwäche, ihre Probleme mit Medikamenten zu behandeln.

    Manchen Menschen helfen die Medikamente, depressive Phasen zu überwinden. Andere spüren nur einen geringen oder keinen Behandlungserfolg, und einige brechen die Einnahme wegen ihrer Nebenwirkungen ab. Viele empfinden auch eine gewisse Scheu, Medikamente gegen psychische Beschwerden einzunehmen oder machen sich Sorgen, abhängig zu werden.

    Bei der Entscheidung, Antidepressiva einzunehmen, spielen eigene oder die Erfahrungen anderer mit Psychopharmaka, Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten, aber auch Medienberichte eine wichtige Rolle. Manche Menschen lehnen Antidepressiva grundsätzlich ab, andere folgen einfach dem ärztlichen Rat und nehmen die Medikamente so ein, wie sie verschrieben wurden. Viele wägen aber die Vor- und Nachteile der Medikamente für sich gründlich ab.

    Vorbehalte gegen Antidepressiva

    Ein häufiger Grund für Vorbehalte gegen Antidepressiva ist die Furcht vor Nebenwirkungen und auch vor Abhängigkeit. Anders als viele Schlaf- und Beruhigungsmittel machen Antidepressiva aber nicht körperlich abhängig oder süchtig. Dennoch kann es zu vorübergehenden Beschwerden wie Schlaflosigkeit und Unruhe kommen, wenn man die Medikamente absetzt.

    Manche Menschen bedrückt der Gedanke, dass sie es nicht ohne Medikamente schaffen, aus ihrer Depression auszubrechen. Sie empfinden Antidepressiva als eine Art „chemische Krücke“ – und sich selbst als schwach und hilflos, wenn sie darauf zurückgreifen. Andere fragen sich, ob sie die Medikamente tatsächlich brauchen, damit es ihnen besser geht. Häufig sind die Gefühle schwankend und widersprüchlich.

    Auch die Sorge, „nicht normal“ zu sein, weil man Psychopharmaka nimmt, kann eine Rolle spielen. Man muss sich jedoch nicht schämen, Medikamente gegen psychische Erkrankungen einzunehmen. Bei körperlichen Erkrankungen ist dies schließlich auch kein Thema.

    Es ist wichtig, solche oder ähnliche Bedenken mit der Ärztin oder dem Arzt offen zu besprechen. Manche Menschen trauen sich nicht, Ängste und Vorbehalte zu äußern oder kritische Fragen zu stellen. Das ist auch nicht immer leicht, denn nicht jeder Arzt vermittelt das Gefühl, dafür offen zu sein. Im Arztgespräch sollte es aber darum gehen, Entscheidungen zur Behandlung gemeinsam zu treffen. Dazu gehört vor allem auch, die Vor- und Nachteile der Medikamente sorgfältig abzuwägen.

    Ausreichende und verlässliche Informationen über eine Behandlung sind die Voraussetzung, um eine persönlich passende Entscheidung treffen und auch mit möglichen Problemen während der Einnahme umgehen zu können. Neben der Beratung in der Arztpraxis oder der Apotheke gibt es noch weitere Informations- und Beratungsangebote, etwa psychosoziale Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen.

    Beginn der Behandlung

    Viele Menschen mit depressiven Beschwerden suchen von sich aus ärztliche Hilfe, weil sie wieder ein normales Leben führen wollen. Manche werden von besorgten Angehörigen und Freunden dazu ermuntert oder auch gedrängt.

    Typisch für eine Depression ist das Gefühl, hilflos zu sein und keine Kontrolle mehr über das eigene Leben zu haben. Deshalb kann es erleichternd sein, wenn die Ärztin oder der Arzt Antidepressiva verschreibt. Viele würden zwar lieber ohne Medikamente auskommen oder zunächst andere Behandlungen ausprobieren. Doch oft sind sie sehr verzweifelt und erhoffen sich von Antidepressiva eine rasche Besserung. Die Medikamente können zudem eine Möglichkeit sein, die Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz zu überbrücken.

    Manche sind am Anfang enttäuscht, weil die Antidepressiva nicht sofort helfen. Deshalb ist es wichtig zu wissen, dass eine spürbare Wirkung meist erst innerhalb von ein bis zwei Wochen einsetzt, manchmal auch noch später.

    Positive Erfahrungen

    Für einen Teil der Menschen mit einer Depression gehören die Medikamente mit der Zeit zum Leben dazu. Sie fühlen sich durch die Behandlung besser und haben das Gefühl, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, aktiv zu sein und den Alltag eigenständig bewältigen zu können.

    Manche Menschen spüren auch kaum oder keine Nebenwirkungen. Für sie überwiegen die Vorteile der Behandlung. Sie haben das Gefühl, dass die Medikamente helfen, das seelische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

    Eine wichtige Voraussetzung für eine längere, regelmäßige Einnahme von Antidepressiva ist, dass man die Erkrankung akzeptiert und die Behandlung als wirksam empfindet. Wenn die positiven Seiten der Medikamenten-Einnahme überwiegen, fällt es meist auch leichter, mit den Nebenwirkungen zurechtzukommen.

    Negative Erfahrungen

    Manche Menschen haben den Eindruck, die Behandlung würde nicht helfen oder würde ihre Persönlichkeit verändern, etwa weil sie sich emotional wie abgestumpft fühlen. Die Nebenwirkungen können als so belastend empfunden werden, dass sie die Behandlung abbrechen. Einige müssen erst verschiedene Medikamente ausprobieren, bis sie das für sich passende Antidepressivum finden. Andere erleben trotz mehrerer Behandlungsversuche keine Besserung und sind dann sehr enttäuscht.

    Zu den negativen Erfahrungen können auch Nebenwirkungen beitragen. Körperliche Beschwerden wie Schwindel, trockener Mund, Gewichtszunahme, Konzentrationsprobleme oder Schlafstörungen können schwer auszuhalten sein. Das gilt aber genauso für Auswirkungen auf die Gefühlswelt: Manche Menschen vermissen die Fähigkeit, vielfältige und starke Gefühle zu empfinden. Die Medikamente können zudem die sexuelle Lust dämpfen.

    Bei solchen emotionalen Veränderungen ist nicht immer klar, ob sie Folge der Depression oder Nebenwirkungen der Medikamente sind. Dennoch wird die Einnahme eher beendet, wenn Betroffene den Eindruck haben, die Medikamente wirken sich negativ auf ihre Psyche aus.

    Probleme während der Einnahme

    Manche Menschen haben Bedenken, zu viele Medikamente zu nehmen – gerade Ältere mit mehreren Erkrankungen. Andere schreckt der Gedanke, vielleicht jahrelang Medikamente einnehmen zu müssen. Verschiedene Strategien können helfen, Antidepressiva über Monate und manchmal auch Jahre anzuwenden. Dazu zählen regelmäßige Gespräche mit einer Ärztin oder einem Arzt. Neben einem guten Vertrauensverhältnis zu den Behandelnden sind außerdem gute und ausreichende Informationen über die Medikamente wichtig, um besser zu verstehen, wie sie wirken und warum sie regelmäßig eingenommen werden sollten.

    Wenn die Mittel nicht wirken wie erwartet oder schwere Nebenwirkungen auftreten, versuchen einige Menschen, die Dosierung selbst zu verändern: Sie nehmen für eine Weile weniger oder mehr Tabletten. Andere setzen die Medikamente ohne ärztliche Rücksprache ganz ab. Das kann jedoch unter Umständen lebensbedrohlich sein. Daher ist es unbedingt notwendig, auftretende Probleme mit der Ärztin oder dem Arzt zu besprechen und nicht einfach mit der Einnahme aufzuhören. Vielleicht kann die Dosis angepasst oder ein anderes Medikament ausprobiert werden.

    Manche beenden die Einnahme auch, weil es ihnen besser geht und sie glauben, dass sie die Medikamente nach Abklingen der Beschwerden nicht mehr benötigen. Um beschwerdefrei zu bleiben und Rückfällen vorzubeugen, empfiehlt es sich jedoch, die Einnahme wie geplant fortzusetzen – zumindest für eine etwa vier bis neun Monate dauernde Erhaltungstherapie. Anschließend kann man mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen, ob eine weitere Einnahme sinnvoll ist.

    Welche Informationen sind wichtig?

    Menschen, die Antidepressiva anwenden, wünschen sich oft mehr und bessere Informationen über die verschriebenen Mittel. Sie möchten, dass Ärztinnen und Ärzte

    • ihre Probleme und Ängste ernst nehmen.
    • ehrlich und ausführlich über die Dauer bis zur Wirkung und über Nebenwirkungen informieren. Dann können sie sich eher darauf einstellen und damit umgehen.
    • über Alternativen berichten und nachvollziehbar die Vor- und Nachteile der Behandlung erklären. Es kann zu Unzufriedenheit führen, wenn Antidepressiva verschrieben werden, ohne dass vorher gründlich nach den Beschwerden und deren Ursachen gefragt und Behandlungsalternativen besprochen werden.
    • die Gründe erklären, wenn sie die Dosierung ändern.

    Viele Menschen können während einer Depression schlecht Informationen aufnehmen oder behalten und fühlen sich unfähig, Entscheidungen zu treffen. Dann kann es hilfreich sein, sich die Informationen aufzuschreiben oder eine vertraute Person mit in das Gespräch zu nehmen.

    Hilfreich ist, in beschwerdefreien Phasen die eigene Haltung zur Behandlung zu klären und diese beispielsweise mit Angehörigen, Partner oder Freunden zu besprechen.

    Antidepressiva: Weder Glückspillen noch Placebo

    In manchen Medienberichten werden Antidepressiva fälschlicherweise als „Glückspillen“ bezeichnet. Das darf keine falschen Erwartungen wecken: Die Medikamente sollen und können keine Glücksgefühle auslösen, sondern depressiven Menschen dabei helfen, sich wieder normal zu fühlen. Manchmal wird auch berichtet, dass Antidepressiva grundsätzlich unwirksam seien und allenfalls einen Placebo-Effekt hätten. Auch das ist nicht richtig: Studien belegen, dass sie bei der Behandlung von mittelschweren und schweren Depressionen wirksam sind.

    Allerdings kann es im Einzelfall sein, dass ein bestimmtes Antidepressivum nicht hilft. Man kann dann in Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt die Dosis erhöhen oder ein anderes Antidepressivum ausprobieren. Solche Enttäuschungen passieren auch bei Medikamenten gegen andere Erkrankungen. Antidepressiva können die Chance erhöhen, dass es einem besser geht – aber keine Garantie dafür geben. Manche Menschen haben so starke Beschwerden, dass Antidepressiva allein nicht viel ändern. Es kommt leider auch vor, dass sich Menschen trotz einer Behandlung das Leben nehmen.

    Die meisten Betroffenen sehen Antidepressiva aber nicht als Wundermittel. Viele haben aus ihrer Erfahrung heraus eine sehr realistische Vorstellung von ihren Möglichkeiten und Grenzen. Sie verstehen Antidepressiva eher als Hilfsmittel oder Sicherheitsnetz, auf das sie bei Beschwerden zurückgreifen können: Schließlich würden wohl alle lieber ohne Medikamente auskommen.

    Quellen

    Anderson C, Roy T. Patient experiences of taking antidepressants for depression: a secondary qualitative analysis. Res Social Adm Pharm 2013; 9(6): 884-902.

    Aselton P. The lived experience of college students who have been medicated with antidepressants [Dissertation]. University of Massachusetts Amherst; 2010.

    Buus N, Johannessen H, Stage KB. Explanatory models of depression and treatment adherence to antidepressant medication: a qualitative interview study. Int J Nurs Stud 2012; 49(10): 1220-1229.

    Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) u.a. Unipolare Depression. S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie. Version 4. Oktober 2016.

    Dickinson R, Knapp P, House AO, Dimri V, Zermansky A, Petty D et al. Long-term prescribing of antidepressants in the older population: a qualitative study. Br J Gen Pract 2010; 60(573): e144-155.

    Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Analytic Hierarchy Process (AHP) – Pilotprojekt zur Erhebung von Patientenpräferenzen in der Indikation Depression: Arbeitspapier; Auftrag GA10-01. 08.05.2013. (IQWiG-Berichte; Band 163).

    Malpass A, Shaw A, Sharp D, Walter F, Feder G, Ridd M et al. „Medication career“ or „moral career“? The two sides of managing antidepressants: a meta-ethnography of patients' experience of antidepressants. Soc Sci Med 2009; 68(1): 154-168.

    Schofield P, Crosland A, Waheed W, Waquas A, Aseem S, Gask L et al. Patients' views of antidepressants: from first experiences to becoming expert. Br J Gen Pract 2011; 61(585): 142-148.

    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
    Unsere Informationen beruhen auf den Ergebnissen hochwertiger Studien. Sie sind von einem Team aus Medizin, Wissenschaft und Redaktion erstellt und von Expertinnen und Experten außerhalb des IQWiG begutachtet. Wie wir unsere Texte erarbeiten und aktuell halten, beschreiben wir ausführlich in unseren Methoden.

    Mehr Wissen: Strategien für Angehörige und Freunde

    Wer vermutet, dass jemand aus der Familie oder dem Freundeskreis an einer Depression erkrankt ist, macht sich meist Sorgen und möchte helfen, weiß aber oft nicht wie. Wir haben einige Anregungen zusammengestellt, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

    Traurigkeit ist meistens eine normale und natürliche Reaktion, zum Beispiel auf einen Verlust, bei Problemen oder in einer schwierigen Lebenssituation. Wann sich aus einer traurigen Stimmung eine behandlungsbedürftige Erkrankung entwickelt, ist nicht leicht zu erkennen. Depressionen sind in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema, über das nur ungern gesprochen wird. Menschen mit einer Depression, ihre Familie und Freunde schämen sich mitunter sogar für die Erkrankung. Doch Depressionen sind eine Krankheit wie jede andere auch.

    Depressive Menschen können unter anderem sehr niedergeschlagen und traurig, manchmal verzweifelt, unsicher und ängstlich sein. Diese Gefühle und negativen Gedanken gehen meistens nicht mit der Zeit vorbei, manchmal werden sie sogar stärker. Depressionen führen oft dazu, dass das Interesse an Aktivitäten verloren geht, die vorher Freude gemacht haben. Manche Menschen ziehen sich völlig zurück, können sich zu gar nichts mehr motivieren und sehen auch keinen Ausweg für sich.

    Partner, Familienangehörige und Freunde fühlen sich meist ratlos, vielen macht die Erkrankung auch Angst. Sie möchten sehr gern helfen, wissen aber nicht wie. Folgende Ideen und Anregungen können vielleicht dabei helfen, mit einem Menschen umzugehen und ins Gespräch zu kommen, um den man sich Sorgen macht:

    • respektvoll mit ihm umgehen
    • aufmerksam und genau zuhören
    • im Gespräch auf eine zugewandte Körpersprache achten
    • Schuldgefühle nicht ausreden oder als grundlos darstellen, da sie oft als real erlebt werden
    • mit Ratschlägen vorsichtig sein
    • die Lebenswelt des Betroffenen akzeptieren
    • versuchen, ruhig, offen und ehrlich zu bleiben, auch wenn das Gespräch schwierig wird oder ärgerliche Reaktionen auslöst
    • zur Inanspruchnahme professioneller Hilfe ermuntern
    • beim Vereinbaren eines Arzttermins helfen
    • ihn zu einem Beratungs- oder Therapiegespräch begleiten
    • Gedanken an Selbstverletzung oder Selbsttötung unbedingt ernst nehmen und professionelle Hilfe suchen
    • den Betroffenen davor zu schützen, während der Krankheitsphase voreilige oder falsche Entscheidungen zu treffen (zum Beispiel die Partnerschaft betreffend)
    • bei der Gestaltung des Tagesablaufs unterstützen: regelmäßige Ernährung, soziale Aktivitäten und körperliche Bewegung fördern, etwa durch gemeinsame Spaziergänge zu einer vorher festgelegten Uhrzeit
    • auf andere Familienmitglieder und Freunde achten, die durch die Erkrankung mitbelastet sein können
    • sich selbst gut über Depressionen (Ursachen, Verlauf und Behandlung) informieren
    • nicht zuletzt: auf das eigene Wohlbefinden achten und bei Bedarf mit Freunden, Angehörigen oder Fachleuten über die eigenen Erfahrungen und Gefühle sprechen

    Wichtig ist es, sich immer wieder klar zu machen, dass jeder Mensch anders ist, sich unterschiedlich verhält sowie Erfahrungen und Erlebnisse unterschiedlich verarbeitet. Deshalb gibt es keine allgemein gültigen Empfehlungen.

    Wer vermutet, dass jemand aus der Familie oder dem Freundeskreis an einer Depression erkrankt ist, macht sich meist Sorgen und möchte helfen, weiß aber oft nicht wie. Wir haben einige Anregungen zusammengestellt, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

    Traurigkeit ist meistens eine normale und natürliche Reaktion, zum Beispiel auf einen Verlust, bei Problemen oder in einer schwierigen Lebenssituation. Wann sich aus einer traurigen Stimmung eine behandlungsbedürftige Erkrankung entwickelt, ist nicht leicht zu erkennen. Depressionen sind in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema, über das nur ungern gesprochen wird. Menschen mit einer Depression, ihre Familie und Freunde schämen sich mitunter sogar für die Erkrankung. Doch Depressionen sind eine Krankheit wie jede andere auch.

    Depressive Menschen können unter anderem sehr niedergeschlagen und traurig, manchmal verzweifelt, unsicher und ängstlich sein. Diese Gefühle und negativen Gedanken gehen meistens nicht mit der Zeit vorbei, manchmal werden sie sogar stärker. Depressionen führen oft dazu, dass das Interesse an Aktivitäten verloren geht, die vorher Freude gemacht haben. Manche Menschen ziehen sich völlig zurück, können sich zu gar nichts mehr motivieren und sehen auch keinen Ausweg für sich.

    Partner, Familienangehörige und Freunde fühlen sich meist ratlos, vielen macht die Erkrankung auch Angst. Sie möchten sehr gern helfen, wissen aber nicht wie. Folgende Ideen und Anregungen können vielleicht dabei helfen, mit einem Menschen umzugehen und ins Gespräch zu kommen, um den man sich Sorgen macht:

    • respektvoll mit ihm umgehen
    • aufmerksam und genau zuhören
    • im Gespräch auf eine zugewandte Körpersprache achten
    • Schuldgefühle nicht ausreden oder als grundlos darstellen, da sie oft als real erlebt werden
    • mit Ratschlägen vorsichtig sein
    • die Lebenswelt des Betroffenen akzeptieren
    • versuchen, ruhig, offen und ehrlich zu bleiben, auch wenn das Gespräch schwierig wird oder ärgerliche Reaktionen auslöst
    • zur Inanspruchnahme professioneller Hilfe ermuntern
    • beim Vereinbaren eines Arzttermins helfen
    • ihn zu einem Beratungs- oder Therapiegespräch begleiten
    • Gedanken an Selbstverletzung oder Selbsttötung unbedingt ernst nehmen und professionelle Hilfe suchen
    • den Betroffenen davor zu schützen, während der Krankheitsphase voreilige oder falsche Entscheidungen zu treffen (zum Beispiel die Partnerschaft betreffend)
    • bei der Gestaltung des Tagesablaufs unterstützen: regelmäßige Ernährung, soziale Aktivitäten und körperliche Bewegung fördern, etwa durch gemeinsame Spaziergänge zu einer vorher festgelegten Uhrzeit
    • auf andere Familienmitglieder und Freunde achten, die durch die Erkrankung mitbelastet sein können
    • sich selbst gut über Depressionen (Ursachen, Verlauf und Behandlung) informieren
    • nicht zuletzt: auf das eigene Wohlbefinden achten und bei Bedarf mit Freunden, Angehörigen oder Fachleuten über die eigenen Erfahrungen und Gefühle sprechen

    Wichtig ist es, sich immer wieder klar zu machen, dass jeder Mensch anders ist, sich unterschiedlich verhält sowie Erfahrungen und Erlebnisse unterschiedlich verarbeitet. Deshalb gibt es keine allgemein gültigen Empfehlungen.

    Quellen

    Kitchener BA, Jorm AF. Mental health first aid training: review of evaluation studies. Aust N Z J Psychiatry 2006; 40(1): 6-8.

    National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Depression in children and young people: identification and management. Clinical Guideline. September 2005.

    IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
    Ob eine der von uns beschriebenen Möglichkeiten im Einzelfall tatsächlich sinnvoll ist, kann im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt geklärt werden. Wir bieten keine individuelle Beratung.
    Unsere Informationen beruhen auf den Ergebnissen hochwertiger Studien. Sie sind von einem Team aus Medizin, Wissenschaft und Redaktion erstellt und von Expertinnen und Experten außerhalb des IQWiG begutachtet. Wie wir unsere Texte erarbeiten und aktuell halten, beschreiben wir ausführlich in unseren Methoden.

    Depression - Erfahrungsbericht - Jens

    „Ich kam mir manchmal vor wie ein wandelnder Toter, ohne jedes Gefühl. Ich habe mich gefühlt wie ein Zombie, der morgens kaum aus dem Bett kommt und den Tag in einem Dämmerzustand verbringt.“

    Jens, 57 Jahre

    „Ich kam mir manchmal vor wie ein wandelnder Toter, ohne jedes Gefühl. Ich habe mich gefühlt wie ein Zombie, der morgens kaum aus dem Bett kommt und den Tag in einem Dämmerzustand verbringt.“

    Die ersten Anzeichen der Depression habe ich erst im Nachhinein als solche verstanden. Vor etwa 20 Jahren war ich mit meiner Familie im Urlaub. Alles war prima: das Wetter, das Ferienhaus, die Landschaft. Nur ich war innerlich abwesend und unglücklich, hatte an allem etwas auszusetzen und war ungerecht zu den Kindern. Ich habe allen den Urlaub verdorben. Ich fand alles schrecklich, obwohl ich gar nicht genau sagen konnte, warum.

    Ich war ständig beim Arzt

    Richtig krank wurde ich zwei Jahre später. In diesem Jahr saß ich permanent beim Arzt. Mir ging es einfach elend. Ich konnte nicht sagen, woran das lag. Die ganzen Beschwerden waren so unklar und ich konnte sie auch gar nicht richtig beschreiben.

    Ich bin selbstständig und die Sorgen um die Firma haben mich damals zunehmend belastet. Das war aber alles schon von den Depressionen beeinflusst, denn ich habe die Probleme aus heutiger Sicht unangemessen schwer genommen. Ich fühlte mich beeinträchtigt, niedergedrückt und habe alle möglichen Beschwerden wie Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und merkwürdige Körperempfindungen entwickelt.

    Das habe ich alles dem Arzt geschildert, der konnte damit aber nicht so recht etwas anfangen und hat mir empfohlen, dass ich mich entspannen und alles leichter nehmen soll. Es wurde aber immer schlechter und ich habe mir irgendwann eingebildet, schwer erkrankt zu sein, wie an Leukämie oder einem anderen Krebs. Der Hausarzt hat mich dann als hypochondrisch eingestuft. Er hat das alles ein wenig heruntergespielt und ich wurde zunehmend weniger von ihm ernstgenommen. Wobei ich immer noch der Meinung bin, dass er ein wirklich guter Arzt ist, der erfolgreich meine Familie betreut hat. Er hatte in meinem speziellen Fall nur nicht die richtige Idee.

    Die Diagnose war erleichternd

    Als er mal im Urlaub war, ging es mir so schlecht und ich habe mich an seine Urlaubsvertretung gewandt. Sie hat nach einem Gespräch mit mir gesagt, dass es sich für sie nach einer Depression anhört. Das hat mich zunächst erleichtert, weil ich einen Namen für meinen Zustand hatte. Ich habe ja gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Nun konnte ich mich darüber informieren und es war vom Tisch, dass ich an einer schweren körperlichen Erkrankung erkrankt sein könnte.

    Damals hatte ich die Hoffnung, dass die Depression mit ein paar Gesprächen beim Psychiater erledigt ist. Aber das war überhaupt nicht so. Mir ging es weiter zunehmend schlechter.

    Irgendwann bin ich zusammengebrochen

    Irgendwann konnte ich nicht mehr zur Arbeit gehen. Ich habe richtige Angst entwickelt und mich nicht mehr in der Lage gefühlt, meine Arbeit zu erledigen. Ich befürchtete, schwere Fehler zu machen und dachte, dass ich für so einen Job generell nicht gemacht bin und sowieso alles immer falsch gemacht habe. Ein paar Tage später konnte ich doch wieder in die Firma gehen. Das ging so sechs, acht Wochen und dann bin ich völlig zusammengebrochen. Ich konnte fast gar nicht mehr schlafen und hatte panikartige Zustände. Ich habe mich nicht mehr auf die Straße getraut. Meine Familie hat sich furchtbare Sorgen gemacht. Wir wussten nicht, was jetzt zu tun war. Uns fehlten Informationen. Es war auch sehr schwierig, einen Psychiater zu finden, der uns kurzfristig helfen konnte.

    Bei den meisten Psychiatern gab es Wartezeiten von mindestens vier Wochen. Ich bin dann an einen bei mir in der Nähe geraten, der einen Termin frei hatte. Das war ein nicht so schönes Erlebnis. Er hat eine Art neurologische Grunduntersuchung gemacht und mir gesagt, dass mit mir alles in Ordnung sei. Ich habe mir nur gedacht, dass das nicht sein kann. Dann hat er ein Medikament aus der Schublade geholt und gesagt, das sei etwas ganz Tolles und ich soll es 14 Tage nehmen. Ich hatte dann starke Nebenwirkungen und habe herausgefunden, dass dieses Medikament gar nicht offiziell auf dem deutschen Markt zugelassen war. Ich habe es abgesetzt und bin nicht mehr zu diesem Arzt gegangen. Freunde haben mich dann darauf hingewiesen, dass ich mich mal in einer Klinik vorstellen sollte.

    Es ging nicht mehr so weiter

    Die familiäre Situation ist in der Zwischenzeit eskaliert: Ich habe zwei Kinder, eins war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre, das andere zwölf Jahre. Wenn ich es so gegen 11 oder 12 Uhr geschafft hatte aufzustehen, war meine Frau schon von der Arbeit zurück und sehr ungehalten. Ich hatte dann Weinkrämpfe, die kamen automatisch und ich konnte nichts tun. Meine Tochter hat dann mitgeweint und der Sohn hat peinlich berührt in seinem Essen gestochert. Ich habe mir gesagt: „So geht das nicht weiter.“ Mein Partner in der Firma wollte auch wissen, wie es nun weitergeht und wann ich wiederkomme. Mir schien eine Einweisung in eine Klink am besten. Ich konnte damit in gewisser Weise nachweisen, dass ich krank bin und nicht arbeiten kann. Ich habe diesen Schutzraum gebraucht.

    Die Klinik als Schutzraum

    Ich war insgesamt 13 Wochen in der Klinik. Dort hat man mir geraten, Medikamente zu nehmen. Ich war jedoch der Meinung, die Depressionen sind ein persönliches Problem und das wollte ich nicht mit Medikamenten behandeln. Dann haben die Ärzte mich mit Schlafentzug behandelt. Das hat zunächst auch ganz gut funktioniert und mir ging es für ein paar Tage besser. Aber die Depressionen sind bei mir dadurch nicht weggegangen.

    Der Klinikaufenthalt war auch wichtig für die Strukturierung meines Alltags. Ich kann mich erinnern, in der Holzwerkstatt unter anderem einen Holzhubschrauber gebaut zu haben. Das kommt mir heute ein wenig absurd vor, da ich dazu eigentlich so gar keine Beziehung habe. Ich bin kein Bastler. Aber damals hat es ein Gefühl ausgelöst, dass ich doch noch etwas kann. Ich war vorher davon überzeugt, dass alle meine Fähigkeiten verschwunden sind. Das war eine Überzeugung, die sich bei mir richtig verfestigt hat.

    Aber nach 13 Wochen in der Klinik war ich soweit wiederhergestellt und bin direkt danach mit meiner Familie in den Urlaub gefahren. Das hat auch gut funktioniert. Wieder zu Hause war ich der Meinung, nun auch wieder arbeitsfähig zu sein. Aber innerhalb weniger Tage waren die Symptome wieder da. Ich habe es erlebt, als ob sich das Gehirn weigert, eine Leistung zu bringen. Ich konnte beispielsweise nicht mehr mit Zahlen umgehen. Ich war innerlich einfach blockiert. Und aus dieser Frustration kamen die alten Symptome wieder. Innerhalb weniger Tage war ich wieder dort, wo ich vor dem Klinikaufenthalt war. So ging es wieder nicht weiter.

    Irgendwann habe ich mich doch auf Medikamente eingelassen

    In die Klinik wollte ich nicht zurück. Ich habe mich dann entschlossen, mich mit Unterstützung meines neuen Psychiaters wieder langsam an den Alltag heranzutasten. Das hat auch funktioniert. Gute Tage wurden von schlechten abgelöst, manchmal konnte ich ein paar Tage nicht arbeiten und dann ging es wieder.

    Ich hatte großes Glück, selbstständig zu sein und einen sehr verständnisvollen Geschäftspartner zu haben. Wenn ich diese Situation auf ein normales Angestelltenverhältnis übertrage, dann kann ich mir gut vorstellen, in was für eine Situation Menschen da hineingeraten können. Immer dieser Wechsel von Krank- und Gesundschreibungen sorgt sicher bei manchen Arbeitgebern für Probleme.

    Ich habe mich dann doch irgendwann auf Medikamente eingelassen. Aber wirklich geholfen haben sie nicht. Ich konnte damals nicht mehr sagen, ob ich wieder gesund oder noch krank bin. Die ganz schweren Symptome waren verschwunden, aber einige Dinge haben noch gefehlt: Zum Beispiel habe ich mich früher sehr an der Natur gefreut, diese Freude war noch nicht wieder da. Das finde ich grundsätzlich gefährlich: Man ist so froh, dass das Schlimmste überstanden ist, aber man ist noch nicht richtig gesund und fängt an, sich in diesem Zustand einzurichten.

    Medikamente und ambulante Psychotherapie waren hilfreich

    Ich hatte das große Glück, einen Psychiater zu haben, der nicht locker gelassen hat. Er hat mir dann vorgeschlagen, ein anderes Medikament auszuprobieren. Und parallel eine Psychotherapie zu machen. Das neue Medikament hat richtig angeschlagen. Ich kann jetzt gar nicht sagen, was von den beiden Ansätzen mich letztlich gesund gemacht hat. In der Psychotherapie wurde auch eine ganze Reihe von problematischen Verhaltensweisen aufgedeckt, wie Perfektionismus, dass ich mir zu viel zumute und mich daran gewöhnen musste, mir auch Hilfe zu holen.

    Es wurde dann im Lauf der Zeit immer besser. Insgesamt hat es aber rückblickend mit vielen Hochs und Tiefs fast sechs Jahre gedauert, bis ich wieder völlig gesund war. Es war in diesen Jahren ein ständiges Auf und Ab, ein Wechsel von guten und schlechten Zeiten.

    Ich war wieder zurück im Leben

    Ich habe daran gemerkt, dass ich wieder völlig gesund bin, als ich wieder ganz normal mit dem Leben mitschwingen konnte. Meine sozialen Kontakte haben sich wieder intensiviert. Im Vergleich zurzeit vor der Erkrankung sind sie jetzt eigentlich viel intensiver geworden. Ich hatte plötzlich an ganz vielen Dingen wieder richtige, tiefe Freude. Ich war wieder aktiv, konnte die Natur erleben und genießen. Ich konnte mich auch wieder in andere einfühlen und Gespräche führen. In gewisser Weise hat mir die Erkrankung auch gutgetan. Ich habe Veränderungen durchgemacht, die ich sonst wohl nie durchgemacht hätte.

    Meine Erkrankung hat auch mit meiner Biografie zu tun. Meine Eltern haben sich scheiden lassen und ich war von klein auf mehr oder weniger auf mich allein gestellt. Ich hatte einen schlechten Stiefvater. Mein Leben war davon stark geprägt, ohne dass mir das bewusst war. Die Erkrankung hat mich dazu gebracht, solche Dinge aufzudecken und mich selber besser zu verstehen.

    In schweren Phasen: Gedanken, sich das Leben zu nehmen

    Während der schweren Phasen hatte ich auch Suizidgedanken. Es geht einem so schlecht und man ist so hoffnungslos. Ich kam mir manchmal vor wie ein wandelnder Toter, ohne jedes Gefühl. Ich habe mich gefühlt wie ein Zombie, der morgens kaum aus dem Bett kommt und den Tag in einem Dämmerzustand verbringt. Beispielsweise konnte ich über viele Monate nicht lesen. Das ist ein Zustand, in dem man eigentlich nicht leben möchte. Da kam mir schon der Gedanke, dass ich das ja nicht ewig aushalten muss, es gibt ja noch die Möglichkeit, dass ich mir das Leben nehme.

    Viele, ich denke mal fast alle Menschen, haben schon mal bei schwerem Liebeskummer oder ähnlichen Situation daran gedacht, dass man sich ja das Leben nehmen könnte. Ich finde, das ist ein Stück weit auch normal. Aber wenn diese Gedanken drängend werden, zu einer inneren Stimme werden, wenn man den Eindruck hat, dass alles keinen Sinn mehr macht, dass man für die Umwelt und die Familie nur noch eine Belastung ist und anfängt darüber nachzudenken, wie man sich am besten das Leben nehmen kann, dann wird es sehr gefährlich. Ich habe nie versucht, mir tatsächlich das Leben zu nehmen. Ich hatte immer ein kleines bisschen das Gefühl, dass meine Empfindungen und Gedanken nicht ganz real sind, dass ich krank bin und mich nicht wirklich umbringen möchte. Diese ganz schlimmen Zustände mit den Suizidgedanken hielten aber nur kurze Zeit an.

    Das soziale Leben aufrecht zu erhalten, war sehr schwer

    Alle sozialen Aktivitäten fand ich damals ausgesprochen anstrengend. Meine Frau amüsiert sich gern, geht gern auf eine Feier und hat Spaß. Für mich war das in meiner Krankheitsphase eine ausgesprochene Quälerei. Ich habe mit ihr schon vor den Feiern ausgemacht, wie lange wir bleiben. Sie hat das oft nicht verstanden und gedacht, ich habe keine Lust dazu, aber ich konnte das einfach nicht. Der Kontakt mit anderen Menschen war für mich wahnsinnig anstrengend. Ein normales Gespräch fließt ja eigentlich, da muss man normalerweise nicht nachdenken, was man im nächsten Satz sagen will. Bei einer Depression ist das quälend, weil dieses „Fließen“ überhaupt nicht stattfindet. Dadurch besteht die Gefahr, dass man sich noch mehr zurückzieht, vereinsamt und das Gefühl hat, kein liebenswerter Mensch zu sein und dass niemand einen mag.

    Ich konnte oft auch nicht in Kaufhäuser gehen, weil mich diese Vielfalt an Eindrücken erschlagen hat. Mir wurde schwindelig und schlecht davon. Ich hatte nur noch den Wunsch, an die frische Luft zu kommen.

    Meiner Frau fiel es schwer, sich in mich einzufühlen. Das war nicht immer einfach für uns. Aber ihr Pragmatismus hat mir gut getan. Es war uns damals nicht klar, ob ich jemals wieder arbeiten würde und da hat sie ihre Stunden auf der Arbeit erhöht und gemeint, es wird schon irgendwie gehen. Das hat sehr viel Druck von mir genommen.

    Sorge um die Kinder

    Meine Kinder haben sehr gelitten, besonders mein Sohn. Er hat das Ganze in seiner Musik verarbeitet. Wir haben versucht, mit den Kindern immer offen umzugehen. Wir haben ihnen erzählt, wie die Diagnose heißt und dass es eine Krankheit ist. Manchmal habe ich den Kindern auch aus Broschüren zu der Erkrankung vorgelesen. Für die Angehörigen ist es ja sehr schwierig ein Verständnis dafür zu bekommen, was gerade mit einem los ist.

    Ich hatte immer große Sorgen, dass die Kinder denken könnten, dass ich sie nicht mehr liebe. Wenn man nicht mehr in der Lage ist, sich für die Dinge der Kinder zu interessieren, etwas mit ihnen zu unternehmen, auf sie einzugehen, entwickelt man solche Gedanken. Ich war total verzweifelt darüber, hatte Schuldgefühle und habe mich gequält. Was mir geholfen hat, war der offene Umgang mit der Erkrankung auch den Kindern gegenüber.

    Ich fand auch die Offenheit im Freundeskreis wichtig. Auch wenn es da bei einigen zu merkwürdigen Reaktionen kam: Sie wollten dann mit einem wie mir nichts mehr zu tun haben und haben das auch ganz offen gesagt. Man kann dadurch Menschen verlieren, aber hinterher fragt man sich, ob der Verlust am Ende so groß war. Dadurch lernt man seine Freunde erst richtig kennen.

    Die Medikamente begleiten mich

    Die Medikamente nehme ich immer noch ein. Vor etwa zwei Jahren habe ich mich entschieden, mal zu prüfen, ob ich die Tabletten noch brauche und habe sie abgesetzt. Zunächst ging das sehr gut. Es hat sich durch das Absetzen erst mal nichts verändert: Weder ist mein Zustand schlechter noch besser geworden. Aber etwa ein dreiviertel Jahr später war ich im Urlaub außerhalb Europas und ich vermute, dass ich auch durch die Verschiebung der Schlafphasen innerhalb weniger Stunden wieder voll in der Depression war. Ich saß im Hotelzimmer und habe geheult und wollte nicht vor die Tür gehen, weil mir alles bedrohlich erschien. Ich hatte Angst, mich an diesem fremden Ort nicht zurechtzufinden. Anschließend habe ich etwa acht Wochen gebraucht, um wieder den Zustand vor Absetzen der Medikamente zu erreichen.

    Gott sei Dank hat das alte Medikament wieder angeschlagen. Das ist nicht immer so. Ich habe erst dadurch wirklich begriffen, dass Depressionen auch eine körperliche Erkrankung sind. Im Gehirn läuft da etwas nicht rund. Jetzt nehme ich die Medikamente wieder regelmäßig wie verordnet. Ich vertrage die Medikamente sehr gut und habe keine Nebenwirkungen. Meine Ärztin verschreibt mir die Tabletten und wir machen regelmäßig Blutuntersuchungen, um zum Beispiel die Leberwerte zu kontrollieren.

    Zum Arzt zu gehen, wenn man den Verdacht auf eine Depression hat, ist oft sehr schwer. Manchmal hilft es aufzuschreiben, wie es einem geht, wie man sich fühlt, welche Sorgen man hat, wie man schläft. Wenn man es nicht erzählen kann, kann man das Aufgeschriebene seinem Arzt geben. Es ist oft schwierig, beim Arzt in Worte zu fassen, wie es einem geht, und der Arzt kommt dann manchmal nicht auf die richtige Idee. Weiter finde ich es sehr wichtig, mit dem Partner und den Freunden darüber zu reden. Und nicht zu versuchen, schwer depressive Zustände auszuhalten. Es muss darüber gesprochen werden, denn nur dann kann man sie behandeln.

    Ich finde es sehr schön ausgedrückt, wenn man Depressionen als eine Erkrankung der „Losigkeiten“ ausdrückt: Hoffnungslosigkeit, Gefühllosigkeit und so weiter. Es fehlt einem wirklich alles: die Fähigkeit, sich an etwas zu erfreuen und die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen, ist teilweise völlig verlorengegangen. Man lebt in einer grauen, bedeutungslosen, unattraktiven Welt. Ich habe oft gehört: „Was hat er denn, er hat einen Beruf, verdient ausreichend Geld, hat eine attraktive Frau, zwei tolle Kinder, eine Doppelhaushälfte, ein Auto – was will er denn?!“ Viele glauben, Depressionen sind eine Sinnkrise. Das ist schräg und völlig daneben. Depressionen sind auch eine körperliche Erkrankung. Durch die Depression verliert man das Gefühl und damit alles, was einem das Leben schön macht.

     

    Danksagung

    Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

    Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

    Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

    Depression - Erfahrungsbericht - Petra

    „Jede Bewegung war unendlich anstrengend und hat sich angefühlt, als wenn ich durch eine zähe Suppe laufe.“

    Petra, 46 Jahre

    „Jede Bewegung war unendlich anstrengend und hat sich angefühlt, als wenn ich durch eine zähe Suppe laufe.“

    Die ersten Anzeichen einer Depression liegen bei mir schon lange zurück. Da war ich 17 oder 18 Jahre alt. Jetzt bin ich 46 Jahre. Ich habe diese Anzeichen damals aber nicht mit einer Erkrankung in Verbindung gebracht.

    Meine schulischen Leistungen wurden immer schlechter

    Ich war in der Schule immer eine gute bis sehr gute Schülerin. Ab etwa der 10. Klasse habe ich aber gemerkt, dass es mir immer schwerer fiel zu lernen und mich zu konzentrieren. Ich bin leistungsmäßig stark abgesackt, habe mich überfordert gefühlt und konnte mir das überhaupt nicht erklären. In der anschließenden Ausbildung lief dann wieder alles ganz gut und ohne Probleme. Dann trat ich mein Studium an und die Anzeichen kamen wieder. Ich habe die Anforderungen meines Lebens damals nicht mehr auf die Reihe bekommen. Es wurde mir alles zu viel. Auch zu Hause. Manchmal habe ich ohne Grund angefangen zu weinen, richtig heftig zu weinen. Heute würde ich das als viele kleine Nervenzusammenbrüche bezeichnen. Nach einer gewissen Zeit habe ich mich aber immer wieder gefangen und konnte mein Studium abschließen.

    Ich habe gedacht, dass ich mich nur zusammenreißen muss

    Nach dem Studium musste ich mir eine Arbeitsstelle suchen. Ich saß jedoch monatelang bei mir zu Hause auf dem Sofa und habe Löcher in die Luft gestarrt. Ich habe es nicht geschafft, mich zu bewerben. Mein damaliger Freund hat gearbeitet und ich habe zu Hause gesessen. Ich habe damals nicht gedacht, dass ich krank sein könnte. Ich hatte eher den Eindruck, dass ich nicht richtig funktioniere, nicht so wie die anderen. Ich habe dann wieder irgendwann allein die Kurve gekriegt: Bin aus dem Loch rausgekommen, habe mich beworben, eine Stelle bekommen und war wieder im ganz normalen Leben. Aber auch in den guten Zeiten kam ich mir anders vor als Freunde und Kollegen, hatte vor allem weniger Energie. Und ich bin immer wieder in solche tiefen Löcher gefallen.

    Einmal war der Freund einer Bekannten an einer schweren Depression erkrankt und war in Therapie. Ich habe diese Bekannte gefragt, ob ich so etwas auch haben könnte. Sie meinte dann nur: „Nee, du doch nicht. Du musst dich nur mal zusammenreißen.“ Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Aber ich habe ihr das geglaubt. Diese Erfahrung hat sich tief in mich eingegraben und hat es mir viele Jahre schwer gemacht, Hilfe zu holen.

    Ich bin dann auch körperlich erkrankt. Ich bekam in Lebenskrisen immer eine Augenentzündung. Die Ärzte haben mich auf den Kopf gestellt und keine Ursache gefunden. Aber immer, wenn in meinem Leben etwas nicht stimmte, kam die Entzündung zurück.

    Gute Phasen wechselten sich mit schlechten Phasen ab

    Diese depressiven Phasen wechselten sich mit guten Phasen ab. Ich bin oft so zwei, drei Jahre gut zurechtgekommen. Und dann gab es Zeiten, wo ich über Monate nicht klarkam. Nach einer Trennung von meinem damaligen Partner bin ich dann tatsächlich zu einem Psychiater gegangen, nachdem ich in Heulkrämpfen zusammengebrochen bin und wie gelähmt war. Mir war klar, dass das kein normaler Trennungsschmerz mehr war. Der Arzt sprach zum ersten Mal von Depressionen und einer Therapie, aber ich bekam Angst, wollte das nicht und bin nicht mehr hingegangen. Ich saß zu Hause wie ein Häufchen Elend. Erinnerungen kamen hoch. Ich wusste, was in meiner Kindheit und Jugend schief gelaufen war und habe einen Deckel draufgehalten. Ich habe damals gedacht, wenn dieser Deckel ein klein wenig angehoben wird, dann läuft es über und überschwemmt mich. Ich wollte das damals nicht und habe beschlossen, alleine damit klarzukommen.

    Einige Jahre später hatte ich bei der Arbeit einen großen Konflikt mit meinem Chef. Er übertrat eine Grenze und in mir zerbrach etwas. Ich bin nach diesem Konflikt immer wieder körperlich krank geworden, hatte zum Beispiel immer wieder Infekte. Ich war richtig von der Rolle. Zu Hause habe ich aber nicht gewusst, was ich machen soll und war nach Urlauben und Krankschreibungen froh, wieder arbeiten gehen zu können. Aber ich fing an, im Beruf Flüchtigkeitsfehler zu machen, habe Aufgaben nicht rechtzeitig fertigbekommen, habe mich total überfordert gefühlt und war sehr unkonzentriert.

    Der Gedanke depressiv zu sein, fühlte sich jetzt „richtig“ an

    Die Situation auf der Arbeit spitzte sich weiter zu. Ich bin dennoch die ganze Zeit zur Arbeit gegangen und habe ständig gedacht: „Ich muss funktionieren, kann doch die Kollegen nicht im Stich lassen!“ Ich bekam dann noch eine unberechtigte Abmahnung und hatte keine Kraft, mich dagegen zu wehren. In dieser Phase hat mich ein Freund angesprochen, ob ich eventuell Depressionen habe. Da hatte ich das Gefühl, dass er Recht haben könnte. Es fühlte sich „richtig“ an und ich habe mir gesagt, dass jetzt endlich etwas passieren muss und ich mir Hilfe holen muss.

    Ich habe dann nach einem Therapeuten gesucht. Bei mir im Ort war das nicht so schwer. Im ersten Gespräch habe ich Rotz und Wasser geheult. Ich war völlig durch den Wind, da Dinge angesprochen wurden, die ich mein ganzes Leben zugedeckelt hatte. Ich habe gedacht, ich rutsche ab und bekomme das nicht bewältigt und hatte das Gefühl, dass es nicht für mich passt. Aber ich habe auch gedacht, eine Therapie muss so sein.

    Ich hatte nach den ersten Gesprächen wieder einen Zusammenbruch und habe stundenlang geweint und gezittert, so schlimm, dass ich da nicht mehr rauskam. Mein Freund hat dafür gesorgt, dass ich zum Arzt gehe und ich wurde krankgeschrieben. Dann habe ich wie gelähmt und betäubt zu Hause gesessen. Jede Bewegung kostete unendlich viel Kraft. Ich habe wirklich auf dem Sofa gesessen und mich nicht bewegt. Jede Bewegung war unendlich anstrengend und hat sich angefühlt, als wenn ich durch eine zähe Suppe laufe. Da war mir manchmal der Weg in die Küche, um mir etwas zu trinken zu holen, zu weit. Einkaufen war ein Projekt für den ganzen Tag. Mehr habe ich nicht geschafft. Das ging mehrere Wochen so. In dieser Zeit kündigte mir auch mein Arbeitgeber, was im Grunde nur eine große Erleichterung war.

    Ich habe die richtige Therapeutin für mich gefunden

    Ich habe dann die Therapie bei meiner ersten Therapeutin abgebrochen und aufgrund der Empfehlung eines Freundes Kontakt zu einer anderen Therapeutin gesucht. Im Erstgespräch wusste ich sofort: Sie ist es. Ich hatte gleich Vertrauen zu ihr. Es ging mir aber inzwischen so schlecht, dass meine Hausärztin mich erstmal in eine Klinik eingewiesen hat. Ich war drei Monate in dieser Klinik. Dort habe ich den Deckel aufgemacht und die ganzen Belastungen aus der Kindheit und Jugend rausgelassen. In der Klinik habe ich das erste Mal darüber gesprochen und es zugelassen. Mir wurde das erste Mal überhaupt klar, dass ich traumatisiert bin. Nach der Entlassung begann ich dann die ambulante Therapie.

    Ich war später auch noch ein zweites Mal für zwei Monate stationär in einer Klinik. Es fing damals wieder mit den Symptomen an, dass ich mich fehl an meinem Platz gefühlt habe, unkonzentriert und überfordert war. Bei diesem zweiten Aufenthalt habe ich mich weiter intensiv mit meiner Geschichte auseinandergesetzt und bekam langsam wieder Boden unter den Füßen.

    Ich war insgesamt sehr lange krankgeschrieben, die akute Krankheitsphase mit der Diagnose schwere Depression dauerte zwei Jahre. Dabei waren auch drei Monate in einer Tagesklinik, weil ich mit einer Therapiestunde pro Woche nicht zurechtkam.

    Über die Tagesklinik wurde mir eine berufliche Rehabilitation vermittelt und nach zwei Jahren Krankschreibung und zwei Jahren medizinisch-beruflicher Rehabilitation konnte ich wieder anfangen, zu arbeiten. Aber Vollzeit arbeiten geht nicht mehr, dazu fehlt mir einfach die Kraft. Ich arbeite seitdem in Teilzeit und bin teilberentet.

    Ich bin wieder lebensfähig

    Ich bin jetzt aus der akuten Depression schon länger heraus und wieder lebensfähig. Ich mache heute eine zweite, analytische Therapie mit einer Traumatherapie und lerne, mit meiner Familiengeschichte zu leben. Ein wichtiges Thema für mich ist, Grenzen zu setzen und auf mich zu achten. Wenn andere auf mich zukommen und nach Hilfe fragen, fällt es mir immer noch sehr schwer, das auch mal abzulehnen. Es ist auch nach wie vor eine Aufgabe für mich, zu akzeptieren, dass ich leistungseingeschränkt bin und viele Pausen brauche. Man vergleicht sich immer mit anderen, aber es ist wichtig, dass man „bei sich bleibt“.

    Ich habe auch mal eine verhaltenstherapeutische Psychotherapie ausprobiert. Das war irgendwie nicht das Richtige für mich. Die tiefenpsychologische Therapie fühlte sich für mich und meine Lebensgeschichte besser, passender an. Ich musste mich schon an die Tiefe der Gespräche gewöhnen. Aber ich habe gemerkt, dass dies ein Weg ist, an den für mich wichtigen Lebensthemen und an meiner Lebensgeschichte zu arbeiten. Das ist ein langer Weg. Aber ich kann schon viel besser Grenzen setzen. Und wenn ich es schaffe, dann bin ich immer stolz auf mich!

    Medikamente sind nach wie vor unverzichtbar für mich

    Ich nehme auch Medikamente. Die Antidepressiva haben mich damals überhaupt erst in die Lage versetzt, eine Therapie machen zu können, gesprächsfähig zu sein. Ich brauche die Medikamente auch heute noch. Wenn ich mal vergesse, die Tabletten zu nehmen, spüre ich das. Ich ziehe mich dann immer mehr zurück und alles wird zu viel. Für mich ist klar: Ich brauche die Medikamente und muss sie regelmäßig nehmen. Ich habe keine schlechten Erfahrungen mit Nebenwirkungen, bis auf den Umstand, dass ich etwas zugenommen habe. Aber das ist für mich nicht wirklich schlimm.

    Depressionen haben nichts mit Zusammenreißen zu tun

    Depressionen haben nichts mit Zusammenreißen zu tun. Depressionen können jeden treffen. Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen. Ich erzähle nicht jedem von meiner Erkrankung. Aber wenn es die Situation für mich erforderlich macht, dann stelle ich klar, warum ich etwas nicht machen kann. Das kann sicher auch mal nach hinten losgehen, aber bisher habe ich immer Glück gehabt. Es wurde bisher immer akzeptiert und dann war oft der Umgang miteinander leichter. Bei meiner aktuellen Arbeitsstelle habe ich ein Riesenglück mit meinem Chef und meinen Kollegen. Mir wird großes Verständnis entgegengebracht. Es ist zum Beispiel meist kein Problem, wenn ich kurzfristig ein paar Tage Urlaub brauche, weil ich merke, dass es zu viel wird.

    Es gab Zeiten, da habe ich keine Zukunft für mich gesehen. Mein Leben bestand aus den nächsten drei Tagen, weiter zu denken hat mir Angst gemacht. Ich war nie akut suizidal, aber der Gedanke war schon da, oft auch täglich. Wenn die Gedanken, mir das Leben zu nehmen, stärker wurden, habe ich mir Hilfe gesucht. Zum Beispiel bin ich zu meiner Ärztin gegangen oder habe auch mal bei der Seelsorge angerufen. Diese Gespräche haben mir aus meinem Tunnel und den Gedankenkreiseln herausgeholfen.

    Die schönen Momente werden mehr, die Freude kommt wieder

    Durch die Behandlung merke ich, wie es mir wieder besser geht und ich wieder Freude an Dingen spüre. Ich bin früher viel geritten. Und ich kümmere mich jetzt wieder um ein junges Pferd. Das macht mir richtig Freude. Und diese Freude hat in meinem Leben sehr lange gefehlt. Ich wusste gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, wenn das Leben schön ist. Ich habe aber auch noch große Angst, dass es wieder so schlimm wird wie damals. Wenn es einem mal so extrem schlecht ging, vergisst man das nicht so leicht und es dauert lange, bis sich wieder Vertrauen in sich selbst aufbaut. Aber durch das in der Therapie Erlernte bin ich zuversichtlich.

    Meine Diagnose lautete zuerst: wiederkehrende Depression. Mit der Zeit ist die Depression bei mir chronisch geworden. Aufgrund meiner Lebensgeschichte habe ich zusätzlich zur Depression auch eine posttraumatische Belastungsstörung und eine abhängige Persönlichkeitsstörung.

    Ich finde es wichtig, dass sich Menschen trauen, Hilfe zu holen. Das kostet unendlich viel Kraft und Mut. Und Therapie ist auch richtig harte Arbeit. Wenn man zu einem Psychiater oder Psychotherapeuten gehen möchte, dann hat man in der Regel etliche Wochen Wartezeit. Aber man darf da nicht aufgeben. Manchmal rutscht man irgendwo dazwischen. Notfalls kann man auch jemand anderen bitten, einen Termin für sich zu vereinbaren. Und man braucht manchmal etwas Zeit, bis man den Therapeuten findet, bei dem man sich aufgehoben fühlt. Es kann sein, dass man Geduld und einen langen Atem braucht, bis man den findet, der passt.

    Eine Möglichkeit der zusätzlichen Unterstützung ist eine Selbsthilfegruppe. Eine Psychotherapie ist ja irgendwann zu Ende oder in der Zeit, in der man auf einen Therapieplatz oder einen Termin bei einem Psychiater oder Psychotherapeuten wartet, tut manchen Menschen eine Selbsthilfegruppe gut. Es kann schon ein wenig Überwindung kosten, den ersten Kontakt zu einer solchen Gruppe aufzunehmen. Aber man ist da unter Menschen, die das Problem genau kennen und einen verstehen.

    Wie offen man mit seiner Erkrankung umgeht, ist eine ganz individuelle Sache. Das muss jeder für sich entscheiden. Ich habe für mich den Weg der Offenheit gewählt und komme damit sehr gut zurecht.

     

    Danksagung

    Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

    Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

    Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

     

    Depression - Erfahrungsbericht - Renate

    „Als klar war, dass ich Depressionen habe, war ich erst mal platt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte mein schlechtes Befinden ja immer auf meinen Körper und mein Übergewicht geschoben.“

    Renate, 62 Jahre

    „Als klar war, dass ich Depressionen habe, war ich erst mal platt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte mein schlechtes Befinden ja immer auf meinen Körper und mein Übergewicht geschoben.“

    Irgendwann habe ich gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Ich habe mich sehr zurückgezogen und fühlte mich wie das letzte Rad am Wagen. Ich war regelrecht in mich eingeschlossen. Nur meine Arbeit hat mir eine gewisse Tagesstruktur gegeben und ich war dadurch abgelenkt. Das Ganze habe ich lange Zeit auf mein Übergewicht geschoben.

    Nach einem heftigen Traum habe ich mich entschieden, dass etwas passieren muss. Ich habe mich mit einem Kollegen darüber unterhalten und er hat mir einen Therapeuten empfohlen. Auch meine Schwester hat mir geraten, dort anzurufen.

    Der erste Schritt fiel mir schwer

    Aber ich war sehr gehemmt und ein wenig ängstlich. Ich konnte mich nicht zu einem Anruf aufraffen. Dann hat das meine Schwester für mich gemacht. Aber der Therapeut sagte zu ihr, dass ich schon selber anrufen müsste. Das habe ich auch gemacht, weil ich wusste, dass meine Schwester nicht locker lassen würde. Ich habe in der Praxis angerufen und lange mit dem Therapeuten gesprochen und letztendlich einen Termin mit ihm vereinbart.

    Vor diesem Termin war ich sehr nervös. Zu Beginn sollte ich ihm erzählen, warum ich zu ihm gekommen bin. Da fiel mir erst mal gar nichts dazu ein, bis auf mein Übergewicht. Ich wusste ja eigentlich selbst nicht, was mit mir los war. Ich war sehr angespannt, aber er ging sehr einfühlsam mit mir um. Zu Beginn hatte ich zweimal pro Woche einen Termin, später dann einmal pro Woche, dann vierteljährlich.

    Therapie bedeutet auch, aktiv an sich zu arbeiten

    Der Therapeut hat von Beginn an deutlich gemacht, dass nicht er, sondern ich in der Therapie die Hauptarbeit leisten muss. Ich bekam auch Hausaufgaben.

    Beispielsweise hatte ich mich damals fast komplett sozial zurückgezogen und ich sollte wieder üben, auf Menschen zuzugehen. Das habe ich wieder nach und nach gelernt.

    Ich habe oft nach den Sitzungen daheim den PC angemacht und aufgeschrieben, wie ich mich gefühlt habe. So konnte ich am besten formulieren, was mich belastet. Das tat mir gut. Die Zettel habe ich immer zur Therapie mitgenommen und wir haben darüber gesprochen.

    Gedanken, das Leben zu beenden

    Damals hatte ich manchmal, wenn ich aus dem Fenster schaute oder wenn ich auf der Straße ging, das Bedürfnis in ein Haus zu gehen, in den obersten Stock und durch das Fenster zu gehen. Meine Eltern lebten damals noch und an sie habe ich in diesen Augenblicken immer gedacht. Ich habe mich innerlich gegen diese Gedanken gewehrt. Ich wollte das ja eigentlich nicht. Aber diese Anziehungskraft war enorm. Darüber habe ich lange mit meinem Therapeuten gesprochen. Das hat mir gutgetan.

    Ich nehme auch Psychopharmaka: täglich jeden Morgen eine und eine zur Nacht. Wir mussten die Dosis ein wenig anpassen, aber jetzt klappt das gut.

    Depressionen begleiten mich schon länger

    Ich denke, dass ich seit den 80er Jahren Depressionen habe. Vielleicht auch schon länger, aber da war es nicht so auffällig. Ich hatte es nie kontinuierlich, sondern immer in Schüben. In der ersten Zeit hauptsächlich im Winter. Wenn ich es im Sommer hatte, dann hat es nicht so lang gedauert, bis ich wieder darüber hinweg war. Sonst dauern die Schübe etwa von November bis Februar. Im Sommer dauern sie eher etwa acht Tage oder längstens mal drei Wochen. Der längste Schub war etwa ein dreiviertel Jahr. Ich muss immer damit rechnen, dass die Depressionen wiederkommen, aber ich versuche dagegen zu steuern. Aber der letzte Winter war der erste Winter seit Langem, in dem ich keine Depressionen hatte.

    Ich merke es, wenn die Depressionen wiederkommen. Wenn ich mir nichts mehr zu essen mache, dann weiß ich: Es geht wieder los. Dann koche ich nicht mehr, habe kein Interesse mehr am Essen und esse zu viel Süßes. Irgendwann mache ich nichts mehr im Haushalt. Ich bin einfach zu müde und erschöpft. Ich zwinge mich so lange wie es geht rauszugehen, weil mir das Licht guttut. Wenn es schlimmer wird, dann schotte ich mich mehr ab, lasse auch die Rollos unten.

    Aktiv zu bleiben und Termine zu setzen, hilft mir

    Ich bin chronische Schmerzpatientin. Wenn es mir körperlich schlecht geht, dann belastet mich das psychisch sehr. Wenn ich Depressionen habe, helfen mir so Eckpfeiler in meinem Leben wie Termine bei der Krankengymnastik, Einkaufen oder Arzttermine. Dadurch komme ich raus. Beim Einkaufen kaufe ich nicht alles auf einmal ein, sondern hole mir jeden Tag, was ich brauche. Dadurch muss ich täglich rausgehen. Ich versuche, mich regelmäßig mit Bekannten und Freunden zu treffen oder zu telefonieren. Das ist mir sehr wichtig und das Reden hilft mir.

    Wenn mich jetzt etwas ärgert, dann fresse ich das nicht mehr wie früher in mich hinein, sondern kläre das gleich. Ich habe auch autogenes Training gelernt. Das tut mir gut.

    Ich finde es schön, sich etwas vorzunehmen: mit Freunden in den Zoo zu gehen, sich mit ehemaligen Kollegen in der Stadt zum Kaffeeklatsch zu treffen oder Nordic Walking zu machen. Ich habe immer etwas zu tun. Ich kümmere mich um den Gemeinschaftsgarten. Manchmal fällt mir das schwer mit meinen Schmerzen, aber ich sehe immer zu, dass ich das schaffe. Das hilft mir auch bei depressiven Gedanken. Ich versuche bei schönem Wetter draußen im Garten zu frühstücken, um morgens schon Licht zu bekommen und die Ruhe zu genießen.

    Man sollte keine Hemmungen haben, zum Therapeuten zu gehen. Und wenn man sich mit dem Therapeuten nicht versteht, dann hat man die Möglichkeit zu wechseln. Aber man muss sich schon in die Therapie einbringen. Die Therapeuten können das Problem nicht allein lösen. Eine Therapie ist keine Kaffeestunde. Man muss an sich arbeiten und es klingt komisch, aber die Therapie sollte auch Freude machen. Ab und zu mal ein Lachen, das tut einfach gut.

    Als klar war, dass ich Depressionen habe, war ich erst mal platt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte mein schlechtes Befinden ja immer auf meinen Körper und mein Übergewicht geschoben. Ich habe die Depressionen jetzt als einen Teil meines Lebens akzeptiert und versuche das Beste daraus zu machen.

     

    Danksagung

    Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

    Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

    Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.