Familienherausforderung Corona – Expertentipps zum Umgang

Die promovierte Diplompsychologin Dr. rer. nat. Meike Bentz gibt im Interview mit der BKK Melitta Plus wichtige Tipps für Eltern im Umgang mit Ihren Kindern und sich selbst in Zeiten von Corona.

 

Inwiefern unterscheiden sich die Sorgen und Nöte von Eltern,  im Vergleich zu der Zeit vor Corona?
Die Nachfrage nach dem Beratungsangebot ist allgemein gestiegen. Die Sorgen und Nöte sind aber unverändert. Was anders ist, ist die Dringlichkeit. Die Familien stehen unter einem hohen Druck, da Corona eine besondere und auch schwierige Situation darstellt. Bei vielen Familien, so der Eindruck, ist einfach die Luft raus und die Situation hat sich zugespitzt. Es wird schneller zum Telefon gegriffen, eine E-Mail oder WhatsApp geschickt. Es herrscht hoher Handlungsdruck sich Unterstützung zu holen.

 

Leiden Kinder unter Corona?
Je kleiner das Kind, desto schwieriger kann es sich von den Eltern abgrenzen. Das bedeutet im Umkehrschluss, wenn die Eltern leiden, leidet auch das Kind. Wie sehr, ist abhängig davon wie eine Familie damit umgeht. Nicht Corona an sich ist das Problem, sondern die Frage, wie gut wird diese Krise gemeistert bekommen! Andererseits: Jüngere Kinder brauchen weniger - ein Jugendlicher wird unter dieser Situation, selbst wenn es zu Hause unter Corona einigermaßen gut klappt, extrem darunter leiden, dass er/sie seine Freunde nicht sehen/treffen oder nicht auf Partys gehen kann. Ein zweijähriges Kind ist dagegen einfach zufrieden wenn es seine Eltern sieht und im Alltag mitlaufen kann.


Die große Sorge von Fachleuten ist jedoch, dass der Wegfall der Kita oder Präsenzpflicht an Schulen, für Kinder, die von häuslicher Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch bedroht sind, eine Schutzone wegfällt. Hier gibt es leider erste Hinweise, dass hier die Zahlen steigen. Es ist übrigens falsch zu glauben, dass nur bestimmte Familien aus z. B. schwierigen sozialen Verhältnissen leiden. Es zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten!

               

Was wären solche Schutzzonen?      
Als wichtigsten Faktor sehe ich eine gute Eltern-Kind-Bindung. Das heißt wenn Eltern liebevoll, zuverlässig und feinfühlig mit dem Kind umgehen ist das ein hoher Schutzfaktor. Das bedeutet aber nicht, dass es zu Hause immer Krisen-, Stress- oder Konfliktfrei sein muss. Eine solide Eltern-Kind-Bindung verträgt sowas auch.


Am wirksamsten ist es, Strukturen zu schaffen. Der Wegfall vorheriger Strukturen macht es ja gerade so anstrengend. Struktur hilft sowohl Kindern -  Kleinkindern besonders - aber auch den Erwachsenen. Sie dient der Orientierung und schafft Ressourcen für die schönen Dinge und führt dazu, dass der Alltag mit Kindern entspannter wird. Wie die Strukturen dabei aussehen, ist erst einmal egal. Wichtig ist es, dass es eine Struktur gibt. Und das ist eine Mammutaufgabe! Gerade wenn ein Tag auch mal nicht so gut lief, können Abendrituale bei einem schönen Ausklang in dieser Situation mehr an Bedeutung gewinnen. Es kann ein wichtiger Ankerpunkt für Kinder sein.


 Eltern dürfen auch bereits bei jungen Kindern offen kommunizieren wie es ihnen geht. Kinder sind sehr feinfühlig was Stimmung  und Mimik angeht. Wenn es einem nicht gut geht, irritiert es Kinder, wenn Erwachsene dies hinter einem Lächeln versuchen zu verstecken und nicht darüber reden. Es macht daher auch nichts, wenn man Kindern mal sagt, dass man  z. B. gerade gestresst ist oder nicht so gut drauf ist. Hier geht es natürlich nicht darum den ganzen seelischen Ballast bei den Kleinen abzuladen, aber es ist durchaus hilfreich so einen beigleitenden Dialog zu führen. Umgekehrt hilft es Kindern, wenn ihre Gefühle von den Eltern zurückgespiegelt werden, denn sie müssen ja noch lernen, diese einzuordnen. Gleichzeitig lernen Kinder so, dass es keine „richtigen“ oder „falschen“ Gefühle gibt, nur bessere oder schlechtere Lösungen. Auch das nimmt Druck.

 

Wie schätzen Sie es als Expertin ein: Wird Corona Spuren bei unseren Kindern hinterlassen?
Ist sehr spannend und kann pauschal so noch nicht beantwortet werden. Das wird viele Experten noch beschäftigen.

Für viele Familien ist das eine neue und herausfordernde Situation. Es hängt vieles davon ab, wie eine Familie mit der aktuellen Situation umgeht. Holt man sich rechtzeitig Hilfe? Hat man entsprechende Unterstützungsmöglichkeiten? Wie sieht es finanziell aus? All diese Dinge nehmen Einfluss darauf, bei welchen Kindern wir einen Einfluss sehen und wie lange wir diesen sehen.

 

Nahezu alle nicht medizinisch notwenigen Angebote für Kinder fallen weg, fehlt da geistige Anregung?
Das ist eine häufige Sorge und auch schon öfter an mich herangetreten worden. Die ganzen Angebote über Kinderturnen, PEKiP, Kinderschwimmen oder tanzen sind tolle Angebote und bieten Kindern sowie Eltern gute Möglichkeiten sich zu treffen, sich auszutauschen und einfach eine schöne Zeit zu haben.

Dieses riesige Angebot suggeriert aber auch, dass man ohne diese Dinge sein Kind nicht mehr groß bekommt – das ist aber einfach falsch!

Für jüngere Kinder, reicht es schon aus, wenn man sich mit dem Kind beschäftigt, mit ihm spricht, vorliest, in die Natur raus geht oder auch mal zusammen kocht. Um gesund groß zu werden brauchen Kinder nicht dieses Überangebot. Im Gegenteil: es sorgt häufig bei Eltern und Kind für unnötigen Druck.

Bei Schulanfänger hingegen macht es durchaus Sinn, sich mit den Erziehern in Verbindung zu setzen, um auch Materialien zu bekommen, um ohne Druck, zu üben. Man merkt an den Reaktionen des Kindes ob es passt oder nicht. Das junge Hirn holt sich das, was es braucht.

 

Wie wirken sich die fehlenden Sozialkontakte aus? Könnte die virtuelle Kommunikationsmöglichkeiten eine alternative Lösung sein?
Klar, soziale Kontakte sind wichtig. Kinder lernen so wie ein miteinander funktioniert. Wie man Konflikte bewältigt, aber auch ganz grundlegende Dinge wie Frustationstolleranz. So lernen sie auch sich an Regeln zu halten oder wie man Freundschaften aufrechterhält.

Je jünger ein Kind ist,  desto mehr sind die Eltern die wichtigsten Sozialpartner. Das galt auch übrigens schon vor Corona. Das heißt ein ganz kleines Kind wird hier erst mal nicht leiden. Diese Sorge kann man den Eltern nehmen.

Für ältere Kinder ist die Videotelefonie sicher kein Ersatz für soziale Kontakte, aber eine gute Möglichkeit den Alltag anzureichern. Die Großeltern freuen sich indes auch über einen Anruf. Hier kann man gut zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Wenn für einen gewissen Zeitraum nicht alles optimal läuft, muss das nicht gleich ein Defizit oder Schaden für das ganze Leben bedeuten. Hier kann eine Menge wieder aufgeholt werden! Dort wo der Alltag einigermaßen funktioniert und da muss er nicht perfekt sein, würde ich mir keine Sorgen machen.

 

Ist Langeweile ein Problem? Und wie können Eltern damit umgehen?
Ich persönlich bin ein großer Fan von Langeweile. Langeweile ist total wichtig, weil Kinder dadurch einfach lernen eigene Wege zu gehen und ihre Kreativität entdecken. Sie sind gefordert sich selbst zu beschäftigen.

Eltern müssen lernen das kurze Nörgeln des Kindes auszuhalten. Denn die Langeweile bleibt nicht lange bestehen. Kinder sind in der Regel in der Lage, wenn sie nicht dauernd bespaßt sind oder es verlernt haben sich zu beschäftigen, sich was zu suchen. Man fördert dadurch das selbstbestimmte Lernen, was ich für sehr Wertvoll halte.

Das heißt, dass bei Kindern gerade das was für die geistige Entwicklung wichtig ist, automatisch in den Fokus rückt. Kein Kind wird sich durch sein eigenes Spielen unter- oder überfordern.

Ich rate daher allen, diese Momente der Langeweile als Chance für Entwicklung zu begreifen und sie nicht absterben zu lassen durch ein Überangebot an Spielzeug, an Beschäftigung oder Aufmerksamkeit. Die Erfolgserlebnisse, die das Kind dadurch erlebt, sind viel nachhaltiger.

Ein Kind darf sich langweilen, denn wenn es sich langweilt, will es irgendwann aus diesen Zustand raus und wird, wenn ich es in diesem Zustand lasse, eigene Lösungen finden. Es ist eine tolle Entwicklungschance für das Kind!

 

Hat das Tragen von Schutzmasken bei den Erwachsenen und älteren Kindern einen Einfluss auf die soziale Entwicklung, weil die Mimik zum Teil verdeckt ist?
Also diese Sorge teile ich absolut nicht, denn der Großteil der Kommunikation findet ja eben zu Hause, ohne Maske statt. Und bereits Babys achten viel auf den Augenkontakt und erkennen schon wen man unter der Maske lächelt. Kinder hinterfragen auch nicht so viel und haben generell weniger Probleme damit, da für sie die Maske nicht negativ belegt ist. Wenn Kinder ein Handicap haben, kann das allerdings schon schwieriger sein. Hier wird dann ja auch in der Regel auf Visiere zurückgegriffen.

 

Könnte Corona auch eine Chance für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern sein?
Ich denke schon, durch das mehr an miteinander, lernt man sich einfach besser kennen. Ob positiv oder negativ.

Es gibt kaum etwas verbindenderes, als wenn man eine Krise zusammen gut meistert. Corona kann daher durchaus eine Chance sein, das Eltern und Kinder ihre Beziehung noch weiter intensivieren! Es ist auch eine Chance gegenseitig voneinander zu lernen und enger zusammenzuwachsen.

Das kann auch eine wertvolle Erfahrung für das spätere Leben sein!

 

Was raten Sie Eltern, worauf sie in dieser außergewöhnlichen Situation achten sollten?
Also ich rate Eltern zu einer anderen inneren Haltung – weg vom Perfektionismus und von pädagogisch wertvoll. Die Situation erfordert jetzt einfach auch Kompromisse und eine gehörige Portion Pragmatismus.

Das heißt wir müssen innerhalb der Familie schauen, was funktioniert und was funktioniert nicht, was ist ein Muss und was ist aber auch aufschiebbar. 

Wichtig ist, sich damit zu befassen, wie man es gemeinsam hinbekommt. Die innere Haltung spielt eine wichtige Rolle und in dieser Zeit sollte man sich einfach auf das wesentliche beschränken!

  • Strukturen schaffen: den Alltag mit Einheiten strukturieren. Macht es allen leichter, auch den Umgang mit den Kindern. Es ist z.B. wichtig, dass Kinder regelmäßig schlafen. Hier sind aber auch Puffer wichtig, es muss nicht der ganze Tag verplant werden.
  • Rückzugszonen schaffen und geben: das kann – je nach Möglichkeiten – in einem Raum sein, die Terrasse oder auch der Garten. Und wenn dort jemand ist, wird er auch mal in Ruhe gelassen. Das können wir als Erwachsene gut vorleben. Man bleibt immer in Hör-/Rufweite, signalisiert aber, dass man mal kurz raus muss. Diese kleine Auszeit ist dann nicht mehr negativ besetzt.
  • Für die Erwachsenen: Den Tag nochmal durchgehen und sich auch selbstreflektieren. Was hat gut geklappt / was hat nicht so gut geklappt. Das kann man auch als schönes Ritual mit den Kindern zusammen machen – „Was war heute dein schönster Moment“?

Das ist auch außerhalb von Corona eine schöne Sache und lässt den Tag gut enden.

 

Es ist übrigens nicht ungewöhnlich, wenn Kinder in stressigen Zeiten mal wieder einen kleinen Schritt zurück in der Entwicklung machen, z.B. plötzlich nicht mehr alleine schlafen wollen, vermehrt Babysprache benutzen, anhänglicher werden etc. Wenn allerdings ein Problem länger als drei, vier Wochen anhält und Eltern sich sorgen machen und / oder sich die Situation zu Hause zuspitzt, dann lohnt es sich auch mal den Lehrer/in, die Erzieher/in oder eine gute Freundin/ einen guten Freund anzurufen mit denen man sprechen kann. Sollte es nicht besser werden, sollte man sich nicht scheuen, professionelle Hilfe zu holen. Wenn es dann ein Anruf war und man das Feedback bekommt, dass alles gut ist, dann ist ja auch nichts weiter passiert. Wichtig ist, dass Kinder genauso unter Stress leiden wie Erwachsene. Sie zeigen dies nur anders: Kinder im Kindergartenalter drehen z.B. plötzlich mehr auf, fangen an zu klammern, zeigen eine große Spielunlust und Interessenlosigkeit. Auch ein stark verändertes Ess- und Schlafverhalten können Warnsignale sein.

 

Welche Tipps haben Sie für Eltern, die beispielsweise Homeoffice und Kinderbetreuung (ganz zu schweigen von Homeschooling, oder mehreren Kindern) vereinbaren müssen.
Ich würde hier gern die ultimative Lösung vorstellen wollen, aber ich glaube, dass die noch niemand gefunden hat.

Neben den bereits gesagten Dingen wie vor allem das Schaffen von Strukturen, Ruhezonen und auch der Reflexion des Alltags finde ich entscheidend eine innere Haltung zu diesem Thema zu entwickeln,

Hier ist das Konzept „Good Enough Parenting“, also das „gut genug Eltern sein“ sehr hilfreich. Das ist ein Konzept welches auch durch Studien belegt ist und zeigt das es nicht erforderlich ist, dass wir als Eltern immer perfekt sein müssen. Wenn wir als Eltern ca. die Hälfte aller Aktionen ganz gut hinbekommen, dann ist das schon wirklich gut für die Familie. Das kann man übrigens auch auf andere Lebensbereiche, wie z. B. die Arbeit, beziehen.

Und das sollte man auch mal Kindern zubilligen können. Auch die sind mal anstrengender als sonst, aber auch das ist okay. Wir haben sie ja trotzdem noch lieb. Und das sollte man ihnen dann auch zeigen.

 

Wenn ich mich als Elternteil - insbesondere durch Corona und den daraus hervorgehenden Änderungen der Familienalltages - überfordert oder belastet fühle, an wen kann ich mich wenden?
Nicht die Scheu haben sich Hilfe zu holen. Wenn man merkt, man kommt an eine Grenze und es geht einfach nicht mehr weiter gibt es verschiedene Hilfsangebote. Zum Beispiel über den Kinderschutzbund, das Sorgen-Telefon oder auch das Jugendamt. Hier gibt es keinen Grund sich zu schämen – das ist kein Zeichen von Versagen sondern von Verantwortung!

Und mein großer Wunsch: Eltern dürfen auch untereinander ehrlich sein. Es muss kein wetteifern geben. Zu sagen, dass es zu Hause auch mal nicht so glatt läuft ist eine gute und schöne Grundlage für ein Gespräch und führt auch zur Entlastung.

 

Kontaktdaten sind:

Brüllaffen Minden – Schreiambulanz und Elternberatung
Dr. Meike Bentz (Dipl. Psych.)

Tel.: + 49 571 38760646
Mobil: + 49 176 80685781
info@bruellaffen-minden.de

 

Geführt wurde das Interview von Toke Roolfs, stv. Pressesprecher und Abteilungsleiter Marketing und von Martine Machlitt, Referentin für Gesundheitsmanagement von der BKK Melitta Plus.